Matthias Keilich praktiziert in Steglitz, hier gibt es genug Ärzte. Anders in Guben.
Foto: Bernd Friedel

Berlin/GubenKrank sein ist lästig – in Brandenburg noch mehr als anderswo. In keinem anderen Bundesland ist der Ärztemangel so gravierend wie hier. Versorgt in Berlin ein Arzt durchschnittlich 156 Patienten, sind es in der Mark statistisch gesehen 250. Bis zum Jahr 2025 müssten rund 700 Hausärzte und 950 Fachärzte gewonnen werden. Allein im Spree-Neiße Kreis erreicht gut ein Drittel der Hausärzte in den nächsten Jahren das Rentenalter. Doch da naht, mit einem ungewöhnlichen Vorstoß, Hilfe aus der Hauptstadt.

Dr. Matthias Keilich (50) führt in Berlin-Steglitz als Hausarzt eine Privatpraxis. Doch zweimal pro Woche steigt der Doktor in die Regionalbahn der Linie 1 und fährt zu einer Arztpraxis in Guben. Dort übernimmt der 50-Jährige montags und donnerstags Sprechstunden. „Ich habe festgestellt, dass ich noch ein paar freie Kapazitäten habe“, erklärt Matthias Keilich seine Motivation.

Ein hausärztliches Sommerloch habe ihn dazu gebracht, einfach bei der Kassenärztlichen Vereinigung in Brandenburg anzufragen, wo er helfen könne. Vor ihm sei noch kein Kollege auf diese Idee gekommen, bei der KV war man angetan und meldete schnell Bedarf. Besonders in Guben, im Süden Brandenburgs an der polnischen Grenze, ist die Situation angespannt. Aber auch Kyritz, Eisenhüttenstadt, Spremberg und viele weitere Orte suchen händeringend Ärzte.

Fortbildung während der Fahrt

Der Weg von der Hauptstadt an die Neiße ist lang. Dr. Keilich absolviert die zweistündige Fahrt mit der Bahn. „Da habe ich Fachliteratur dabei“, sagt er. Auf acht Stunden Fortbildung komme er so nebenbei. In Guben ist der Teilzeit-Landarzt gut angekommen: „Man spürt, dass die Patienten sehr dankbar sind, dass es diese zusätzliche Möglichkeit gibt“, sagt er.

Viele Patienten kommen von weit her, aus einem Umkreis von bis zu 30 Kilometern. Die wenigen Ärzte in der Region sind völlig überlaufen. „Viele kennen seit Jahren ein ungesundes Ärztehopping, darunter leidet die Behandlung“, sagt Dr. Keilich.

Da falle schon mal einen Blutabnahme hinten runter, oder die Behandlung beim Facharzt müsse wegen Terminmangels ein halbes Jahr warten. Doch auch wenn Matthias Keilich sich in seiner Gubener Praxis wohl fühlt und die entspannte Atmosphäre, schätzt, ein Umzug nach Guben kommt für den Mediziner nicht in Frage.  Zwar sei es eine schöne Stadt, aber für junge Leute gäbe es zu wenige Freizeitangebote, zu wenig Perspektiven, meint er.

Mehr Anreize für Medizinstudierende und Ärzte schaffen

Die Kassenärztliche Vereinigung in Brandenburg kennt das Problem seit Langem, in der Praxisbörse sind ab sofort und in absehbarer Zeit 129 Sitze in Praxen vakant. Von einem neu aufgelegten Förderprogramm erhofft man sich Zuwachs: Medizinstudierende können sich im Rahmen dessen für ein monatliches Stipendium in Höhe von 1000 Euro bewerben, wenn sie sich für einige Jahre nach dem Studium für eine Tätigkeit in Brandenburg verpflichten. Doch um sich auf dem Land niederzulassen, braucht es das passende Gesamtpaket.

„Die beruflichen und privaten Rahmenbedingungen müssen stimmen“, so KVBB-Chef Peter Noack. „Ist die Praxis betriebswirtschaftlich erfolgreich? Gibt es Jobmöglichkeiten für den Partner? Gibt es gute Schul- und Freizeitmöglichkeiten für die Kinder? Das sind die entscheidenden Fragen, die sich die Kollegen stellen.“

Behördliche und Organisatorische Hürden

Auch Matthias Keilich ist sicher: „Es ist nicht das Finanzielle, was die Ärzte aufs Land lockt.“ Bei allem Mangel verwundert es, dass auch bürokratische Hürden manchmal verhindern, dass ein Arzt sich für Brandenburg entscheidet: Deutsche Studenten etwa, die an polnischen Hochschulen ihr Medizinstudium abschließen, werden seit Kurzem nicht mehr in Brandenburg approbiert.

Das Landesamt für Arbeitsschutz, Verbraucherschutz und Gesundheit legt eine neue EU-Richtlinie zur Anerkennung von Berufsqualifikationen streng aus und verlangt weitere Nachweise. Dabei stufen Ärzteverbände, Kliniken und Politik das polnische und das deutsche Medizinstudium als gleichwertig ein. Längst arbeiten Tausende polnische Ärzte in Deutschlands Kliniken und Praxen. Nur eben nicht dort, wo sie am dringendsten gebraucht würden.

In Guben wird Dr. Keilich seinen Dienst bis ins Jahr 2021 verrichten. Und es hat sich Verstärkung angekündigt: Eine weitere Ärztin habe inzwischen im Anschluss an ihr Medizinstudium mit ihrer Weiterbildung zur Fachärztin für Allgemeinmedizin in Guben begonnen.