Berlin/Spiekeroog/Pellworm - Wer nachts zu Fuß auf der nordfriesischen Insel Pellworm unterwegs ist, sollte eine Taschenlampe dabeihaben. „Die gehört ins Standardgepäck“, sagt Tourismusdirektorin Sarah Michna. Denn auf Pellworm ist es nachts sehr dunkel. Ähnlich sieht es auf der ostfriesischen Insel Spiekeroog aus. Auch hier ist es nach Einbruch der Dunkelheit zappenduster. Dies wollen beide Inseln nutzen und sich von der International Dark-Sky Association (IDA) als anerkannte Sternenparks registrieren lassen. Pellworm hofft auf die IDA-Anerkennung im Spätsommer, auch auf Spiekeroog ist man optimistisch, dass es in den nächsten Monaten klappt.

„Sowohl Pellworm als auch Spiekeroog gehören mit zu den dunkelsten Orten in Deutschland und sind daher ideale Gebiete für Sternenparks. Es ist toll, dass beide Inseln diesen Weg gehen und sich bemühen, etwas gegen die Lichtverschmutzung zu tun“, sagt der Osnabrücker Astronom Andreas Hänel.

Umweltbelastungen durch Lichtverschmutzung müssen verringert werden

Die Auszeichnung als Sternenpark wird nur an Gebiete verliehen, die eine natürliche Nachtlandschaft aufweisen und sich für deren Erhalt einsetzen. Damit ist das Versprechen verbunden, Umweltbelastungen durch Lichtverschmutzung zu verringern sowie zur Gesunderhaltung aller Lebewesen und Energieeinsparung beizutragen.

Bislang gibt es in Deutschland eine Sternenstadt (das hessische Fulda) und vier anerkannte Sternenparks: das Biosphärenreservat Rhön, den Nationalpark Eifel, die Winklmoosalm in Bayern und den Naturpark Westhavelland in Brandenburg.

dpa/Patrick Pleul
Ich seh den Sternenhimmel: Über der Gülper Havel in Brandenburg gibt es viel zu entdecken.

Etwa 100 Kilometer westlich von Berlin befindet sich das rund 1400 Quadratmeter große Areal, das im Februar 2014 zum ersten Sternenpark Deutschlands ernannt wurde und seither für Sternenfreunde und Hobbyastronomen zum beliebten Brandenburger Ausflugsziel geworden ist. Die Naturparkregion setzt sich für einen maßvollen Einsatz von künstlichem Licht ein: Die Vermeidung von Lichtverschmutzung ist die wichtigste Aufgabe eines Sternenparks im besiedelten Raum. So werden in Dörfern nachts die Straßenlampen gedimmt oder gleich ganz abgeschaltet. Das trage nicht nur zu besserem Schlaf, dem Schutz der nachtaktiven Tier- und Pflanzenwelt und der Einsparung von Energie bei, sondern auch zum Erhalt eines Kulturgutes, heißt es auf der Website des Sternenparks. Schon die frühen Hochkulturen waren schließlich vom Nachthimmel und seinen funkelnden Bewohnern fasziniert.

Brandenburg: Geführte Nachtwanderungen und Paddeltouren im Mondschein

Bei günstigen Umständen an Standorten auf der Erde sind ohne Lichtverschmutzung mit bloßem Auge immerhin etwa 3000 bis 6000 Sterne zu sehen. Doch große Industrieansiedlungen, erleuchtete Städte und Ballungsräume erschweren den Blick ins Weltall. Nicht so im Sternenpark Westhavelland: Dort kann man an verschiedenen Beobachtungsplätzen den ungetrübten Blick nach oben wagen und etwa zwischen den Orten Parey, Joachimshof, Dreetz und Kriele das weiße Band der Milchstraße sehen.

Auch viele Berliner und astronomische Laien nutzen den Ort. Seit Kurzem sind wieder touristische Besuche möglich, auch Veranstaltungen soll es bald wieder geben. Beliebt sind geführte Nachtwanderungen und Paddeltouren im Mondschein. Im Internet berichten Besucher des Sternenparks von einem „wunderschönen Ort – perfekt, um Sterne zu beobachten und zu fotografieren“, von „totaler Ruhe“ und einer „tollen Erfahrung“. Ein Nutzer bedankt sich, dass es solche Orte in Deutschland noch gibt.

Von dieser Faszination wollen auch Spiekeroog und Pellworm profitieren, weitere Orte in Deutschland bemühen sich ebenfalls um eine Anerkennung als Sternenpark.

