Wegen Unruhe in Santiago de Chile wird die Klimakonferenz 2019 jetzt im Madrid stattfinden.
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BerlinAus der Sicht von Berliner Klima-Aktivisten liegt der Konferenzort Madrid wesentlich günstiger als der ursprünglich geplante Ort Santiago de Chile. Zumindest, was den CO2-Fußabdruck betrifft – die umgerechnete Menge an Treibhausgasen, die man mit seiner Teilnahme freisetzt.

Ein Flug von Berlin nach Chile und zurück würde pro Teilnehmer mit 4,2 Tonnen Kohlendioxid zu Buche schlagen. Bei zehn Teilnehmern wären das 42 Tonnen – so viel, wie vier Bundesbürger im Jahr produzieren. Der Flug nach Madrid und zurück belastet das Konto „nur“ mit 0,68 Tonnen. Am günstigsten ist das Fahren mit der Bahn (38 Gramm) und dem Fernbus (32 Gramm). Aber es kostet auch Zeit. Und aus vielen anderen Teilen der Welt ist es kaum möglich.

Das Fliegen steht für viele im Zentrum der Klimadebatte. Man spricht bereits von „Flugscham“. Als Alternative wird sogar für dienstliche Fernreisen mittlerweile „Slow Travel“ empfohlen. Ein Kieler Ökonom berichtet, dass er zu einer Konferenz in Tokio und zu einer Studie in Papua-Neuguinea – insgesamt 27 900 Kilometer – mit Bus, Bahn und Schiff reiste. Er brauchte 40 Tage. Aber welcher Politiker, Wissenschaftler oder Aktivist hat so viel Zeit? Und geht die Debatte in die richtige Richtung?

Die Gesamtbilanz ist wichtig

Wie eine Studie im Jahr 2014 ergab, ist der weltweite Flugverkehr für zwei Prozent der Treibhausgas-Emissionen verantwortlich. Die Energiewirtschaft dagegen hat einen Anteil von fast 38 Prozent, gefolgt von der Industrie mit 20,7 Prozent und den Haushalten mit 10,2 Prozent. Fliegen ist oft notwendig, wenn man etwa zu einer wichtigen Konferenz reist, in der es darum geht, wichtige Klimaziele durchzusetzen.   Zum Ausgleich sollte dann an anderer Stelle kompensiert werden.

Es geht um die Gesamtbilanz. So berichtet das Potsdam-Institut für Klimaforschung (PIK), dessen Forscher auch zu Konferenzen fliegen, dass es für seinen leistungsstarken Super-Computer Grünstrom verwende. Mit seiner Abwärme werde ein ganzes Gebäude mit rund 200 Arbeitsplätzen beheizt. Als Dienstwagen nutze man vor allem E-Autos.

Videokonferenzen sind übrigens kaum eine Alternative für Konferenzen, in denen sich Menschen persönlich begegnen und austauschen. Schon die Herstellung der Geräte setzt CO2 frei, pro Laptop etwa 250 Kilogramm. Vor allem das Streaming von Videos im Internet – etwa von Konferenzvorträgen – kostet einer Studie zufolge Unmengen an Energie. Diese kommt nur bedingt aus erneuerbaren Quellen.

Bis zu 30.000 Besucher werden zu Madrider Weltklimakonferenz erwartet, die mancher gar als „Klimakiller“ bezeichnet. So wurde zum Beispiel für die Klimakonferenz in Kopenhagen 2009 berechnet, dass sie 46.000 Tonnen CO2 produziert habe, zum Teil durch die Flüge. Wichtig ist es aber auch hier, auf die Gesamtbilanz zu schauen: Aus welchen Quellen stammt die Energie für Hotels, Autos, U-Bahnen und Busse? Woher kommt das Essen? Hätten die Teilnehmer nicht zu Hause auch gewohnt, geheizt, gegessen, sich fortbewegt? Wie groß ist der Anteil erneuerbarer Energie an den verschiedenen Orten?

Individuelle Verhaltensänderungen sind zwar wichtig, könnten aber „die Klimaveränderung nicht wirksam begrenzen“, heißt es aus dem PIK. Es brauche systemische Veränderungen, etwa „eine substanzielle Bepreisung von CO2“. Diese würde auf die Kostenkalkulation aller Güter und Dienstleistungen durchschlagen, also auch auf den Flugverkehr.