Viele trinken keine Milch oder essen keine Milchprodukte, weil sie sich laktosefrei ernähren wollen. Dahinter steht aber oft gar keine Nahrungsmittelunverträglichkeit.
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BerlinLaktosefreier Frischkäse, fruktosefreie Schokolade und Pasta ohne Gluten: Das Angebot an sogenannten „Frei von“-Lebensmitteln explodiert. Haben die entsprechenden Unverträglichkeiten und Allergien wirklich so stark zugenommen?

„Angesichts des Angebots könnte man das denken, aber mir sind keine Untersuchungen bekannt, die eine derartige Entwicklung belegen“, sagt Jan Frank, Ernährungswissenschaftler an der Universität Hohenheim. Vielmehr sei die Anzahl der Menschen gestiegen, die glauben, eine Nahrungsmittelunverträglichkeit zu haben: „In Deutschland sind das etwa 60 Prozent – eine auch im europäischen Vergleich außerordentlich hohe Zahl“, sagt Frank, der auch Vorsitzender der Ernährungsfachgesellschaft Society of Nutrition and Food Science ist.

Boomender Markt, von dem sich viele anstecken lassen

Drei bis vier Prozent der Deutschen haben nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) eine Lebensmittelallergie. Unverträglichkeiten gegen bestimmte Nahrungsmittel können häufiger vorkommen. Für davon Betroffene ist das wachsende Angebot von Speziallebensmitteln ein Vorteil. „Für alle anderen Personen haben sie keinen nachgewiesenen gesundheitlichen Nutzen“, urteilt die DGE in ihrem 13. Ernährungsbericht. Sie können für Menschen ohne Nahrungsmittelunverträglichkeiten mitunter sogar schädlich sein.

Dennoch boomt der Markt. Viele entscheiden sich auch ohne medizinische Notwendigkeit für diese Produkte. So kaufen zum Beispiel viele Menschen ohne Laktoseintoleranz laktosefreie Produkte. Strikte Ernährungsweisen mit klaren Vorschriften fungierten für manche wohl als eine Art Religionsersatz, vermutet Jan Frank: „Aber das ist sicher nur ein Grund von vielen.“

Auch Jörg Kleine-Tebbe vom Berliner Allergie-und Asthma-Zentrum Westend schließt sich dieser Einschätzung an. Grundsätzlich herrsche ein großes Interesse am Thema Ernährung, bei dem allerdings auch Ängste eine Rolle spielten, sagt Kleine-Tebbe, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI). „Frei von“-Lebensmittel sind zugleich ein enormes Geschäft.

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Umso wichtiger seien wissenschaftlich gesicherte Informationen, sagt Jörg Kleine-Tebbe. Diese seien verfügbar, gingen aber im „allgemeinen Rauschen“ unter. Der Allergologe betont, dass die wachsende Zahl gefühlter Unverträglichkeiten auch ein Ergebnis von veränderten Essgewohnheiten sei: „Diese lassen sich als ,Snackification‘ zusammenfassen: Wir haben alles zu jeder Tages- und Nachtzeit zur Verfügung, was zu Fehlernährung führen kann oder zu Gewohnheiten, die uns Nahrung nicht gut vertragen lassen, Stichwort Reizdarm.“

Bei der Fruktoseintoleranz zum Beispiel handle es sich korrekterweise um eine Fruktose-Malabsorption. Der Körper könne nur eine begrenzte Menge Fruchtzucker auf einmal aufnehmen. „Und das ist meist keine Krankheit, sondern das Resultat einer entsprechenden Fehlernährung.“

Wenn die Nahrung Probleme macht

Zöliakie. Von der Erkrankung des Magen-Darm-Trakts, verursacht durch eine Glutenunverträglichkeit, ist nur ein Prozent der Deutschen betroffen. Gluten ist ein Klebereiweiß in Getreide. Die Autoimmunerkrankung tritt oft zusammen mit anderen Erkrankungen des Immunsystems auf.  

Laktoseintoleranz.
Die Milchzucker-Unverträglichkeit ist charakterisiert durch Verdauungsprobleme nach dem Genuss von Milchprodukten. Die Diagnose muss aber vom Arzt abgeklärt werden. Ähnlich bei der Fruktoseintoleranz, bei der Fruchtzucker nicht vertragen wird.

Lebensmittelallergien. Hier antwortet das Immunsystem auf kleinste Mengen bestimmter Stoffe in Lebensmitteln mit einer überschießenden Abwehrreaktion. Es werden nachweisbare Antikörper gegen Allergene gebildet. Oft sind Proteine die Auslöser.

