Leipzig/Bonn/Bristol - Menschen und Tiere, die in derselben Umgebung leben, zeigen verblüffend ähnliche Verhaltensweisen. Das berichtet ein deutsch-britisches Forscherteam im Fachblatt Science. Die beobachteten Parallelen bei Nahrungssuche, Fortpflanzung und Nachwuchsbetreuung werfen ein neues Licht auf die alte Frage, was menschliches Verhalten mehr prägt: Kultur oder Umwelt?

Für ihre Untersuchung trugen die Wissenschaftler um Dieter Lukas vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Andreas Pondorfer von der Universität Bonn und Toman Barsbai von der University of Bristol Daten von fast 340 menschlichen Kulturen auf der ganzen Welt zusammen. Dabei konzentrierten sie sich auf traditionelle Jäger-Sammler-Gesellschaften, da diese den Großteil ihrer Nahrung durch Nahrungssuche innerhalb ihres Lebensraums gewinnen.

Mehr Jagd, mehr fleischfressende Säugetiere

Im nächsten Schritt identifizierte das Team alle Säugetier- und Vogelarten, die in der gleichen Region lebten, und bestimmte dann 15 menschliche Verhaltensweisen, zu denen es auch Daten für nicht-menschliche Spezies gab. Diese fielen in drei Kategorien: Nahrungssuche, Fortpflanzung und Sozialverhalten.

Foto: Sarah Pope
Ein BaYaka-Junge klettert auf einen Papayabaum, um Früchte zu ernten.

Der Vergleich der Verhaltensweisen ergab erstaunliche Übereinstimmungen für 14 der 15 Verhaltensweisen. Beispiel Nahrungssuche: Wo Menschen den Großteil ihrer Kalorien durch Jagd erlangen, lebt auch ein viel größerer Anteil an fleischfressenden Säugetieren und Vögeln als anderswo. Die Umweltbedingungen könnten dabei stärker wirken als etwa die dadurch entstehende Nahrungskonkurrenz, sagt Hauptautor Toman Barsbai. Ähnliche Verbindungen fänden sich bei den Fragen, wie weit man reist, um Nahrung zu sammeln, ob man Nahrung lagert und ob man jahreszeitlich migriert.

Zum Fortpflanzungsverhalten entdeckten die Forscher, dass an Orten, an denen Menschen später Kinder bekommen, auch die dort lebenden Säugetiere und Vögel bei der ersten Fortpflanzung im Durchschnitt älter sind als andernorts. Andere Ähnlichkeiten zeigten sich beim Anteil der Individuen, die mehrere Partner haben, oder in der Wahrscheinlichkeit, dass sich verpaarte Individuen trennen. Im Sozialverhalten gab es Parallelen in der gleichmäßigen Betreuung des Nachwuchses zwischen den Eltern, der Gruppengröße und dem Vorkommen sozialer Klassen.

Insgesamt deute ihre Studie darauf hin, dass lokale Umweltbedingungen ursächlich für jene Verhaltensparallelen seien, so die Autoren. Schon anhand der Kenntnis der Umweltbedingungen eines Ortes könnten sie vorhersagen, welche Verhaltensweisen dort zu erwarten seien. Allerdings sei immer noch unklar, welche spezifischen Umweltfaktoren für ein bestimmtes Verhalten von besonderer Bedeutung seien.

Integrierter Denkansatz

In einem Science-Kommentar warnen die beiden Anthropologen Kim Hill und Robert Boyd von der Arizona State University, den Einfluss der Kultur auf menschliches Verhalten zu unterschätzen: Die Autoren um Barsbai zeigten überzeugend, dass ökologische Faktoren viele Variationen im menschlichen Verhalten erklären, aber das tue auch Kulturgeschichte. Bislang würde noch keine Theorie erklären, ab wann Kultur ökologisch bedingtes Anpassungsverhalten überschreibe. Sie plädieren für eine Abkehr von einer Entweder-oder-Sichtweise hin zu einer vollständig integrierten evolutionären Theorie des menschlichen Verhaltens.

Auch die Autoren selbst wollen ihre Studie nicht als Umweltdeterminismus verstanden sehen. Barsbai betont: Lokale Einschränkungen seien wie ein Filter, der dafür sorgt, dass bestimmte Verhaltensweisen mit größerer Wahrscheinlichkeit in den Umgebungen auftreten, in denen sie vorteilhaft sind. (dpa/fwt)