Spiekeroog: „Noch nie so einen dunklen Himmel gemessen“

Hierzulande wird die IDA durch die Fachgruppe Dark Sky der Vereinigung der Sternenfreunde vertreten. Andreas Hänel ist Leiter dieser Fachgruppe und berät die beiden Inseln auf ihren Wegen zum Zertifikat. Hänel erinnert sich noch gut an seine ersten Dunkelheits-Messungen auf Spiekeroog im April 2019. „Ich habe meinen Messwerten einfach nicht getraut, da ich vorher noch nie so einen dunklen Himmel gemessen hatte“, sagt er. Dabei habe er schon Hunderte Messungen überall auf der Welt gemacht. Auch auf Pellworm seien bereits die ersten Messungen herausragend gewesen, sagt die Tourismusdirektorin.

Rund um Spiekeroog gebe es jedoch viele Lichtquellen, die Einfluss auf den Nachthimmel nehmen, sagt Hänel. So bilden der Jade-Weser-Port und Wilhelmshaven eine deutliche Lichtglocke im Südosten. Zudem gebe es zahlreiche beleuchtete Windkraftanlagen auf der Nordsee und Schiffe, die auf der intensiv befahrenen Schifffahrtsstraße in der Deutschen Bucht unterwegs seien. Anders sieht es auf Pellworm aus: „Dort ist das unmittelbare Umfeld weniger störend“, sagt Hänel. Das einzige, was man bei Dunkelheit dominant sehen könne, sei eine Lichtglocke über einer Raffinerie bei Heide im Süden.

dpa/Andreas Hänel
Weniger Licht: Spiekeroogs Bürgermeister Matthias Piszczan programmiert die Helligkeit einer Straßenleuchte um. 

Oliver Jedath von der Projektgruppe Sterneninsel Pellworm führt seine Besucher an einem Abend im Mai zur Nordermühle. Jetzt heißt es warten. Auch eine Stunde nach Sonnenuntergang ist noch zu viel Restlicht am Himmel. Im Sommer muss man lange wach bleiben, um die Sterne zu sehen. Endlich lassen sich vereinzelt mehr und mehr Sterne zunächst nur erahnen, dann auch sehen. Aus einem Stallfenster in einiger Entfernung leuchtet es, an der Mühle geht ein Bewegungsmelder an. Ansonsten herrscht mittlerweile fast vollkommene Dunkelheit, nicht einmal der Mond ist zu sehen. Ein paar Schleierwolken erschweren allerdings den Blick auf die Sterne. Dann gegen Mitternacht klart es auf. Unzählige Sterne tauchen am Nachthimmel auf.

Diesen Himmel wollen die Pellwormer Touristiker nutzen, um gerade die Nebensaison für Besucher attraktiver zu machen. Als Sterneninsel hätte man ein Pfund, um die Nebensaisonzeit aufzuwerten. Beobachtungsplätze und weitere Angebote für Sternengucker sollen nach und nach entstehen. „Wir haben viele Ideen“, sagt Jedath.

Auch für Spiekeroog wäre eine Zertifizierung als Sternenpark eine touristische Aufwertung, die zu der Insel passe, ist sich Inselbürgermeister Matthias Piszczan (CDU) sicher. Spiekeroog sei bekannt als grüne Insel. „Die Gäste kommen zu uns, um sich mit der Natur auseinanderzusetzen. Ein Sternenpark wäre da eine passende Ergänzung“, sagt er. Gerade arbeitet die Insel daran, zusammen mit dem Nationalparkhaus Wittbülten zwei Erlebnisorte für Sternengucker zu schaffen.

Die Sternenparks auf Pellworm und Spiekeroog könnten zudem ein Bewusstsein für das Problem der Lichtverschmutzung schaffen: „Natürlich sehen wir auch ein großes Potenzial bei den vielen Gästen, die auf die Inseln kommen. Denen kann man zeigen, wie man mit angepasster Beleuchtung wunderschön leuchtende Sternenbilder sehen kann“, sagt Astronom Hänel. „Wir hoffen, dass die Touristen dieses Wissen mit nach Hause nehmen und vielleicht im Privaten oder in ihrer Kommune Anregungen geben, etwas zu verändern.“ Denn: Je weniger künstliches Licht die Nacht erhellt, desto besser ist der Blick in den Sternenhimmel. (mit dpa)