"Wenn es sonst schon nichts Schönes im Leben gibt, dann gibt es wenigstens Essen.“ Sätze wie diesen hört Professorin Stephanie Krüger oft von ihren Patienten. Sie ist Chefärztin der Psychiatrie am Zentrum für Seelische Frauengesundheit am Vivantes Humboldt-Klinikum und weiß, welche Folgen Stress auf die Ernährung hat. Sie weiß auch, wie man durch gezielte Ernährung dem Stress zumindest ein wenig entgegenwirken kann.

„Es gibt grundsätzlich zwei Arten, wie Menschen hinsichtlich des Essverhaltens auf Stress reagieren“, sagt sie. „Sie essen besonders viel oder besonders wenig“, erklärt Stephanie Krüger. Denen, die nicht ins sogenannte Frustessen verfallen, schlage der Stress oftmals auf den Magen oder sie vergessen schlichtweg Mahlzeiten.

BMI ein Signal für Stress

Auch Professorin Ulrike Ehlert von der Universität Zürich ist sich sicher: „Fast immer geht Stress mit einer Gewichtszu- oder -abnahme einher. Insofern sollte ein veränderter Body-Mass-Index (BMI) immer auch ein Warnsignal für Stress sein.“ Neben der Befriedigung, die Menschen durch Frustessen empfinden, gebe es aber auch einen anderen Grund für unbewusst schlechte Ernährung: „Unter Stress wird Zucker weniger gut geschmeckt, man nimmt also automatisch mehr davon zu sich“, sagt Ulrike Ehlert.

Das Hauptproblem hinsichtlich eines gestörten Essverhaltens, das durch Stress verursacht wird, ist und bleibt das Bewusstsein für den eigentlichen Grund. Stress als Auslöser von Essstörungen muss erst einmal identifiziert werden. „Ist dieser Schritt geschafft, muss man alternative Wege finden, um in stressigen Phasen widerstandsfähiger gegen Fressattacken zu sein.“ Solche Wege seien Sport, Entspannung, Spazierengehen oder in Ruhe einen Tee trinken, statt Schokolade zu sich zu nehmen, empfiehlt Stephanie Krüger.

Lebensmittel sind keine akuten Stresshelfer

Sie geht sogar noch einen Schritt weiter. „Wer sich sehr schlecht ernährt, viel Fast Food zu sich nimmt, um damit vermeintlich Zeit zu sparen und vermeintlich keinen Stress mit Kochen zu haben, der ist in der Folge auch weniger resistent gegen Stress.“ Fettiges Essen, ungesunde Mahlzeiten, viel Zucker – das sind nicht unbedingt Lieferanten für gute und wichtige Nährstoffe.

Außerdem sind bestimmte Vitamine und Mineralstoffe geradezu dazu prädestiniert, unser Nervenkostüm zu stärken und uns damit weniger anfällig für Stress zu machen. Vitamin B gehört dazu, Magnesium oder Tryptophan, eine Aminosäure, die in eiweißhaltigen Lebensmitteln vorkommt und wie ein natürlicher Stimmungsaufheller wirkt.

„Akute Stresshelfer sind Lebensmittel aber nie“, sagt Stephanie Krüger. Eine Banane vor einem Termin beim Chef werde niemanden zwangsläufig ruhiger werden lassen. „Und wer sich eine Schüssel Nüsse an den Arbeitsplatz stellt und diese während eines Tages komplett vertilgt, tut seinem Körper auch nichts besonders Gutes. Fünf Nusskerne am Tag sind völlig ausreichend“, sagt Krüger. Immerhin haben Nüsse auch eine Menge Kalorien.

Dem Teufelskreis entkommen

Wer mit seiner Ernährung aktiv etwas gegen Stress tun will, kann dies nur mit einer grundsätzlichen Ernährungsumstellung erreichen. Ihr Tipp: „Ist dein Leben stressig, schau auf deinen Teller und überdenke deine Essgewohnheiten“, empfiehlt Stephanie Krüger.

Freilich sei es nie leicht, aus einem Teufelskreis aus Stress, ungesunder Ernährung und Gewichtsproblemen auszubrechen, sagt die Ärztin. Die meisten Patientinnen änderten ihre Essgewohnheiten leider erst nach einem richtigen Wake-up-call, wie zum Beispiel nach einem Burn-out oder schlimmstenfalls nach einem Herzinfarkt, sagt sie. „Dabei kann man zu jeder Zeit sein Leben ändern – sei es in Bezug auf die Ernährung oder auf den Stress.“