Krebs macht arm, vor allem junge Patienten – gerade in Berlin

Nicht nur sozial Schwache tragen das Risiko, durch eine Tumorerkrankung in die Armut abzurutschen. Das Problem reicht weit in die Mittelschicht hinein.

Eine junge Krebspatientin beim Arztgespräch.
Eine junge Krebspatientin beim Arztgespräch.imago/Elnur

Anna F., 34 Jahre alt, wohnhaft in Berlin-Moabit. „Das reicht an persönlichen Angaben.“ Anna F. geht es schließlich ums Grundsätzliche. Darum, dass Krebs arm machen kann, das Risiko erhöht, in finanzielle Schieflage zu geraten. In der momentanen Krise zumal, angesichts der hohen Inflation und stark steigender Lebenshaltungskosten.

Anna F. hat Brustkrebs, an Arbeit in ihrem Beruf als kaufmännische Angestellte ist derzeit nicht zu denken. Sie ist alleinerziehende Mutter von zwei schulpflichtigen Kindern, hat immerhin Glück im Unglück, kann sich auf ihre Eltern verlassen, die eine gute Rente beziehen, frei von finanziellen Sorgen sind und aushelfen, wo es geht. „Ohne sie würde es eng.“

Pro Jahr erhalten in Deutschland mehr als eine halbe Million Menschen die Diagnose Krebs. In Berlin sind es etwa 17.500, in deren Leben von einem Moment auf den anderen nichts mehr so ist, wie es einmal war. Plötzlich geht es ums Überleben, die Therapie bestimmt den Alltag, die körperlichen und seelischen Nebenwirkungen drängen in den Vordergrund. Irgendwann erhöhen finanzielle Probleme die ohnehin schon große Last. Je länger die Behandlung dauert, desto schwerer drücken sie.

Bei Anna F. hat der Arbeitgeber wie üblich sechs Wochen lang das Gehalt weitergezahlt. Danach schließt sich bei sozialversicherungspflichtig Beschäftigten das Krankengeld an. Es beträgt 70 Prozent des Bruttolohns, bis zu 72 Wochen lang. Doch oft sind Therapien zeitaufwendiger. Wie viele Patienten dadurch in Not geraten, lässt sich nur schätzen. Erhebungen gab es dazu nicht. Das ändert sich jetzt.

Mehrheit der Krebspatienten fühlt sich durch Zuzahlungen belastet

„Die Studienlage ist nicht befriedigend gelöst“, sagt Michael Schlander. Der Mediziner und Wirtschaftswissenschaftler leitet die Division Gesundheitsökonomie am Deutschen Krebszentrum in Heidelberg. Er hat mit anderen Wissenschaftlern in zehn europäischen Ländern Krebspatienten befragt, rund 2000 insgesamt. In Deutschland waren es einige Hundert.

Eine erste Erkenntnis für das deutsche Gesundheitssystem: „Ziemlich genau zwei Drittel fühlen sich hierzulande durch Zuzahlungen belastet“, sagt Schlander. Durch Ausgaben, für die nicht die Solidargemeinschaft aufkommt. „Von diesen zwei Dritteln berichtet wiederum ein Viertel von Zuzahlungen über mehr als 200 Euro monatlich. Und zwar über alle Stadien der Krebserkrankung hinweg, auch bei denjenigen, die als geheilt gelten.“ An diesem Sonnabend wird Schlander auf dem Krebsaktionstag in Berlin weitere Erkenntnisse präsentieren.

Auch Anna F. zahlt für einige Medikamente den Patientenanteil aus der eigenen Tasche. Wenigstens muss sie nicht für die Betreuung ihrer Kinder aufkommen. Wenn sie nicht in der Lage war, sich um Sohn und Tochter zu kümmern, sprangen die Großeltern ein. Eine Haushaltshilfe benötigte sie ebenfalls nicht. „Nicht alle Alleinerziehenden können in einer solchen Situation auf Angehörige zurückgreifen“, sagt Anna F.

Während die Ausgaben steigen, sinken die Einnahmen. Auch das versuchen Schlander und Kollegen mittels Studie sichtbar zu machen. Seit rund zehn Jahren sammeln sie Daten. „Wir sehen Einkommensverluste in einer durchschnittlichen Größenordnung von mehr als 20 Prozent.“ Dabei sind neben Alleinerziehenden vor allem auch junge Menschen betroffen. Sie haben noch nicht lange in die Sozialkassen eingezahlt, ihre Ansprüche sind entsprechend gering. Zudem befinden sich viele in prekären Anstellungsverhältnissen, verfügen nur über befristete Verträge.

