Man darf die Jugend auch nicht zu sehr romantisieren.
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BerlinIch las, Forscher hätten es geschafft, das Altern aufzuhalten, zwar nur bei Mäusen, Fruchtfliegen und Fadenwürmern, aber immerhin. Bald, so hoffen die Forscher, könnte auch der Mensch durch Tabletten-Einnahme den eigenen Verfall stoppen, ja es wäre sogar möglich, wieder jünger zu werden.

Ich dachte: Lucky boy! Erst fällt kurz vor meinem 20. Geburtstag die Mauer, und jetzt wird kurz vor meinem 50. Geburtstag die ewige Jugend erfunden, was man ja, wenn man metaphorisch ein wenig sensibel ist, auch als so eine Art Mauerfall bezeichnen könnte.

Mit klopfendem Herzen las ich weiter. Die Forscher schrieben, die Medikamente würden vermutlich nur bei Leuten funktionieren, die bei der ersten Einnahme nicht älter als 70 Jahre alt sind. Bei den Ü-70ern sei der Altersprozess nach heutigen Kenntnissen schon zu weit fortgeschritten, um eine nachhaltige Zellverjüngung bewirken zu können.

Ein Jugendlicher mit Rentenanspruch

Die entscheidende Frage, wann das Medikament für den Menschen einsetzbar sei, können die Forscher nur vage beantworten. Sie rechnen mit etwa 15 Jahren Entwicklungszeit. Bingo!, dachte ich. Besser hätte ich es selbst nicht planen können. In fünfzehn Jahren erreiche ich das Renteneintrittsalter, fasse die Kohle ab und werde wieder jung. Ein Jugendlicher mit Rentenanspruch!

Gibt es vielleicht doch einen gerechten Gott? Wobei meine Euphorie nicht lange währte. Was ist, dachte ich, wenn sich die Forschung verzögert? Wenn es die verdammten Jugend-Tabletten erst später geben wird, wenn ich zum Beispiel gerade 71 Jahre alt geworden bin. Wäre das nicht furchtbar? Alle anderen würden wieder jünger werden (sogar mein geschätzter Freund und Kollege Jochen Gutsch, der ja anderthalb Jahre jünger ist, wie er nicht aufhört zu betonen).

Nur ich und meine Jahrgangsgenossen, die von Historikern später womöglich „die tragischen 1970er“ genannt werden, wir würden unaufhaltsam dem Tod entgegentaumeln.

Meine Laune wurde plötzlich sehr schlecht, mein einziger Trost war, dass meine Frau Catherine auch 1970 geboren wurde, wir also nicht im Alter auseinandergerissen werden. Aber was nützt es, so pessimistisch zu sein? Gehen wir doch mal davon aus, dass unsere Altersforscher im Zeitplan bleiben, dann würde sich natürlich die Frage ergeben, in welches Alter ich am liebsten zurückreisen würde?

Vom Lauch zum Mann mit latenter Müdigkeit

18? Ach, ich weiß nicht. Man darf die Jugend auch nicht zu sehr romantisieren. Ich weiß noch, dass ich sehr dünn war, ein Lauch, würde man heute sagen. Ich hatte nur drei Haare auf der Brust, der Sex dauerte nie länger als fünf Sekunden und ich hatte Probleme mit meiner Gesichtshaut, auf die ich hier nicht genauer eingehen möchte.

25? Ja, schon besser, aber ich war immer noch sehr dünn, hatte Schweißfüße, weil ich aus modischen Gründen einen Sommer lang gefütterte Schuhe trug.

30? Klar, das klingt erst mal nicht schlecht. Aber da hatte der Ernst des Lebens auch schon begonnen. Ich fühlte mich unter Druck, war oft verspannt, hatte Rückenprobleme, konnte nicht richtig tief durchatmen, weil mein Zwerchfell hart wie Büffelleder war.

40? Nun, ich war zum ersten Mal nicht so dürr, dafür begann allerdings mein Haar dünner zu werden, sowohl die Mönchsplatte als auch die Napoleonschläfen wuchsen mit beängstigender Geschwindigkeit.

45? Weitere Leiden kamen hinzu: Kreuzbandriss, Meniskus-Abnutzung, gleichzeitige Kurz- und Weitsichtigkeit, Fersensporn und latente Müdigkeit. Tja, was soll ich sagen?

Vielleicht sollte ich mich mal etwas mit meiner Kindheit zu beschäftigen. Ich habe da zwar nur wenige Erinnerungen, aber meine Eltern sagen, zwischen vier und sechs hätte ich weißblonde Locken gehabt, sei wohlgenährt gewesen und hätte insgesamt sehr zufrieden gewirkt.