Klinikreform: „Planwirtschaftlicher Ansatz führt zu Dauer-Triage“

Die Berliner Johannesstift Diakonie gAG sieht die Versorgungssicherheit gefährdet und Unikliniken bevorteilt. Ein Protestbrief geht an alle Parteien.

Ein OP-Raum im Martin Luther Krankenhaus, das zur Johannesstift Diakonie gehört. 
Ein OP-Raum im Martin Luther Krankenhaus, das zur Johannesstift Diakonie gehört. imago/Massimo Rodari

Profitieren die Patienten in Deutschland vom Wettbewerb der Kliniken? Lutz Fritsche hat diese Frage jetzt gestellt und die Antwort gleich mitgeliefert: Ja, sie profitieren. Fritsche ist Vorstand Medizin der Johannesstift Diakonie, die im Nordosten Deutschlands zehn Krankenhäuser betreibt, unter anderem in der Region Berlin. Der Professor sieht die Reform der Kliniklandschaft hierzulande kritisch. So wie viele Akteure auf dem Gesundheitssektor – jeder allerdings aus seiner Perspektive.

Der Reformvorschlag einer Regierungskommission sieht vor, dass die rund 1900 Krankenhäuser der Republik in drei Stufen eingeteilt werden: von Level drei, Unikliniken, große Häuser, bis hinab zu Level eins, regional, kommunal, klein. In dieser untersten Kategorie wird nochmals unterschieden nach Krankenhäusern, die eine Notaufnahme besitzen und solchen, die nur noch eine „integriert ambulante Versorgung“ gewährleisten, somit nicht mehr 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche das komplette stationäre Programm vorhalten.

Das bedeutet, dass nachts bestimmte Behandlungen unterbrochen und die Patienten nach Hause geschickt werden. „Hop-on-hop-off-System“ nannte etwa Eugen Brysch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz  das Vorhaben. Dagegen befand der GKV-Spitzenverband im Namen der gesetzlichen Krankenkassen: „Das Ziel einer stärkeren Ambulantisierung“, das Bundesgesundheitsminister Lauterbach (SPD) ausgegeben hat, „werden wir nicht erreichen.“ Das bestehende System werde zementiert. Lutz Fritsche wiederum kritisiert: „Die Leistungen werden umverteilt.“ Die Unikliniken würden bevorzugt, die kleinen und mittleren Häuser blieben auf der Strecke. Der Berliner Manager kritisiert: „In die Regierungskommission wurden Vertreter von Uniklinken berufen, deren Vorschläge vor allem Unikliniken zugutekommen.“

Die Johannesstift Diakonie betreibt Häuser unterhalb dieser höchsten Kategorie. Als gemeinnützige AG (gAG) beschäftigt sie insgesamt rund 10.400 Menschen. Ihre Kritik hat sie in einem offenen Brief festgehalten. An diesem Freitag soll er „den Entscheidungsträgern aller demokratischen Parteien vorliegen“, sagt Vorstand Fritsche. Ein zentraler Kritikpunkt darin: „Der ‚planwirtschaftliche Ansatz‘ führt zu längeren Wartezeiten und einer fortwährenden Triage-Situation.“

Nicht mehr jedes Krankenhaus soll künftig alles machen können

Fritsche sieht dadurch die Versorgungssicherheit gefährdet und zieht als Beispiel Dänemark heran. Dort hat bereits ein Konzentrationsprozess stattgefunden. Etliche kleine Krankenhäuser wurden geschlossen. Inzwischen gibt es nur noch 18 große Klinikzentren, um die Ambulanzen entstanden sind. „Die Zahl der Patienten, die in dänischen Krankenhäusern an einem Herzinfarkt gestorben sind, ist zwar gesunken“, sagt Fritsche. „Dagegen sterben nun mehr Menschen außerhalb eines Krankenhauses an einem solchen Infarkt.“

Nicht jedes Krankenhaus soll künftig alles machen können, zumindest dieses Ziel des Bundesgesundheitsministers scheint allseits auf Zustimmung zu stoßen. Dass Kooperationen zu größerer Effizienz und damit zu geringeren Kosten führen, ist offenbar ebenfalls Konsens. Genauso, dass eine Strategie gefunden werden muss, um immer knapper werdende personelle Ressourcen an den Stellen einzusetzen, wo sie am nötigsten gebraucht werden. In der Frage, wie diese Kooperation organisiert wird, gehen die Meinungen jedoch auseinander.

Der Berliner Klinikmanager Fritsche orientiert sich am Krankenhausplan Nordrhein-Westfalens. Mehr Kooperation ist auch dessen Ziel. In dem bevölkerungsreichsten Bundesland soll die Versorgung dadurch gesichert sein, dass ein Krankenhaus mit internistischer und chirurgischer Abteilung für 90 Prozent der Bevölkerung binnen maximal 20 Autominuten erreichbar sein muss. Darüber hinaus soll Wettbewerb in dem Sinne gelten, der Fritsche vorschwebt. „In NRW soll ein Krankenhaus das machen, was es am besten kann.“ Weil es einen bestimmten Eingriff oft macht. Wer welches Angebot innerhalb der Kooperation vorhält, richtet sich deshalb nach Fallzahlen.

„Die Schweiz verfolgt einen ähnlichen Ansatz“, sagt Fritsche. „Die einfachen Eingriffe werden dort gebündelt, wo sie hingehören.“ Eine planbare Darm-OP könne durchaus bei einem Krankenhaus der mittleren Kategorie gut aufgehoben sein. „Komplexe Eingriffe dagegen, für die möglicherweise mehrere Fachrichtungen benötigt werden, sollten Universitätskliniken übernehmen, die dafür die nötigen Spezialisten vorhalten.“

Diese Art Wettbewerb funktioniert allerdings nicht in allen Bereichen. Auch diese Erkenntnis hat sich inzwischen durchgesetzt. „Bei einer Reform muss klar sein, welche Leistungen wir steuern wollen“, sagt Fritsche. „In der Geburtshilfe oder der Pädiatrie können wir nicht nach Fallzahlen gehen.“ Denn die können in beiden Fachrichtungen stark schwanken, wie nicht zuletzt die Überlastung der Kinderkliniken durch die anhaltende Infektionswelle derzeit zeigt. Dass Lauterbachs Reform Geburtshilfe und Pädiatrie dem Wettbewerb entziehen will, trifft dann auch auf allgemeine Zustimmung, immerhin.