Aufnahme aus einem Kinderwunschzentrum: Bei der Intrazytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI) wird in eine Eizelle ein Spermium injiziert. Der Vorgang wird per Mikroskop gesteuert.
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BerlinEskimo nennen die Eltern manchmal Maria, ihre Kleinste. Nur unter sich, die Vierjährige muss ja noch nicht unbedingt wissen, dass sie aus dem Eis gekommen ist. 2002 waren bei Stefan Rosen nach einer Therapie gegen Schilddrüsenkrebs kaum noch Spermien im Hoden übrig geblieben. Nach dem ersten Schock kam der ersehnte Nachwuchs doch noch zur Welt – dank In-vitro-Fertilisation (IVF), übersetzt: „Befruchtung im Glas“. Im April 2014 wurden die Zwillinge Anne und Karin geboren. Vier überzählige Embryonen blieben eingefroren im Stickstoffbad zurück. Zwei Jahre später wünschten sich Stefan und seine Frau Beate ein weiteres Kind, und so wurde schließlich Maria aufgetaut und in Beates Gebärmutter gesetzt.

Was inzwischen fast normal ist, war vor 42 Jahren eine Sensation. Am 25. Juli 1978 wurde Louise Brown, das erste „Retortenbaby“, geboren. Sie kam im britischen Oldham per Kaiserschnitt zur Welt. Der Gynäkologe Patrick Steptoe und der Physiologe Robert Edwards hatten bei ihrer Mutter zum ersten Mal die In-vitro-Fertilisation angewendet. Das Datum wird von vielen als „Tag des Wunschkindes“ begangen. Bei jedem 37. Kind, das in Deutschland geboren wird, ist der Weg zum Wunschkind inzwischen ein solcher Prozess, der nicht mehr nur von Glück und Liebe, sondern von Technik, gutem Einkommen und gutem Gefrierschutzmittel abhängig ist. Von Risiken, Nebenwirkungen und Langzeitproblemen ist dabei – wenn überhaupt – nur am Rande die Rede.

In einem Artikel im Deutschen Ärzteblatt hat Michael von Wolff, Chefarzt der Reproduktionsmedizin am Inselspital Bern in der Schweiz, vor einiger Zeit zusammengetragen, was manche Kollegen gerne unter den Tisch fallen lassen: Um 33 Prozent höher als bei natürlich gezeugten Babys liegt demnach die Wahrscheinlichkeit, dass ein IVF-Kind mit einer Fehlbildung geboren wird. 45 Prozent häufiger kommen IVF-Kinder mit einem Herzfehler auf die Welt, um 36 Prozent erhöht ist die Wahrscheinlichkeit für Veränderungen von Gehirn und Rückenmark. Überdies werden nach einer künstlichen Befruchtung die Kinder fast doppelt so häufig zu früh geboren, ähnlich liegt die Wahrscheinlichkeit für Untergewicht am ersten Lebenstag.

Für Fachleute kommen die Zahlen nicht überraschend, denn von Wolff hat nur die Forschungsergebnisse anderer zusammengetragen. „Ich wollte wissen, wo wir stehen“, sagt er. Schon ein Jahr zuvor hatte Urs Scherrer, ein Kollege aus seinem Spital, festgestellt, dass Kinder, die nach künstlicher Befruchtung auf die Welt kommen, schon im jugendlichen Alter leicht erhöhte Blutdruckwerte aufweisen. Das spreche für eine beschleunigte Gefäßalterung, sagte der Experte. Von Wolff hat ebenfalls Anzeichen dafür gefunden, dass sich die Gesundheit der Kinder langfristig ungünstig entwickelt. Neben erhöhten Blutdruckwerten stieß er zum Beispiel auf die Tendenz zu einem gestörten Zuckerstoffwechsel. Was sich durch das Nahrungsüberangebot im Reagenzglas plausibel erklären ließe – der Nährstoffüberschuss im Bauch übergewichtiger Mütter hat ganz ähnliche Effekte.

Die entscheidende Frage, welche Schlussfolgerungen aus diesen Warnzeichen zu ziehen sind, kann niemand beantworten. Louise Joy Brown ist jetzt 42 Jahre alt. Veränderte Blutdruck- und Blutzuckerwerte machen in der Regel erst ab Mitte fünfzig Probleme. Das heißt: Eigentlich kann noch niemand sagen, was eine IVF für das Leben eines Menschen bedeutet.

