Berlin - Ist es der anhaltende Lockdown oder ist es die Pandemie, die alles so schwer werden lässt? Es scheint kein Ende in Sicht und der 28. März als nächstes Ziel unendlich weit entfernt. Die Nachrichten über immer mehr und näher kommende Mutationen des Virus lassen uns für den Frühling des Jahres 2021 nichts Gutes erahnen. „Was ist denn dann mit dem Osterfest?“, fragt eine Kollegin im Kreißsaal, als wir alle zusammen am Tisch sitzen und mit hängenden Schultern die Nachricht hören: Der Lockdown wird verlängert.

Eine Kollegin kann nicht mehr und weint still. „Ich kann so nicht mehr arbeiten. Immer diese Maske. Immer diese Angst. Meine Familie bricht auseinander. Diese Belastungen für uns, wir schaffen es nicht mehr lange, das auszuhalten.“ Ihr Mann hat seinen Job verloren. Ihre zwei Kinder sind den ganzen Tag zu Hause im Homeschooling, sie muss die Familie und die Struktur zusammenhalten. Auf der anderen Seite ist der Krankenstand im Kreißsaal hoch und der Dienstplan kaum ausreichend zu besetzen. Einsprungdienste und Überstunden häufen sich. „Wir wollen doch immer, dass unsere Kinder nicht die ganze Zeit am Bildschirm hängen und nun sitzen sie fünf bis sechs Stunden am Computer und wir Eltern müssen den Unterricht vor- und nachbereiten. Es gibt ständig Streit. Die Tage sind eintönig. Es ist dunkel und kalt.“

Was soll sie denn machen? Ich versuche, sie aufzumuntern, und erinnere sie daran, dass es doch toll ist, dass sie rauskann und hier einen tollen Job macht. Dass sie zumindest nicht auch noch im Homeoffice gefangen ist. Hat sie nicht ihre Nähmaschine wieder aus dem Keller geholt und sitzt nun mit ihrer Tochter zusammen, um gemeinsam Puppenkleider zu nähen? Hat sie nicht endlich die Vorhänge für das Wohnzimmer genäht? Für all das hatte sie vorher nie die Zeit.

Eine andere Kollegin hat per Telefon und Video in letzter Zeit sehr viel mit ihrer Mama gesprochen, viel mehr als sonst. Sie haben einen langen Streit beenden können. Ja, das hat die Pandemie gemacht.

Die junge Ärztin am Tisch genießt die Verlangsamung des Lebens und dass sie nicht mehr ständig irgendwohin hetzen muss. Unsere Servicekraft, die der Schatz des Kreißsaals ist, erzählt in einem astreinen Berliner Dialekt, dass sie endlich kochen gelernt hat. Sie schaut sich Sendungen an und kocht alles nach, gemeinsam mit ihrem Mann. Dadurch kamen sie aus ihrem alten Trott heraus und die Ehe ist besser denn je, gesteht sie uns mit einem verlegenen Lächeln. Die zuvor so aussichtslose Stimmung kippt in einen Austausch darüber, was denn gut gewesen ist für jeden in der Zeit der Pandemie.

Meine Kollegin wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. Sie ist froh, eine Familie zu haben, bei aller Schwere hat sie diesen Schatz der Familie viel mehr wahrnehmen können. So viele Menschen sitzen allein zu Hause, ohne Familie oder Beziehung, das wäre viel schlimmer, sagt sie. Unsere Oberärztin kommt zu uns und stimmt ein in unsere „Erzähl doch mal, was gut ist für dich in dieser Zeit“-Motivationsrunde ein. Sie gesteht, dass sie angefangen hat, Spanisch zu lernen. Das wollte sie schon immer, aber es war nie die Zeit dazu. Stolz zeigt sie uns eine App auf ihrem Telefon mit ihren Fortschritten. Ihr Mann hat endlich seine Doktorarbeit geschrieben. Am Abend sitzen sie zusammen und sprechen darüber bei einem Glas Wein. Diese Zeit miteinander und füreinander hätten sie nie gehabt. 

Die junge Hebammen-Studentin, die schüchtern mit uns am Tisch sitzt, erzählt, dass sie nun viel mehr Wert auf ihre Freundschaften legt und weiß, was ihr daran wichtig ist. Ein junger Anästhesist zeigt uns stolz seine Oberarmmuskeln. Er trainiert nun zu Hause in einer Onlinegruppe. Nach dem Training bleiben sie immer noch lange zusammen online, erzählen sich Geschichten und lachen über das Leben. Die Gruppe ist seine Familie geworden und er ist dankbar, dass er sie in der Pandemie gefunden hat. Es klingelt an der Tür des Kreißsaales. Wir stehen auf und lachen, denn jeder hat etwas gefunden, was diese lange Zeit besser macht.