Jährlich 16.500 neue Krebspatienten zwischen 18 und 39 Jahren

„Das Verständnis ist bei vielen Arbeitgebern nicht stark ausgeprägt“, sagt Bernd Crusius, Geschäftsführer beim Haus der Krebs-Selbsthilfe in Bonn, das 80 Prozent aller Krebspatienten in Deutschland repräsentiert. „Deswegen neigen junge Arbeitnehmer dazu, eine Krebserkrankung diskret zu behandeln.“

Anders als zu vermuten wäre, ist diese Patientengruppe nicht klein. Jährlich erkranken in Deutschland etwa 16.500 im Alter zwischen 18 und 39 Jahren an Krebs. „Man muss den Arbeitgebern klarmachen, dass erkrankte Menschen vielleicht eine Auszeit brauchen, danach aber wieder voll leistungsfähig und leistungsbereit sind“, sagt Crusius. Er fordert mehr Beratung, könnte sich vorstellen, dass die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung dafür eingespannt wird.

Bei Studenten ist es die Familie, die Halt geben kann. Überhaupt gelte es den Blick von Einkommen und Zuzahlung zu lösen, sagt Schlander: „Entscheidend ist die Vermögenssituation der Haushalte.“ Deswegen könne Krebs durchaus auch den Mittelstand vor Probleme stellen. „Neben der Haushaltsgröße und dem informellen Netzwerk spielen zum Beispiel Aspekte wie ein Hauskredit oder sonstige Darlehen eine Rolle“, sagt Schlander. Das Risiko, sozial abzurutschen, ist auch für Selbstständige groß.

Als Ballungsraum, als größte Stadt der Republik müsste Berlin besonders vom Armutsrisiko betroffen sein, allein schon wegen der großen Zahl an Krebspatienten. Doch auch in der Hauptstadt lässt sich das Ausmaß nur schätzen. Es bleibt bei Indizien, wozu die Sozialdaten gehören: Demnach ist der Anteil prekärer Arbeitsverhältnisse, verbunden mit geringem Einkommen, relativ hoch. Die sogenannte Armutsgefährdungsquote beträgt 19,6, in Bayern dagegen nur 12,6 Prozent.

Härtefonds der Berliner Krebshilfe fürchtet ausbleibende Spenden

Für diejenigen, die durch das soziale Netz fallen, gibt es ein Notprogramm,  den Härtefonds der Berliner Krebsgesellschaft. Auch die Deutsche Krebshilfe unterhält einen solchen Fonds, der durch Spenden finanziert wird. Das erweist sich in der momentanen Lage als schwierig. „In der Bevölkerung dominieren gerade andere Themen“, sagt Barbara Kempf, Geschäftsführerin der Berliner Krebsgesellschaft. „Wir sehen einen dramatischen Einbruch bei den Spenden.“

Mehr als 200 Anträge auf Hilfe aus dem Berliner Fonds gehen in jedem Jahr ein, vermittelt durch die Bezirksämter: 200 Menschen, die ihre Scham ab- und ihre Not offenlegen. Die überhaupt von diesem Sicherheitsnetz wissen. „Gesundheit hängt auch davon ab, wie gut der Zugang zu Informationen ist“, sagt  Kempf,  Fachärztin für Hämatologie und Onkologie.

Nicht nur Krebs erhöht das Risiko, arm zu werden, Armut erhöht auch das Risiko, an Krebs zu erkranken. Das ist wissenschaftlich gut belegt. Soziale Stellung, Bildung und Sprache sind wichtig, in der Vorsorge zumal. Die Berliner Krebsgesellschaft bietet deshalb an drei Standorten besondere Beratungen an. Kultursensibel ist der Fachbegriff, kultursensibel ist auch der Berliner Krebsaktionstag. Er kann erstmals auch auf Türkisch verfolgt werden.

Anna F. interessiert sich für eine Diskussionsrunde am Sonnabend um 13.15 Uhr. Auch Professor Schlander nimmt daran teil. Der Titel – klar: „Krebs und Armut“.