Krankenschwestern in New York: Sie kämpfen an vorderster Front gegen das Coronavirus. 
Foto: AP/Mary Altaffer

New YorkDie ganze Woche lang hat sie sich auf diesen Sonntagvormittag gefreut. Der Gedanke daran war oft das einzige, woran sie sich festhalten konnte, um durchzuhalten. Es ist zehn Uhr, J. hat sich gerade einen Kaffee gemacht. Gleich wird sie sich ins Auto setzen und hinaus nach Coney Island fahren. Am Strand spazieren gehen, sich den Wind durch die Haare wehen lassen und vielleicht sogar ins Wasser springen, obwohl das Meer Mitte April gerade einmal zehn Grad hat.

So spült sich J. an jedem Sonntag die Woche vom Leib, diesen nicht enden wollenden Albtraum, in dem sie gefangen ist, seit das Coronavirus über ihre Heimatstadt New York hereingebrochen ist. „Wenn ich den Strand nicht hätte, würde ich es nicht aushalten.“

J. ist Krankenschwester in der Notaufnahme eines großen New Yorker Krankenhauses. Ihr Arbeitgeber hat einem Medienkontakt nicht zugestimmt. Seit aus einigen Krankenhäusern der Stadt Horrormeldungen von chaotischen Zuständen und Leichenbergen nach außen gedrungen sind, ist man vorsichtig geworden. Deshalb möchte J. lieber anonym bleiben.

In der vergangenen Woche hat sie 65 Stunden gearbeitet. Ihr Krankenhaus in Manhattan hat sie an eine zweite Klinik in Brooklyn ausgeliehen, weil dort das Personal knapp geworden ist, ihr Arbeitspensum hat sich beinahe verdoppelt. „Seit das Virus ausgebrochen ist“, sagt sie, „sind wir alle am Limit.“

Die Anzahl der Notfallpatienten in New Yorker Krankenhäusern hat sich seit Anfang März mehr als verdoppelt, rund 3500 Patienten liegen gegenwärtig in Intensivbetten. Gleichzeitig ist beinahe ein Drittel des Personals krank geworden. „Es fehlt eigentlich zu jeder Schicht jemand“, erzählt J. „Und wir arbeiten fast alle doppelte Schichten.“

Dabei ist es lange nicht so schlimm gekommen, wie viele am Anfang befürchtet hatten. Mitte März schien es so, als würde das gesamte Krankenhaussystem von New York kollabieren. Von einem Bedarf von bis zu 140.000 Betten war die Rede, die Stadt hatte nur 20.000 zur Verfügung. Es mangelte an Schutzkleidung und an Beatmungsgeräten und in einigen Krankenhäusern war bereits das Chaos ausgebrochen. Infizierte Patienten waren nicht mehr von Nicht-Infizierten zu trennen, man hatte keinen Platz mehr für die vielen Leichen. Das New Yorker Gesundheitswesen ächzte und krachte an allen Ecken und Enden.

Doch die totale Katastrophe blieb aus. Die Stadt schaffte es, die Kapazitäten zu verdoppeln, die strikten Quarantänemaßnahmen zeigten gerade noch rechtzeitig Wirkung. Seit vergangener Woche flacht die Kurve mit Neuinfektionen und Neuaufnahmen in die Krankenhäuser deutlich ab. Die Stadt hat den Höhepunkt der Krise überschritten, auch wenn Bürgermeister Bill de Blasio immer wieder warnt, dass man noch lange nicht über den Berg sei. Und das merkt J. jeden Tag. „Es kommen jetzt zwar deutlich weniger Patienten“, sagt sie. „Aber die, die kommen, sind in viel kritischerem Zustand.“

Ein Dankeschön in den Fenstern eines Wohnhauses gegenüber dem NYU Langone Health Hospital in New York. 
Foto: dpa/Vanessa Carvalho

Die New Yorker haben in den vergangenen Wochen eine bittere Lektion gelernt. Weil anfangs so viele Covid-19-Patienten, die noch nicht in kritischem Zustand waren, abgewiesen wurden, warten sie länger, bevor sie den Notarzt rufen. Immer mehr Menschen sterben deshalb zu Hause. Anfänglich wurden diese Covid-19-Toten gar nicht gezählt, als man sie endlich mit in die Statistik aufgenommen hatte, schoss die Mortalitätsrate in New York über Nacht drastisch nach oben.

