Berlin - Die Pflege krempelt die Ärmel hoch. Berlin ist gepflastert von Plakat-Kampagnen zur Covid-19-Impfung. Aber – krempelt die Pflege sich wirklich die Ärmel hoch? Schaut man genauer hin, stellt man fest, dass nur ein Bruchteil von den ungefähr 7 Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung, die bereits geimpft wurden, Pflegende sind. Selbst die Seychellen impfen schneller als wir hier in Deutschland. „Deutschland sucht den Impftermin“ wäre eine lustige Kampagne, die wiederum in Anbetracht der aktuellen Lage dann doch nicht so witzig ist.

Die freiberuflichen Hebammen hat man glatt vergessen, in die Impfabfolge einzubeziehen, ebenso die Fußpfleger. Denn die machen nicht nur die Fußnägel schön, sondern sorgen gerade in Altersheimen dafür, dass schweren gesundheitlichen Folgen, wie beispielsweise durch Diabetes, vorgebeugt werden kann. Teilweise ohne Schutz für sich und die alten Menschen, besuchen sie ihre Hochrisiko-Patienten im Pflegeheim. Sie gehören also ebenfalls zur systemrelevanten Berufsgruppe. 

„Bist du schon geimpft?“, das ist die allgegenwärtige Frage in Gesprächen im März 2021. Darauf folgt die Frage, wie denn die Nebenwirkungen waren, und natürlich, welcher Impfstoff denn nun in jemandes Blutbahn fließt. Eine Umfrage zeigt, dass die Impffreudigkeit der Deutschen steigt. Die vielen Pflegekräfte, die sich nicht impfen lassen wollen, hat man offensichtlich nicht befragt. Der im Kreißsaal aushängende Zettel, auf dem sich alle diejenigen eintragen können, die sich impfen lassen wollen, bleibt leer. Das Misstrauen unter dem Pflegepersonal wächst. Nicht zuletzt auch dank der Berichterstattung zum guten Impfstoff von Biontech oder dem Impfstoff „zweiter Klasse“ von Astrazeneca. Viele von ihnen haben Covid-19 selbst durchgemacht und vertrauen auf die körpereigene Immunität, anstatt sich dieses Gift spritzen zu lassen. Die Frustration über das vergessene Pflegepersonal ist groß, nicht nur beim Thema Impfen.

80 Millionen deutsche Virologen und Epidemiologen sind jetzt auch Impfologen. Die Impfgegner, um die es in den letzten Monaten recht ruhig geworden ist, greifen mit der vollen Bandbreite aus gefährlichem Halbwissen an. Die Presse schenkt ihnen die Argumente frei Haus. Es wirkt so, als ob sie das letzte Jahr als Demoversion einer Pandemie ohne Impfstoff nicht ganz vollständig verstanden hätten. Vielleicht ist die Zahl der Toten aber auch nicht hoch genug, vielleicht brauchen sie Leichenberge auf den Straßen, um ihre Argumente wenigstens zu überprüfen.

Das Versagen der Politik wird ignoriert: Wir leben in einem Land mit bereits vorhandenen, guten Impfstrukturen der Hausärzte, die jedes Jahr circa 91 Prozent der Deutschen impfen. Dennoch werden Impfzentren gebaut, in denen jeden Tag viele noch nicht geimpfte Mitarbeiter arbeiten und jeder Impfling aus der Hochrisikogruppe mindestens acht Kontaktpunkte mitnimmt.

Die Krönung der Diskussion ist der Luxus über die Wahl des Impfstoffes, denn wir wollen, wenn, dann auch den guten Impfstoff. Den Zweite-Klasse-Impfstoff, den wollen wir natürlich nicht, der kann ruhig weggeworfen werden. Eine Pflegerin des ambulanten Pflegedienstes, die ins Impfzentrum kommt, schreibt mit Nachdruck auf ihre Einwilligungserklärung, dass sie nur eine Impfung mit dem guten Biontech-Impfstoff zulässt. Sie schiebt mir den Zettel unter meiner Glasscheibe im Impfzentrum durch und atmet tief ein und aus. Ich denke kurz darüber nach, ihr zu sagen, dass viele ihrer Kolleginnen auf der Welt nicht einmal eine Wahl haben, welchen Impfstoff sie bekommen, weil es in vielen Ländern gar keine Impfung für Schwestern und anderes Pflegepersonal gibt. 

In vielen Ländern werden keine Patente zur Herstellung eines Impfstoffes erteilt. Das verhindert, dass alle Länder Impfstoffe herstellen können. Vor allem afrikanische Länder können es sich nicht leisten, für ihre Bevölkerung 20 Millionen Impfdosen zu bestellen. Sie können es sich nicht mal leisten zu testen, geschweige denn Covid-19-Patienten zu behandeln. Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen oder German Doctors kämpfen seit langem um die Freigabe der Patente.

Die Pflegekraft hinter der Glasscheibe wird morgen wieder durch Berlin fahren und die Menschen betreuen, waschen und pflegen, die hier ins Impfzentrum kommen. Ihre Notiz zum Impfstoff lege ich zu ihren Papieren.


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