Allen, die sich schon immer gefragt haben: „Was muss ich tun, damit mein Tod zu möglichst viel Streit und Problemen unter meinen Lieben führt?“, kann ich ein relativ einfaches Rezept an die Hand geben. Dazu ist es zu Lebzeiten wichtig, eine große Ambivalenz zu schaffen. Dies erreicht man am besten, indem man möglichst subtil schwelende Konflikte streut.

Das ist gar nicht schwer. Das eine Kind bevorzugt man materiell, dass andere dafür emotional. Damit fängt man im besten Falle relativ früh im Leben der Kinder an. So schafft man schnell und sicher eine toxische Stimmung in der Familie. Damit wird nicht nur jedes Weihnachten zu einem nachhaltigen Erlebnis. Hat man das einmal geschafft, dann ist es unabdingbar, diese Konflikte ja nicht zur Klärung bringen. Geschweige denn zuzulassen, dass eine Aussprache stattfindet oder gar die Beteiligten sich gegen einen verbünden. Alternativ kann man das auf Schwiegerkinder, Enkelkinder und so ziemlich alle übertragen, denen man möglichst viel Leid nach dem eigenen Ableben wünscht.

Aber damit begnügen wir uns nicht. Wir wollen ja die volle Packung. Von der Pflicht zur Kür also. Die Kür ist sehr einfach. Hier nur ein paar Ansätze, die unserer Erfahrung nach wunderbar funktionieren: Man sorge für Unklarheiten. Am besten greifen Unklarheiten bei der Verteilung von Gütern, die vor allem emotionalen Wert haben. Wichtig dabei ist, regelmäßig die Meinung über den zugewiesenen Besitzanspruch zu ändern. Natürlich darf die Meinung nicht schriftlich festgehalten werden. Mal bekommt das Enkelkind die Käthe-Kruse-Puppen, mit denen es in seiner Kindheit immer gespielt hat, mal ist es die eigene Tochter, die ihre Erinnerungen mit ihnen aufleben lassen kann.

Das Sahnehäubchen bei der Kür besteht darin, bei jedem Mal die Wahrheiten leicht zu verdrehen. Zum Beispiel kann man dem Enkelkind mit den Worten „Ach, ich gebe lieber mit warmer als mit kalter Hand“ Geld in die Hand drücken. Zwischen den Zeilen ist dafür zu sorgen, dass es sich nach einem Geschenk anfühlt. Den anderen Beteiligten erzähle man wiederum, es sei doch schön, wenn das Enkelkind jetzt schon etwas von seinem Erbe habe. Streit ist programmiert, wenn man sein Enkelkind dann noch testamentarisch bedenkt. Ganz wichtig: immer darüber Buch führen, wem man etwas schenkt, leiht oder gibt. Dann lässt es sich im Nachhinein noch schöner belegen, wie ungleich die Lieben behandelt wurden.

Wem die finanziellen Mittel für solch Spielereien fehlen, den kann ich beruhigen. Die Kunst der Kür besteht darin, die eigenen Wünsche für das Ableben möglichst indifferent zu gestalten: „Ich möchte die Bestattung klein und anonym versus ich hab doch so viele Freunde.“ Auch sehr beliebt: „Ach, du weißt ja, wie sehr ich Rosen mag“, oder auch „Du weißt ja, wie sehr ich Rosen hasse.“ Hierbei ist peinlichst darauf zu achten, dass es immer andere Personen sind, denen man sich anvertraut. Die Profis involvieren dann auch noch nicht-verwandte Menschen, denn der eigenen Bagage ist ja nicht zu vertrauen, die wollen eh nur ans eigene Geld, und der Freund oder die Freundin weiß ja eh am besten, was man möchte.

Last but not least: das Testament. Wer sein Testament mit einem Anwalt macht, ist ein Anfänger. Die Könner machen das auf eigene Faust. Und auch hier überlege man sich Regelungen, die völlig undurchführbar sind: Man teile Sachen, die man nicht teilen kann. Man bedenke Menschen so, dass irgendjemand sich in jedem Falle benachteiligt fühlt. Mit ein bisschen Übung hat man zwei Testamente, die nicht datiert sind, denn Monatsangaben sind ja völlig ausreichend. Wenn man dieses Rezept einhält, liebe Leser, ist für viel Unterhaltung und nachhaltig Zwist gesorgt. Da kann man beruhigt in das Jahr 2021 starten.