Für geistig behinderte Menschen sind eine leichte Sprache sowie Bilder und Illustrationen zum Verstehen von Texten besonders wichtig.
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München/BremenJetzt mal ehrlich: Verstehen Sie immer alles, was Sie lesen? Sämtliche Briefe und Formulare, die Sie von Behörden bekommen? Das Fachchinesisch im Arztbrief und die Premierenrezension im Feuilleton? Selbst begabte und geübte Menschen werden an dieser Stelle wohl einräumen, dass das nicht immer der Fall ist. Menschen mit einer geistigen Behinderung oder geringen Deutschkenntnissen scheitern bereits an sehr viel einfacheren Texten. Ihnen hilft die sogenannte Leichte Sprache - doch die führt knapp 30 Jahre nach ihrer Einführung noch immer ein Nischendasein.

„Leichte Sprache ist von Menschen mit geistiger Behinderung gefordert und erdacht worden nach der Grundidee: „Nicht über uns ohne uns"“, berichtet Marion Klanke vom Büro für Leichte Sprache der Lebenshilfe Bremen. Rund 900 000 Betroffene verzeichnen die Statistiken aktuell. „Man hat aber schnell gemerkt, dass noch viele andere Zielgruppen von Texten profitieren, die möglichst leicht verständlich sind.“

Dazu gehören Menschen, die nur schlecht lesen können. In Deutschland gibt es der aktuellen LEO-Studie zufolge rund 6,2 Millionen Erwachsene, die maximal einzelne Sätze lesen oder schreiben können. Von zusammenhängenden, auch kürzeren Texten sind sie aber überfordert. 6,2 Millionen - das sind gut zwölf Prozent der Deutsch sprechenden Erwachsenen. Hinzu kommen diejenigen, die gerade erst Deutsch lernen. Auch Patienten, die etwa aufgrund eines Schlaganfalls eine Störung des Sprachzentrums haben, oder Gehörlose, die Gebärdensprache als Muttersprache haben und denen deshalb die anders funktionierende Schriftsprache Schwierigkeiten macht.

Leichte Sprache ist von Menschen mit geistiger Behinderung gefordert und erdacht worden (...). Man hat aber schnell gemerkt, dass noch viele andere Zielgruppen von Texten profitieren, die möglichst leicht verständlich sind.

Marion Klanke vom Büro für Leichte Sprache der Lebenshilfe Bremen

„Dennoch ist das Bewusstsein, dass auch Sprache eine Barriere sein kann, noch nicht so weit verbreitet“, bilanziert Klanke. Zwar gibt es inzwischen Gesetze, wonach Bundesbehörden Informationen in Leichter Sprache bereitstellen müssen, wenn dies ein Mensch mit geistiger Behinderung verlangt. „Tatsächlich wissen die wenigsten Betroffenen, dass sie das einfordern können, und noch viel schlimmer: Die wenigsten Amtsträger sind darauf vorbereitet“, berichtet Klanke. Dabei sei Leichte Sprache nichts anderes als „die Rampe für den Rollstuhlfahrer“.

Und was ist jetzt Leichte Sprache? „Leichte Sprache hat kurze Sätze, kurze Wörter, und wenn es Fremdwörter gibt, müssen die erklärt werden“, zählt Thorsten Lotze vom Netzwerk Leichte Sprache auf. Auch das Layout ist ein wichtiger Bestandteil, weil Menschen mit Lernschwierigkeiten sich im Blocksatz oft verlieren. „Wir machen viele Absätze, haben ein luftiges Layout, eine Schriftgröße mit mindestens 14 Punkt und 1,5-fachen Zeilenabstand.“

Bilder und Illustrationen helfen beim Verstehen

Auch Bilder und Illustrationen sind für das Verständnis des Textes enorm wichtig. „Das Bild ist nicht möglichst schön, es hat auch nicht die Funktion, gewisse Stimmungen zu erzeugen. Stattdessen muss der Gegenstand gut erkennbar und die Illustration eine zusätzliche Erklärung des Geschriebenen sein“, erläutert Constanze Kobell, Übersetzerin für Leichte Sprache aus München.

Sie gehört zu den zertifizierten Übersetzern, die ihr Handwerkszeug in einer achttägigen Schulung gelernt haben und nach dem Qualitätskodex des Netzwerks Leichte Sprache arbeiten. Dazu gehört nicht nur die Beachtung der festgeschriebenen Regeln, sondern auch zwingend die Prüfung durch zwei Leser aus der Zielgruppe. Im Klartext: Eigens geschulte Menschen mit geistiger Behinderung lesen, oft im Rahmen ihrer Beschäftigung in einer Behindertenwerkstätte, die Texte gegen und bemängeln alles, was sie nicht verstehen.

In den Köpfen vieler Verantwortlichen spielt Leichte Sprache trotz der großen Zielgruppe bislang keine Rolle. Vor allem die freie Wirtschaft tritt so gut wie nie als Auftraggeber für Übersetzungen in Erscheinung. Dabei würde es vielen Unternehmen Vorteile bringen, etwa bei der Kundengewinnung. Auch intern gäbe es in vielen Firmen Einsatzmöglichkeiten: Etwa bei der Spedition, die für ihre Fahrer die Gefahrgutvorschriften übersetzen ließ, weil diese die komplizierten Vorgaben nicht verstanden und deshalb einfach ignorierten.