Berlin - Niemand hätte ahnen können, was im beginnenden Frühling des Jahres 2020 noch alles auf uns zukommen würde. Es war ja auch unsere erste Pandemie, nicht? Das letzte Jahr hat uns vor allem mit einer täglichen Deutlichkeit gezeigt, wie wichtig ein gut funktionierendes Gesundheitssystem mit gut ausgebildetem Fachpersonal ist. Die Wertschätzung dessen steht in unserem aktuellen System jedoch auf einem anderen Blatt. Zumindest, dass das Klatschen für dessen Einsatz von Balkonen rein gar nichts bringt, haben nun alle verstanden.

Ich ahnte, dass der Lockdown einen Geburtenanstieg zur Folge haben würde, genau jetzt zum Jahreswechsel, also neun Monate später. Es ist auch schon ohne Anstieg der Geburten schwierig, im Hebammen-Mangelland Deutschland eine Hebamme zu finden. Es gibt nun noch mehr Frauen, die nach einer Hebamme suchen, die sie begleitet und nach der Geburt des Babys betreut. Apps und Websites, die Hebammen vermitteln, sollen helfen. Aber wo keine Hebammen sind, kann auch eine neue Hebammensuche nicht helfen. Die Angst, allein dazustehen mit dem Schwangerenbauch oder dem neugeborenen Baby im Arm, ist riesig. Gut betuchte Eltern locken zwar die unterbezahlten Hebammen mit hohen Prämien. Doch Fehlanzeige auch da.

Eine neue Strömung bahnt sich den Weg in die Geburtenplanung und sich lässt mir die Nackenhaare sträuben: Die Alleingeburt ist der neue Hit. Eine Ärztin der Allgemeinmedizin, die selbst einige Kinder zu Hause allein geboren hat, versichert den Frauen, dass allein der Wille und der Glaube an die Kraft der Natur der Geburt die Lösung aller Probleme sei. „Du kannst allein gebären. Du bist dafür gemacht. Du brauchst keine Hebamme oder Ärzte.“ Ich lese mit großen Augen ihre Aussagen und ihre Ermutigungen auf ihrer Website. Ich werde wütend, sehr wütend.

Am liebsten würde ich an dieser Stelle all meine Geschichten aus dem Südsudan erzählen, wo Frauen gar nicht die Wahl haben, sich zu entscheiden, und die Welt des Gebärens noch dem Stand entspricht, den unsere Groß- oder sogar Urgroßmütter kennen. Dieser Stand entspricht einer Zeit, in der Schwangerschaft und Geburt noch eng mit dem Tod verbunden waren, in der Frauen allein zu Hause ihre Kinder gebären mussten, was in vielen Fällen tragisch endete.

„Naturgeburt“, „Geburt aus der Kraft deiner Natur“, die „ekstatische Geburt“ sind nur einige Namen der neuen Bewegung der Alleingebärenden, die zumeist aus wohlhabenden Gesellschaften mit einer mehr oder weniger gut aufgestellten Gesundheitsversorgung kommen. Nur so als kleines Back-up, falls das mit der „Urkraft der Naturgeburt“ dann doch nicht so gut hinhaut. So wie bei der Frau, die kürzlich in den Kreißsaal kam.

Sie erwartete ihr fünftes Kind. Sie wurde ermutigt, es allein zu Hause zu bekommen. Was sollte schon passieren, denn vier Geburten waren ja schon gut verlaufen. Diese Frau spürte nach vielen Stunden in den Wehen allein zu Hause, dass irgendetwas bei dieser fünften Geburt nicht stimmte. Was für ein Glück, dass sie sich in ein Auto setzen konnte und sicher zu uns kam – in die Klinik um die Ecke. Mutter und Kind sind heute wohlauf, obwohl diese Geburt im OP-Saal endete. Die fünffache Mama ist dankbar für das kleine Back-up.

Eine andere Frau kam nach der misslungenen Alleingeburt ihrer Zwillinge in die Station. Sichtlich verärgert und jeder Hilfe gegenüber ablehnend eingestellt, brachte sie beide Kinder auf normalem Wege bei uns zur Welt. Stramme und kräftige Babys, die lauthals schreiend ihre Ankunft verkündeten. Wie schade, dass die Mama sich nicht über die so lautstarke Begrüßung ihrer Kinder freuen konnte, die gesund und munter waren. Am nächsten Morgen verließ sie verärgert die Klinik. Haben wir einfach vergessen wertzuschätzen, wie sicher wir hier unsere Kinder gebären können?