Skifahrer mit aufgeblasenen Lawinen-Airbags.
Foto: Frederik Jötten

BerlinDie Skisaison hat jüngst begonnen. Tausende Skifahrer hoffen auf reichlich Schnee. Mit dem beliebten Sport sind aber auch Risiken verbunden. In der Saison 2018/19 erlitten bis zu 46.000 deutsche Wintersportler Unfälle, die ärztlich behandelt werden mussten. Immer wieder verunglücken auch Skifahrer beim Abgang von Lawinen.

Einer der Prominentesten war der niederländische Prinz Friso von Oranien-Nassau, der 2012 im österreichischen Lech am Arlberg von einer Lawine verschüttet wurde und später an den Folgen starb. Sein Begleiter dagegen trug einen Lawinen-Airbag und überlebte unverletzt. Andere hatten trotz eines Airbags weniger Glück, so wie die vier schwäbischen Skifahrer, die im vergangenen Winter in Lech mit aufgeblasenen Airbags unter den Schneemassen gefunden wurden.

Prinzip beruht auf dem Paranuss-Effekt

Was also bringt diese Technik, die in einem Fall funktioniert, im anderen nicht? „Der Airbag ist der einzige Ausrüstungsgegenstand, der verhindern kann, dass man verschüttet wird, wenn man in eine Lawine kommt“, sagt Pascal Hägeli, der an der Simon Fraser University in Vancouver zum Thema Lawinenrisiko forscht. „Deshalb hat er enormes Potenzial, Leben zu retten.“

Hägeli untersuchte mit internationalen Co-Autoren, unter anderem vom Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) in Davos, 61 Lawinen-Unglücke. Ein Teil der Unfallopfer trug Airbags, der andere nicht. Das Ergebnis: Der Lawinen-Airbag halbierte die Sterblichkeit, die Überlebensrate stieg bei ausgelöstem Airbag von 78 auf 89 Prozent.

Der Lawinen-Airbag ist in einem Rucksack verstaut. Anders als der Airbag im Auto muss er vom Benutzer durch Ziehen an einem Griff ausgelöst werden. Durch Explosion oder mechanisch werden Druckluftbehälter angestochen, die Luftsäcke füllen, oder diese werden durch einen Elektromotor aufgeblasen. Das Prinzip der Lawinenrucksäcke beruht auf dem Phänomen der inversen Segregation, auch Paranuss-Effekt genannt. Man kennt ihn aus der Müsli-Packung. „Größere Teile landen bei Bewegung an der Oberfläche“, erklärt Hägeli. „Der Airbag vergrößert die Oberfläche des Wintersportlers und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass dieser an der Oberfläche bleibt.“

Lawinen-Airbag schützt nur bedingt

Das funktioniert nur, solange das Lawinenopfer sich in einer sich bewegenden Lawine befindet. Nicht in jeder Situation ist der Airbag also hilfreich. „Wenn eine Lawine von einem Hang oberhalb auf einen Wintersportler niedergeht, wird sie diesen trotz Airbags eher mit Schnee zudecken, denn der Wintersportler bewegt sich nicht mit“, sagt Benjamin Zweifel vom SLF in Davos. Auch Mulden sind gefährlich. „Wenn man in solchen Geländefallen zum Liegen kommt und der Schnee von oben immer weiter auf einen drauf geschoben wird, verhindert der Airbag eine Verschüttung nicht“, sagt Hägeli. Anders gesagt: Der Airbag hilft vor allem, wenn ein Hang flach ausläuft und man sich mit der Lawine mitbewegt.

Eine beeindruckende Naturgewalt, die Skifahrern gefährlich werden kann: Bei dieser Lawine im Schweizer Skigebiet Evolène im Jahr 1999 starben mehrere Menschen.
Foto: dpa/Fabrice Coffrini

„Viele Wintersportler, die von Lawinen erfasst werden, sterben aber an Verletzungen durch Felsen, Bäume oder Abstürzen über Klippen“, sagt Benjamin Zweifel. „Auch davor kann ein Airbag nicht schützen.“ Die Forscher fanden auch heraus, dass jeder fünfte Airbag-Besitzer den Airbag gar nicht auslöste. Vor allem Freizeitsportler schafften es oft nicht, den Griff zu ziehen. Fazit: Man sollte den Gebrauch üben, möglichst in Skikleidung mit Handschuhen. Nur dann schafft man es in der Stresssituation, den Airbag zu nutzen.

Neue Airbag-Systeme bieten andere Lösungen. Ein Hersteller hat einen Rucksack entwickelt, der per Fernsteuerung, etwa vom Bergführer, ausgelöst werden kann. „Eine gute Erfindung“, sagt Zweifel. „Aber jeder in der Gruppe muss dann das gleiche Airbag-Modell haben.“ Bei Modellen, die den Airbag elektrisch aufblasen, kann die Auslösung besser geübt werden – denn dazu wird ein integrierter Akku verwendet, der leicht wieder aufgeladen werden kann. Bei den anderen Systemen müssen Patronen ausgetauscht werden, was umständlicher ist und mehr kostet.

Verstand ist der beste Schutz

Es gibt ein Airbag-Modell, das die Halswirbelsäule umschließt und diese besonders schützen soll. Und eines, das Minuten nach der Auslösung wieder zusammenfällt und so bei Verschüttung eine Atemhöhle hinterlassen soll. Ein anderes besitzt zwei getrennte Airbags, sodass bei Zerstörung des einen noch ein zweiter vorhanden ist. „Diese Eigenschaften sind allesamt sinnvoll“, sagt Zweifel. „Ob sie jedoch wirklich einen Überlebensvorteil bieten, ist nicht wissenschaftlich untersucht.“

Bleibt die Frage: Macht der Airbag-Rucksack Wintersportler leichtsinniger? Eine Studie, die Benjamin Zweifel vom SLF in Zusammenarbeit mit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften gemacht hat, lieferte dafür keine Hinweise. Eine Untersuchung von Pascal Hägeli dagegen schon. „Diese Studien sind nicht sehr realitätsnah“, sagt Zweifel. „Wir machen dazu Online-Befragungen – und das ist eine komplett andere Situation, als wenn man in einem Hang steht.“ In jedem Fall ist ein Ausrüstungsgegenstand kein Ersatz für Verstand. Zweifel: „Wer die Lawine durch eine richtige Beurteilung eines Hanges vermeidet, fährt immer noch am sichersten.“