BerlinSo viel Tod war schon lange nicht mehr. Es wurde viel über die Lösungen zur Organspende debattiert, von Patienten erzählt, die bei der Entnahme noch Schmerzen spürten, blutrünstige Operationen wurden beschrieben, schlimmer als jeder Horrorfilm. Grundsätzlich müsste ich mich als Bestatter ja freuen; mit der bestehenden Regelung habe ich in jedem Falle mehr zu tun.

Ich musste mir bei aller Emotionalität immer wieder vergegenwärtigen, dass es schlicht darum geht: Wer sich nicht gegen eine Organspende ausspricht, stände damit automatisch zur Verfügung. In den Diskussionen bekam man aber eher das Gefühl, dass es um den grausamen Staat geht, der seinen sklavenartig gehaltenen Bürgern bei vollem Bewusstsein Organe entreißt.

Ich sah schon Menschenmassen schreiend durch Berlin ziehen: „Mein Körper gehört mir!“ Auf einer der schönsten Messen des Landes, der „Leben & Tod“ in Bremen, ist es quasi Tradition, dass Organspendebefürworter und Organspendegegner ihren Stand so weit wie möglich voneinander entfernt aufbauen.

Der Tod muss zweimal festgestellt werden 

Obwohl es doch viel spannender wäre, sie direkt nebeneinander zu platzieren. Grundproblematik (Mediziner mögen mir die vereinfachte Erklärung verzeihen) ist, dass Organe nur Menschen entnommen werden können, solange der Körper noch nicht verstorben ist, beispielsweise durch Maschinen noch künstlich am Leben erhalten wird.

Im Normalfall wird der Tod bei einem Menschen festgestellt, wenn er sogenannte sichere Todesmerkmale aufweist. 1. Verletzungen die nicht mit dem Leben vereinbar sind (Kopf ab!); 2. Totenstarre, rigor mortis; 3. Totenflecken, livor mortis. So etwas, wie: 1. fehlende Atmung; 2. fehlender Puls; 3. Hautblässe heißt noch nicht, dass ein Mensch tot ist. Im normalen Klinikalltag muss der Arzt, der einen Tod feststellt, das zweimal machen.

Zwischen den beiden Untersuchungen muss es eine Pause geben. Bei den sicheren Todesmerkmalen fehlt noch der Hirntod. Die kleine Nervensäge, die uns einen Großteil der Debatte einbringt. Während noch so ziemlich jeder Arzt den Tod eines Menschen offiziell feststellen darf, ist es beim Hirntod (in Deutschland) anders.

Hierzulande darf der Hirntod nur von einem spezialisierten Neurologen festgestellt werden, der zwei Sachen zu untersuchen hat. Erstens: Ist das Hirn wirklich aus?

Zweitens: Geht der Schalter auch nicht wieder an (Irreversibilität)? Er muss die Krankheitsgeschichte und die Ursache der Hirnschädigung kennen und ausschließen können, dass die ausbleibende Hirnfunktion nicht etwa in der Behandlung durch Medikamente begründet ist. Die Hirntoddiagnostik nach deutschen Maßstäben ist eine der weltweit sichersten Diagnostikmethoden.

Mein Körper gehört nicht nur mir 

Erst dann darf einem Menschen ein Organ zur Transplantation entnommen werden. Die psychologische Betreuung der Angehörigen, die das momentan entscheiden können, ist mehr als ausbaubar.

Sie leiden aber zumeist eher an der Entscheidung über den Tod ihres Menschen als an der Frage der Organspende. Was die Gruselgeschichten aber mit den Menschen machen, die sich für eine Organspende entschieden haben, das möchte ich mir nicht mal vorstellen.

Persönlich kann ich nur sagen, dass ich ein Befürworter der neuen Regelung gewesen wäre. Nicht nur, weil ich grundsätzlich faul bin und gerne weniger Arbeit hätte, sondern weil ich mich nicht auf den Fleiß meiner Mitbürger verlassen möchte, sollte ich mal eine Organspende benötigen.

Kaum einer beschäftigt sich mit dem Tod, ich kann ein Lied davon singen. Den Organspendeausweis bewusst mitzuführen heißt aber, sich einzugestehen, dass man sterben wird. Darüber hinaus: Wenn wir die Möglichkeit haben, Menschenleben zu retten, ohne dass es uns etwas kostet, dann haben wir auch die Verantwortung dafür.

Mein Körper gehört eben nicht nur mir, ich bin Teil einer Gemeinschaft. Und ich möchte nicht, dass pro Tag drei Menschen sterben, nur weil ihnen ein neues Organ fehlt. In dem Sinne: Stifte raus und Organspendeausweise ausgefüllt.