„Unser Lebensmittelangebot ist zu reich an Fruchtzucker und einfachen Kohlenhydraten“, kritisiert die Ökotrophologin Christiane Schäfer. Das legten entsprechende Studien nahe: „Schaut man sich etwa die Daten zur Glutenunverträglichkeit an, dann sind weder Weizen noch Dinkel das Problem, sondern die Art der Nahrungsmittelproduktion.“

Das Beispiel Gluten zeige, wie entsprechende Ungereimtheiten zustande kommen: „Esse ich viele Kohlenhydrate und wenig Gemüse, entstehen mehr Gase, was zu Blähungen führt.“ Derartige Symptome einwandfrei zuzuordnen, sei allerdings nicht einfach. „Bei 60 Prozent der Patienten mit solchen Bauchbeschwerden läuft selbst die Maximaldiagnostik des Arztes ins Leere.“ Gluten oder auch Klebereiweiß ist ein Speicherprotein in Getreide, bei einer immunologisch bedingten Glutenunverträglichkeit kann es zu einer Zöliakie, einer Erkrankung des Magen-Darm-Trakts kommen, an der etwa ein Prozent aller Deutschen leidet.

Glutenfreie-Sortiment teurer und dennoch verarbeitet

„Beim Arzt bekommt ein Patient mit Blähungen nun vielleicht die Empfehlung, eine Zeit lang auf Gluten zu verzichten“, sagt Schäfer. Der Kohlenhydratverzicht und eine insgesamt gesündere Ernährung habe zunächst durchaus positive Effekte: „Die Kohlenhydrat-Last sinkt durch den Verzicht auf Gluten.“ Die Patienten blieben daraufhin bei glutenfreien Produkten, fielen nach einiger Zeit aber wieder in alte Ernährungsmuster zurück. Sie äßen also etwa zu viele Snacks und stark verarbeitete Lebensmittel, die es auch glutenfrei zu kaufen gibt.

Und dann, so Schäfer, würden die ursprünglichen Probleme noch größer: „Das Glutenfrei-Sortiment ist mittlerweile genauso durchsetzt mit zum Teil extrem hoch verarbeiteten Lebensmitteln wie das herkömmliche Normalsortiment – nur eben deutlich teurer und eine Nische bedienend.“ Auf Dauer könne eine grundlos glutenfreie Kost zu Verstopfungen, einer Fettleber und anderen internistischen Problemen führen. Entsprechend rät etwa die DGAKI in einem Positionspapier von einer glutenfreien Ernährung ohne nachgewiesene Zöliakie ab.

Nicht ganz so schwerwiegend sind die Risiken einer laktosefreien Ernährung ohne passende Indikation: „Menschen, die auf Milchzucker verzichten, züchten sich nicht unbedingt eine Laktoseintoleranz heran“, sagt etwa der Mediziner Jörg Kleine-Tebbe. Allerdings bestehe das Risiko eines Kalziummangels, wenn man stattdessen nicht zu calciumreichen Mineralwasser, Brokkoli oder anderen Kalziumquellen greife, wie Ernährungswissenschaftler Jan Frank sagt.

Feld der Unverträglichkeiten differenziert betrachten 

Insgesamt muss das Feld der Nahrungsmittelunverträglichkeiten differenziert betrachtet werden. So gibt es zum einen die allergischen und immunologischen Unverträglichkeiten gegenüber kleinsten Mengen, zu denen etwa die Zöliakie zählt. Hinzu kommen die meist bei größeren Mengen auftretenden Beschwerden wie etwa die Laktoseintoleranz. „Und schließlich können Unverträglichkeiten auch das Ergebnis einer ausgeprägten Aversion sein, bei denen die starke Abneigung zu körperlichen Reaktionen führt“, so Jan Frank. Er rät, Beschwerden ärztlich abklären zu lassen und eine qualifizierte Ernährungsberatung aufzusuchen: „Diese kann sowohl helfen, wenn eine Unverträglichkeit diagnostiziert wurde, als auch für den Fall, dass die Ursachen noch unklar sind.“

Auch Christiane Schäfer plädiert dafür, stärker auf das Essverhalten eines Patienten zu schauen, anstatt nur pathologische Gründe zu suchen. Zunächst sollte die Frage beantwortet werden, „was wir unserem Wunderwerk Körper zu viel zuführen“.

Nahrungsmittelvielfalt gehört zu den zehn Empfehlungen der DGE für eine ausgewogene Ernährung, hinzu kommen eine starke Reduktion tierischer Produkte bei gleichzeitiger Betonung pflanzlicher Lebensmittel, mehr Ballaststoffe und schließlich der Verzicht auf zuckerhaltige Getränke. Jan Frank unterstreicht: „Als Teil einer solchen gesunden, ausgewogenen Ernährung kann jedes Lebensmittel verzehrt werden – ganz ohne Verbote.“