Gesund im Mund? In Deutschland hat fast jeder Zweite im Alter zwischen 35 und 44 Jahren eine Zahnfleischentzündung. 
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Manche Zusammenhänge erschließen sich erst auf den zweiten Blick. Zum Beispiel der zwischen einem gesunden Mund und einem gesunden Herz. Dass es da eine Verbindung gibt, bestreitet inzwischen wohl kein Mediziner mehr. „Schwere Zahnfleischentzündungen haben Auswirkungen auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen“, konstatieren aktuell die Europäische Föderation für Parodontologie und der Weltherzverband in einem gemeinsamen Bericht im Fachmagazin Journal of Clinical Periodontology.

In dem Fachartikel gibt das Team um Mariano Sanz von der Universität Complutense in Madrid Empfehlungen für Zahnärzte und Kardiologen, aber auch für Patienten. Der wohl wichtigste Rat für alle: Bei einer Herz-Kreislauf-Erkrankung sollte man in besonderem Maße auf die Mundhygiene achten. „Die in diesem Konsensbericht genannten gesundheitlichen Auswirkungen und Empfehlungen sollten allen Beteiligten bei der Umsetzung von Maßnahmen zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf- und Zahnfleischerkrankungen dienen“, betont Sanz.

Arterienverkalkung, Herzinfarkt und Schlaganfall

Die im Bericht genannten Zahlen sprechen für sich: Weltweit sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen die Ursache von 17,9 Millionen Todesfällen pro Jahr, was etwa einem Drittel aller Todesfälle entspricht. In Europa gehen sogar 45 Prozent aller Sterbefälle auf solche Erkrankungen zurück.

Zahnfleischentzündungen, auch Parodontitis genannt, liegen demnach bei 11,2 Prozent der Weltbevölkerung vor. In Deutschland sind von der Krankheit, die zu Zahnverlust führen kann, vor allem ältere Menschen betroffen. Wie die neueste Deutsche Mundgesundheitsstudie von 2016 zeigte, weisen auch 43 Prozent der 35- bis 44-Jährigen eine moderate und 8 Prozent eine schwere Parodontitis auf.

Die Forscher gehen in ihrem Bericht detailliert auf einzelne Herz-Kreislauf-Erkrankungen ein – vor allem Arterienverkalkung (Arteriosklerose), Herzinfarkt und Schlaganfall. Sie zeigen auf, wie deutlich der Zusammenhang zwischen der jeweiligen Erkrankung und einer Parodontitis ist.

Bakterien, die eine Parodontitis auslösen, können über die Blutbahn in andere Körperregionen gelangen. So sind sie etwa in krankhaftem Gewebe bei Arteriosklerose nachgewiesen worden. Schon bei einer Verletzung des Zahnfleischs durch falsches Zähneputzen können Bakterien in den Blutkreislauf geraten.

Die Autoren raten Zahnärzten unter anderem, Patienten mit Parodontitis auf das höhere Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen hinzuweisen. Kardiologen sollten ihren Patienten klarmachen, dass eine wirksame Therapie einer Parodontitis sich positiv auf die Gesundheit des Herz-Kreislauf-Systems auswirken kann.

Regelmäßig Zähne putzen und zur Vorsorgeuntersuchung

Und Patienten sollten auf Veränderungen ihres Zahnfleisch und der Zahnfestigkeit achten. Außerdem sollen sie zweimal täglich mindestens zwei Minuten die Zähne putzen und regelmäßig zur Vorsorgeuntersuchung beim Zahnarzt gehen.

Dietmar Oesterreich, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer, begrüßt die Publikation als weiteren Beleg für viele Erkenntnisse. Viele Zusammenhänge zwischen dem Mundraum und dem übrigen Körper seien bereits Gegenstand der Aus- und Fortbildung von Zahnärzten.

Der Austausch zwischen Zahnärzten, Hausärzten, Kardiologen und weiteren Ärzten eines Patienten gehöre heute zum Standard, sagt er. „Als Zahnarzt muss ich wissen: Welche Behandlung ist für den Patienten zumutbar, geeignet und erforderlich?“ Zwar seien die Fallzahlen von Parodontitis in den vergangenen Jahren leicht rückläufig, doch sei durch den demografischen Wandel wieder mit mehr Fällen zu rechnen.