Berlin - Jeden Morgen hängen am Infobrett des Impfzentrums in der Arena neue E-Mail-Ausdrucke oder handgeschriebene Karten von Impflingen. Auch die Post einer alten Dame war einmal darunter, sie hatte uns über ihr Erlebnis hier im Impfzentrum ein paar kleine Verse gedichtet.

Täglich strömen 250 Mitarbeiter pünktlich in die Arena, setzen ihre Masken auf, ziehen ihre Westen an und besetzen ihre Positionen. Mittlerweile kennt man sich und jeder weiß, was zu tun ist. Die Stimmung ist gut. Das Impfen läuft wie am Schnürchen. Jeder Handgriff ist wichtig und unterliegt strengen Hygieneregeln. Jeden Tag 2500 Menschen zu impfen ist eine organisatorische Meisterleistung. Irgendwann sollen es 5000 Impflinge am Tag sein. Unser Team wird mit Schokolade und Lob für die tolle Arbeit überhäuft. Menschen, die zur zweiten Impfung kommen, erzählen uns, dass sie sich auf diesen Termin so richtig gefreut haben. „Man kann ja immer so viel meckern wie man will, aber das hier machen Sie alle großartig“, sagt ein fast 100-jähriger Mann.

Ich selbst bin überrascht über die so liebevolle Art der jungen Kollegen. Über die Aufmerksamkeit und Empathie, keine Spur von schlechter Laune. Sie scherzen und lachen, muntern auf, fragen nach und vor allem hören sie den Geschichten der alten Menschen Berlins zu. Zwei junge Männer erzählen sich in der Mittagspause, was sie von ihren Impflingen heute alles gehört haben und dass diese Geschichten nicht in Vergessenheit geraten dürfen. Geschichten aus unserer Stadt, in der wir nicht die Ersten sind, die manchmal die Nacht zum Tage machen.

Einer aus dem Team arbeitet in der Zeit ohne Pandemie als Türsteher in einigen Berliner Clubs. Mit einem leichten Schmunzeln beobachte ich ihn – wie er im Leitsystem immer noch mit den Gesten eines Türstehers, die hier aber viel freundlicher sind, für einen ordentlichen Ablauf sorgt. Ein Mädchen aus unserem Team mit einem italienischen Akzent lacht und sagt: „Na ja, er kann nicht anders, oder? Es kommen heute ja eh alle hier rein.“ Wir lachen schallend vor den Impfkabinen.

Ich begleite einen alten Mann im Rollstuhl zur Anmeldung. Er begrüßt mich mit den Worten: „Na, Sie sind ja eine flotte Biene.“ Die Verniedlichung meines Namens mag ich ja eigentlich nicht, aber ich lasse es ihm durchgehen. Auch die Art und Weise der nicht mehr ganz zeitgemäßen Ansprache. Er lebt ganz alleine in seiner Wohnung im Wedding, ganz in meiner Nähe. In seinen Unterlagen hat er unzählige Bilder seiner verstorbenen Frau, die er mir freudig zeigt. Seine Schnecke, wie er sie liebevoll nannte, ja, ach, er vermisst sie so sehr. Sie waren so glücklich. Dann beginnt er herzzerreißend zu weinen. Die Abstandsregeln verbieten mir, ihn einfach zu umarmen. Mit der Wiederholung der flotten Biene steigt er glücklich in sein Taxi, während er bedauert, dass es nur zwei Impfungen gibt – denn er würde ja so gern wiederkommen zu uns hier in die Arena Berlin.

Mein nächster Impfling ist eine sehr elegante Dame mit einem ausgesprochen schönen roten Hut. Auch sie kommt zur zweiten Impfung. Sie hat sich extra für uns schick gemacht und etwas Make-up aufgelegt. Ich frage mich, wie sie ihre Haare so gut hinbekommt in Zeiten, in denen kein Friseur seinen Laden öffnen kann? Ihr Geburtsdatum verrät mir, dass sie deutlich älter ist, als ihr Erscheinungsbild und ihre Fitness suggerieren. Der Impfarzt und ich fragen zur gleichen Zeit, wie sie das denn macht, noch so agil und fröhlich zu sein. Und als hätte sie genau auf diese Frage gewartet, sprudelt es aus ihr heraus: Sie geht jede Woche mit ihrem Freund, der schon 96 Jahre alt ist und nun im Altenheim wohnt, zum Tanzen. Vor fünf Jahren hat sie ihn auf einer Tanzveranstaltung kennengelernt und fand ihn erst mal gar nicht so toll. Alle anderen Frauen waren hingegen super scharf auf ihn. Er aber wollte nur sie. Das überzeugte sie schließlich.

Jetzt kann sie ihn bald besuchen, denn auch er ist geimpft. Auch wenn sie gerade nicht miteinander tanzen können, so würden sie jetzt wenigstens bald wieder zusammen auf ihrer Lieblingsbank sitzen, sagt sie mit einem fröhlichen Lachen.