Bei Rosens sind bislang keine Auffälligkeiten zu berichten. Der eine Zwilling macht mit seinem Temperament manchmal Eltern und Lehrern das Leben schwer. Maria weigerte sich zunächst zu sprechen, hat sich aber inzwischen vom Sorgenkind zum Sonnenschein entwickelt. Aber sind all das nicht Probleme, wie man sie auch aus anderen Familien kennt? „IVF-Kinder sind keine anderen Kinder“, sagt Heribert Kentenich, Leiter des Fertility Centers Berlin und Professor an der Berliner Charité. Zahlreiche Studien belegten: Auf der Ebene von Psyche, Intelligenz und zwischenmenschlichen Beziehungen gibt es im Vergleich zu natürlich gezeugten Jungen und Mädchen keine Unterschiede. Auffällig seien nur die gesundheitlichen Risiken.

Mehr als 20.000 Kinder im Jahr

Die Prozeduren: Bei 61.114 Frauen wurden im Jahr 2018 in Deutschland 106.890 künstliche Befruchtungsversuche vorgenommen. Das geht es aus dem IVF-Register hervor. 

Die Erfolgsquote: 17,2 Prozent dieser Behandlungszyklen waren 2017 erfolgreich und die Eltern gingen mit einem Baby nach Hause.

Die Zahl der Kinder: Insgesamt 21.295 Kinder wurden im Jahr 2017 auf diese Weise gezeugt. Entsprechende Daten für 2018 existieren noch nicht.

Und auch die müsse man in Relation rücken, sagt sein Kollege Michael von Wolff. Eine Fehlbildungsrate von plus 33 Prozent klingt zunächst einmal viel, absolut gesehen erhöht sich das Risiko pro Schwangerschaft aber nur von 4,6 auf 6,1 Prozent – das ist schon deutlich weniger furchteinflößend. Auch ein Herzfehler bleibt mit einer Wahrscheinlichkeit von einem Prozent immer noch sehr selten, die Frühgeburtsquote steigt durch die Technik von 7 auf 12,5 Prozent.

Den nobelpreisgekrönten Erfindern der Technik, Robert Edwards und Patrick Steptoe, waren solche Bedenken fremd, als sie Louise Brown 1978 auf die Welt verhalfen. Was sollte schon schiefgehen? Ein per künstlicher Befruchtung gezeugtes Kind habe schließlich dasselbe Genrepertoire wie jeder andere Erdbewohner, nahmen sie an. Inzwischen weiß man allerdings, dass die Aktivität dieser Gene wiederum durch kleine chemische (epigenetische) Veränderungen des Erbguts gesteuert wird. Und auf die scheint sich die Befruchtung und das Wachstum außerhalb des Körpers eben doch auszuwirken.

Das Muster der Methylgruppen, die sich auf die DNA setzen und dadurch einzelne Abschnitte an- oder abschalten, ist bei einem IVF-Embryo nachweislich verändert. Zudem treten epigenetische Krankheiten bei den Kindern fast viermal häufiger auf, zum Glück sind sie jedoch Raritäten. Die Veränderungen in Bezug auf Blutdruck und Zuckerstoffwechsel erklärt man sich ebenfalls mit solchen Mechanismen.

Nach der Befruchtung wird die epigenetische Steuerung fast aller Gene auf null gestellt, in den paar Tagen, die der Embryo im Reagenzglas wächst, wird sie wieder neu justiert. Die Wahl des Nährmediums beeinflusst wahrscheinlich aus diesem Grund Wachstumsgeschwindigkeit und Gewicht des Kindes. Umso bedenklicher findet es Michael von Wolff, dass dessen Zusammensetzung bisher von den Herstellern geheimgehalten wird. Damit kann kein Reproduktionsmediziner wissen, welchen Einflüssen er die Kinder aussetzt.

