Soll man freiwillig seine Daten für den Kampf gegen das Coronavirus preisgeben?
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BerlinWie verunsichert und unvorbereitet wir sind, zeigt sich nicht zuletzt an der Frage über das Tragen eines Mundschutzes. Doch wir lernen schnell und wissen inzwischen, dass das Stück Stoff oder Zellstoff weniger uns als die anderen schützt. Wer die Muße hat, sich umzusehen, staunt über die modische Vielfalt, die auf den Straßen und in den Supermärkten zu sehen ist. So streng kann kein Ausgangsverbot sein, dass es Ausdrucks- und Gestaltungsfreude bricht. Und doch ist etwas Gravierendes geschehen, der unbändige Drang zur Individualisierung ist gebremst und überlagert von dem Bedürfnis nach Schutz.

Das ist keine unmittelbare Folge der Corona-Krise, die Moderne, in der vielfältige Gefahren überhaupt erst entfesselt wurden, lässt sich als charakteristisches Merkmal einer Sekuritätsgesellschaft beschreiben. Das tief im Verhalten verankerte Bedürfnis nach Sicherheit findet seine Entsprechungen in Armee, Polizei oder auch den Einrichtungen des Seuchen- und Infektionsschutzes.

Die spannendste Frage der Corona-Krise geht weit über die Anwendung des Stück Stoffes hinaus, das man vor Mund und Nase verschnürt. Wie sollen wir es denn nun mit der App halten, die wir auf unser Mobiltelefon aufspielen können, um via Verbindungsdaten neuralgische Infektionsherde ausmachen zu können, die es dann auch ermöglichen, uns anschließend als gefährdete Person zu identifizieren. Mit dem Einsatz des sogenannten Trackings stellen sich nicht nur Fragen nach dem Gesundheitsschutz, sondern insbesondere auch die des Schutzes individueller Freiheit. Erfolgt durch die Hintertür der Angst vor dem Virus eine viel weitreichendere Infektion, die das Absaugen privater Daten nach sich zieht? Ereignet sich in der Corona-Krise die Selbstauflösung jeglichen Datenschutzes?

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Folgt man der soeben als Buch erschienenen Theorie der Digitalisierung des Münchner Soziologen Armin Nassehi, so kann man zu dem Schluss kommen, dass diese Fragen falsch gestellt sind. Tatsächlich gibt es keinen gesellschaftlichen Schutz ohne die Erhebung von Daten. Die großen Entwicklungssprünge in der Medizin sind nicht zuletzt auch aus statistischen Erhebungen hervorgegangen, mit deren Hilfe Krankheitsbilder über örtliche Begrenzungen hinaus verglichen werden konnten. Armin Nassehi jedenfalls macht deutlich, dass die Digitalisierung die modernen Gesellschaften, wie wir sie kannten, nicht ablöst, sondern vielmehr in diesen angelegt war, lange bevor es erste Maschinen mit der Möglichkeit zur Datenverarbeitung gab. Wir brauchen keine Angst vor der Digitalisierung zu haben, lautet Nassehis mit einigem philosophischen Aufwand betriebene Botschaft.

Soll man sich also angesichts der bedrohten Gesundheit bedingungslos der technischen Möglichkeiten einer App aussetzen, die unsere Daten speichert und als mögliche Bedrohung für andere identifiziert? Nein. Es kommt in der Corona-Krise vielmehr darauf an zu erkennen, dass die Digitalisierung nicht irgendein Hilfsmittel ist, dass man vorübergehend anwendet und wieder vergisst, wenn die Gefahr vorbei ist. Das Virus, das die einzelnen und den sozialen Körper angegriffen hat, dürfte auch einen Bewusstseinsschub befördern, der die Erkenntnis im Gepäck hat, dass wir uns längst in einer Kultur des Digitalen befinden – ob wir das wollen oder nicht. Wenn man sich dem nicht einfach fatalistisch ergeben will, wird man sich also hineinbegeben müssen in die Wunderwelt der Algorithmen. Das sagt übrigens jemand, der vielen digitalen Anwendungen gegenüber stark fremdelt.

Wenn es einen gesellschaftlichen Schutz gegen die Gefahren des Datenmissbrauchs gibt, dann wird er nicht allein mit politischen und juristischen Mitteln zu erwirken sein. Es braucht ganz entschieden auch technologische Vorkehrungen. Wenn es stimmt, dass wir uns in der digitalen Gesellschaft befinden, dann wird es digitaler Lösungen bedürfen, um die demokratischen und individuellen Freiheiten zu verteidigen. Es könnte sein, dass die Corona-App einmal als die erste Anwendung angesehen wird, an der sichtbar wurde, wie sehr wir in der digitalen Gesellschaft zu Hause sind.