Für J. bedeutet die neue Lage, dass sie Stunde für Stunde folgenschwere Entscheidungen treffen muss. „Die Leute kommen rein und ich muss innerhalb von Minuten überlegen, ob sie sofort intubiert werden müssen, ob sie gleich an ein Beatmungsgerät sollen, ob eine Maske reicht oder ob ich sie wieder nach Hause schicken soll.“

Dabei hilft ihr und ihren Kollegen, dass sie täglich mehr über das Virus lernen. „Das war am Anfang ein völliger Blindflug. Wir fangen jetzt erst so langsam an zu verstehen, wie das Virus wirkt.“ So hat J. noch vor drei Wochen nur nach den offensichtlichsten Symptomen wie Fieber und schweren Atemwegssymptomen geschaut. Mittlerweile weiß sie, dass das Virus sich auch ganz anders zeigen und etwa mit Magen-Darm-  oder Nierenbeschwerden einhergehen kann.

Vor allem habe man jedoch gelernt, die Menschen nicht sofort an ein Beatmungsgerät zu hängen. „Wir zögern das so lange wie möglich hinaus. Wer erst mal am Beatmungsgerät hängt, der hat keine guten Überlebenschancen.“ Höchstens 20 Prozent der Patienten, sagt sie, kämen von den Geräten wieder los.

Und dann sind da die Gespräche, die J. mit Angehörigen führen muss, insbesondere denen älterer Patienten. Gemeinsam und schnell muss entschieden werden, was im Fall der Fälle zu tun ist, einem Fall, der beim Coronavirus jederzeit und blitzschnell eintreten kann. Wie aggressiv soll man vorgehen? Soll man bis zum letzten kämpfen oder lieber ein möglichst leidensfreies Dahinscheiden ermöglichen? Die Gespräche seien nie zu ertragen, die  Antworten immer schlecht.

J. kann das alles nicht im Krankenhaus lassen: „Ich nehme das mit nach Hause.“ Die Entscheidungen, die sie hat treffen müssen, quälen sie, nächtelang, „es gibt Patienten, die gehen mir einfach nicht aus dem Kopf.“ Nur am Sonntag, am Meer, findet sie ein klein wenig Frieden.

Es ist nicht bloß die Sorge um die Patienten, die J. nachts wach liegen lässt. Es ist auch die ständige Angst, dass sie selbst die nächste sein könnte, die an einem Beatmungsgerät hängt. „Natürlich denkt man ständig daran. So, wie jeder New Yorker in diesen Tagen ständig daran denkt.“

Wie sie damit umgeht? „Die Angst geht nicht wirklich weg“, sagt sie. „Sie wird eher normal, es wird ein Teil von dir.“ Ein dumpfes Gefühl, wenn sie morgens ihre Schutzkleidung anzieht und zur Arbeit geht, ein Gefühl, an das man sich irgendwie gewöhnt hat und an das man sich doch nie ganz gewöhnen kann.

Das Gefühl würde natürlich verschwinden, wenn sie endlich einen Test machen könnte und Gewissheit hätte, ob sie das Virus  schon gehabt hat. Doch es gibt selbst für Leute wie J., die an vorderster Front gegen das Coronavirus kämpfen, in Amerika noch immer nicht genügend Tests.

Wenn J. auch daran noch denken würde, wie die US-amerikanische Regierung sie und ihre Patienten gefährdet, dann würde sie in maßlosen Zorn geraten, sagt sie – so wie ihre Mutter, die ständig auf Trump schimpft, weil er das Leben ihrer Tochter aufs Spiel setzt. Doch J. hat im Moment keine Kraft dafür übrig, über die Politik nachzudenken. „Ich kann nur einen Tag nach dem anderen nehmen.“ Alles andere würde sie restlos überwältigen.