Dass die Sache nicht ganz unbedenklich ist, lag allerdings schon 1978 auf der Hand. Statt es den Spermien und Eizellen in einer Art natürlichem Wettbewerb zu überlassen, die geeignetsten Kandidaten für die Zeugung zu ermitteln, nehmen die Reproduktionsmediziner die Auswahl nun selbst in die Hand. Und es überleben auch nicht mehr länger die Embryonen, die sich in der Gebärmutter am besten zurechtfinden, sondern solche, die am resistentesten gegenüber mechanischen Manipulationen im Labor, dem Kontakt mit Plastikoberflächen und abrupten Temperaturwechseln sind. Es gibt Wissenschaftler, die deshalb sagen, die IVF habe die menschliche Evolution verändert.

Dennoch überprüften die Fortpflanzungsmediziner erst Ende der 90er-Jahre, wie sich all das auf die Gesundheit der Kinder auswirkt. Das ist der Vorwurf, den Urban Wiesing macht. „Die Methode wurde einfach unerforscht weiterverbreitet“, kritisiert der Leiter des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin an der Universität Tübingen. Sieben Millionen IVF-Kinder später kann man die Situation zwar ein bisschen besser einschätzen, wirklich erfasst und untersucht wurden die Geburten aber nur in skandinavischen Ländern. Diese Register belegen auch, dass die unterschwellige Botschaft der Reproduktionsmediziner an die Eltern nicht stimmt. Denn bisher heißt es oft: Wenn etwas schiefgeht, liegt es an eurem Alter, eurer Unfruchtbarkeit, euren Genen. Selbst wenn man solche Faktoren in die Rechnungen mit einbezieht, bleibt das erhöhte Risiko für IVF-Kinder bestehen, es ist nur etwas geringer.

Bei der Einführung der ICSI, der intrazytoplasmatischen Spermieninjektion, in den 90er-Jahren ließen es die Reproduktionsmediziner erneut an Verantwortungsgefühl fehlen. Bei dieser Variante findet das Spermium in der Petrischale nicht von selbst den Weg in die Eizelle, sondern wird mit einer feinen Nadel injiziert. Erst mit einem Jahrzehnt Verspätung wurde untersucht, wozu es führt, wenn derart nachgeholfen wird.

Inzwischen spricht vieles für den Verdacht, dass die ICSI-Technik mit zusätzlichen Fehlbildungen des Harn- und Genitalsystems verbunden ist. Zudem scheinen bei den Kindern häufiger intellektuelle Einschränkungen oder Autismus vorzukommen.

Deshalb sollte die Technik eigentlich solchen Fällen vorbehalten bleiben, für die sie einst erfunden wurde, rät von Wolff. Und zwar Fälle, in denen der Mann nicht imstande ist, reife Samen zu produzieren. In der Realität ist man inzwischen deutlich großzügiger: Etwa 46 Prozent der künstlichen Befruchtungen werden laut Deutschem IVF-Register auf diese Weise durchgeführt, angeblich weil die ICSI bessere Erfolgsquoten verspricht. Belegt ist das nicht.

In etwa jedem fünften Fall kommen Mehrlinge zur Welt – was laut Heribert Kentenich immer noch die größte Gefahr für die Kinder darstellt. „Bei einer Zwillingsschwangerschaft steigt die neonatale Sterblichkeit um den Faktor sieben. Frühgeburten, Entwicklungsverzögerungen und kognitive Probleme sind bei Mehrlingen ebenfalls deutlich häufiger zu erwarten“, sagt er. Der Berliner Mediziner überträgt deshalb in der Regel nur einen einzigen Embryo.

Die sinkende Zahl der Mehrlingsgeburten trägt laut einer Studie von Anna-Karina Henningsen aus Kopenhagen auch dazu bei, dass zumindest die Rate der zu früh und zu klein geborenen IVF-Kinder immer niedriger wird. Eine Rolle soll dabei ebenfalls spielen, dass sich immer jüngere und gesündere Eltern für eine künstliche Befruchtung entscheiden. Ob auch die verbesserten Techniken bei der positiven Entwicklung eine Rolle spielen, schreibt sie, lasse sich aktuell nicht beurteilen.

Es gibt also noch viele offene Fragen rund um die künstliche Befruchtung. Und ein tröstliches Phänomen: Wenn sich bei einem Paar keine medizinischen Gründe für den unerfüllten Kinderwunsch finden, erfüllt sich der Traum vom eigenen Baby innerhalb von zwei Jahren ganz alleine.