An diesem Tag war ich etwas zu früh im Laden, was zugegebenermaßen seltener passiert, da ich Schlaf als ersten Punkt in eine Grundrechtecharta für Menschen aufnehmen würde. Aber es gibt so Tage. Die letzten Wochen im Laden waren anstrengend. Viele Geschichten, die einem mehr als nahegingen. Es wurde gerade das erste Mal wieder ruhiger, also wollte ich mal wieder unsere Nachbarn besuchen, den netten Weinladen nebenan und das Café 200 Meter weiter. Ich wollte einen ruhigen Tag.

Mein Interesse für Buchhaltung hält sich zwar in Grenzen, bei einem Tee schaute ich dennoch einmal auf unser Konto. Wie absurd eigentlich, wenn man sich einen ruhigen Tag machen möchte. Es waren ein paar Zahlungen eingegangen, auf die wir bereits warteten. Das Finanzamt erhielt Geld von uns überwiesen, der normale Alltag des kleinen Mittelstandes.

Auf dem Konto war jedoch eine Zahlung, die ich nicht zuordnen konnte. Stefan – wir nennen ihn nur so – hatte uns 3000 Euro überwiesen. Ich dachte mir nichts dabei, außer dass er vielleicht für seinen eigenen Tod vorsorgen wollte, denn vor einigen Monaten erst hatten wir Stefans Mutter beigesetzt.

Stefan hatte es im Leben nicht leicht, viele Ängste trieben ihn um. Zu viele Menschen, zu viele Veränderungen. All das machte ihm Angst. Ihn plagten so viele Ängste, dass ihm ein normales Leben kaum möglich war. Aber er und seine Mutter hatten sich arrangiert. Gemeinsam mit ihr hatte Stefan in einem Haus gelebt. Ich glaube, dass er niemals aus dem Haus ausgezogen ist. Obwohl er um die 50 ist. Sein großer Bruder lebte weit weg, im Ausland am Meer, man hatte nur sporadisch Kontakt.

Am Tag als seine Mutter starb, rief Stefan uns an. Seine Stimme klang langsam, aber klar. Das war eine Nebenwirkung der Medikamente, die Stefan bekam. Das Gespräch dauerte. Zuerst dachte ich, weil er einige Sachen nicht verstand. Doch langsam dämmerte mir, dass er den Zeitpunkt, an dem er sich von seiner Mutter trennen musste, so weit wie möglich nach hinten verschieben wollte.

Ich konnte ihn beruhigen, indem ich ihm versicherte, dass das alles kein Problem sei und wir gerne auch erst am nächsten Tag kommen könnten. Er solle nur bitte das Fenster aufmachen und seine Mama nur mit einem Laken zudecken, damit der Körper möglichst kühl bleibt. Stefan legte noch einen Kühlakku an sie. 

Ich kann mir im Nachhinein nur zusammenreimen, wie er die letzte Nacht mit seiner Mutter verbracht haben muss. Er hat sie gewaschen und ihr ein Kleid angezogen. Er muss ihr mit zittrigen Händen ein letztes Mal Nagellack aufgetragen haben. Giftgrüner. Mama lag im Bett angezogen, als wenn sie ein letztes Mal tanzen gehen möchte. Vielleicht war das genau sein Wunsch für sie.

Er öffnete uns völlig übermüdet und mit verweinten Augen die Tür. Er hat bestimmt nicht geschlafen, dachte ich. Ein kleines Haus aus den 1930er-Jahren in der Einflugschneise eines Flughafens, den jetzt keiner mehr benutzt. Bevor wir mit ihr losfahren durften, wollte Stefan noch einmal mit seiner Mutter in den Garten des Hauses. Wir legten die Frau in den Sarg, ohne ihn zu verschließen, und stellten ihn in den Garten. Er saß neben ihr und hielt ihre Hand, es wirkte fast idyllisch.

Nach zwei Stunden traute ich mich, sie zu stören. Stefan war bei jedem Schritt dabei: Er fuhr mit uns ins Krematorium, wo er eine sehr langsame, aber liebevolle Rede hielt. Dies war eines dieser Male, die mir zeigen, worum es beim Abschiednehmen eigentlich geht. So weit alles unnormal, wie immer. Aber es sollte anders kommen.

Ich sitze mit dem Kontoauszug im Café, als meine Schwester vom Laden angerannt ankommt. Ein Schreiben von Stefan. Auf vielen Seiten sagt er „Danke für Alles“ und im letzten Satz: „Ich gehe jetzt zu Mama.“ Meine Schwester verstand sofort. Wir riefen bei der Polizei an, die dachte, wir veräppeln sie. Wir riefen beim Sozialpsychiatrischen Dienst an, die ihn schon kannten. Zuletzt dann auf dem Friedhof … Stefan war seit zehn Minuten tot.

Foto: imago images/Ikon Images
Hilfe-Nummern

Ihre Gedanken hören nicht auf zu kreisen? Sie befinden sich in einer scheinbar ausweglosen Situation und spielen mit dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen? Wenn Sie sich nicht im Familien- oder Freundeskreis Hilfe suchen können oder möchten – hier finden Sie anonyme Beratungs- und Seelsorgeangebote: 

Telefonseelsorge: Unter 0800 – 111 0 111 oder 0800 – 111 0 222 erreichen Sie rund um die Uhr Mitarbeiter, mit denen Sie Ihre Sorgen und Ängste teilen können. Auch ein Gespräch via Chat ist möglich. telefonseelsorge.de 

Kinder- und Jugendtelefon: Das Angebot des Vereins „Nummer gegen Kummer“ richtet sich vor allem an Kinder und Jugendliche, die in einer schwierigen Situation stecken. Erreichbar montags bis sonnabends von 14 bis 20 Uhr unter 11 6 111 oder 0800 – 111 0 333. Am Sonnabend nehmen die jungen Berater des Teams „Jugendliche beraten Jugendliche“ die Gespräche an. nummergegenkummer.de

Muslimisches Seelsorge-Telefon: Die Mitarbeiter von MuTeS sind 24 Stunden unter 030 – 44 35 09 821 zu erreichen. Ein Teil von ihnen spricht auch türkisch. mutes.de

Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention: Eine Übersicht aller telefonischer, regionaler, Online- und Mail-Beratungsangebote in Deutschland gibt es unter suizidprophylaxe.de