Partikelausbreitung nach 60 Sekunden in einem Klassenzimmer bei gekippten Fenstern, wenn ein Schüler atmet und periodisch hustet.
Grafik: TU Berlin/HRI

BerlinDaumen drücken und Luft anhalten scheint bundesweit das Motto zu sein, was die Wiedereröffnung der Schulen betrifft: Die Abstandsregel ist überall gefallen, mit der Mund-Nasen-Bedeckung halten die Bundesländer es unterschiedlich. Luft anhalten wäre jedoch tatsächlich das Einzige, was gegen Aerosole hilft: Winzige flüssige oder gasförmige Teilchen, die immun gegen die Schwerkraft sind und anders als Tröpfchen auch durch Alltagsmasken dringen. Von Wissenschaftlern wurden sie als Hauptübertragungsweg für das Coronavirus identifiziert.

Diese Aerosole sind der Grund, warum viele Wissenschaftler die Schulöffnungen mit Sorge betrachten. Denn gegen sie hilft vornehmlich eines: Lüften, lüften, lüften. Im aktualisierten Berliner Musterhygieneplan spielt das Thema denn auch eine wichtige Rolle: Ausdrücklich steht dort drin, dass „täglich, mindestens einmal in jeder Unterrichtsstunde bzw. Betreuungsstunde sowie in jeder Pause, eine Durchlüftung durch vollständig geöffnete Fenster und eine Luftabzugsmöglichkeit (z.B. offene Tür) über mehrere Minuten vorgenommen“ werden müsse.

Besonders strenge Regeln gelten im Musikunterricht, wo durch Singen und Blasinstrumente potenziell besonders viele Aerosole entstehen: Chorproben zum Beispiel dürfen nur stattfinden, wenn zwischen Sängern zwei Meter Abstand eingehalten werden kann. Außerdem ist der Probenraum laut Hygieneplan alle 30 Minuten „ausreichend zu lüften“, nach dem Ende einer 60-minütigen Probe muss 30 Minuten quergelüftet werden und der Raum zwei Stunden leerstehen, bevor nach einer weiteren 30-minütigen Querlüftung eine nächste Probe beginnen darf.

„Es reicht nicht, wenn die Luft frisch riecht“

Reicht das nicht aus? Nein, fürchtet Martin Kriegel, Professor an der Technischen Universität Berlin (TU) und Leiter des Herrmann-Rietschel-Instituts. Der Ingenieur beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema Luftverschmutzung und -verteilung und hat mit seiner Studie zur Raumverteilung von Aerosolen für einiges Aufsehen gesorgt. Denn: „Aerosole verteilen sich in einem geschlossenen Raum innerhalb von zwei oder drei Minuten überall“, sagte Kriegel der Berliner Zeitung. Das heißt, in einem beliebigen Klassenraum reicht ein einziger infizierter Mensch, um jeden einzelnen darin anzustecken. Mit Maske oder ohne, mit Abstand oder ohne. Zwar wohl nicht sofort: Wie viele mit dem Coronavirus belastete Aerosole man einatmen muss, um sich zu infizieren, weiß die Wissenschaft derzeit noch nicht. Auf der Grundlage von Grippeviren wäre Kriegel, selbst Vater zweier Berliner Schulkinder, allerdings dieses Lüftungsmodell am liebsten: 30 Minuten Unterricht, 15 Minuten Lüften im leeren Raum bei offenen Fenstern und Türen.

Am allerbesten wären natürlich dauerhaft geöffnete Fenster, das aber ist spätestens, wenn der Herbst kommt, nicht mehr realistisch. Kriegel beunruhigt, dass der Musterhygieneplan keine genauen Lüftungszeiten nennt: „Die meisten Leute haben keine Ahnung, wie lange es dauert, bis wirklich die gesamte Raumluft ausgetauscht ist“, sagt er. „Die denken, es sei vollständig gelüftet, sobald es kalt wird oder die Luft frisch riecht. Aber das stimmt nicht.“ Fünf Minuten ein Fenster aufmachen, wie es in vielen Berliner Unterrichtsräumen wohl spätestens im Winter praktiziert werden wird, reichten auf gar keinen Fall, sagt Kriegel. Weil es keine simple Möglichkeit gibt, Aerosole im Raum zu messen, empfiehlt er in Klassenzimmern deshalb den Einsatz von CO2-Messgeräten, die einem Irrgefühl harte Fakten entgegensetzen können. Zum Beispiel durch den Einsatz eines Ampelsystems: grün heißt „Alles in Ordnung mit der Raumluft“, gelb heißt „Es wird stickig“, und rot „Alle Fenster auf, aber schnell“.

Eine Anleitung zum korrekten Lüften vom Umweltbundesamt gibt es hier >>>

Die Bernd-Ryke-Grundschule in Haselhorst hat ihre 22 Klassenräume bereits im vergangenen Schuljahr mit CO2-Messern ausgerüstet – dank des Engagements einer physikalisch bewanderten Mutter und auf eigene Faust. „Ursprünglich war unser Ziel weniger Lärm im Unterricht“, berichtet der Konrektor. „Wir wussten, dass ein hoher CO2-Wert zu Unkonzentriertheit bei den Kindern führt.“ Die Investition von 100 Euro pro Gerät, bezahlt aus dem Schuletat, stellt sich nun als Glücksfall in Sachen Infektionsschutz heraus. Denn wenn die Ampel grün zeigt, dürfte nicht nur der CO2-Wert niedrig, sondern auch die Aerosoldichte gering sein – Kriegel kann das aus seiner Forschung bestätigen.

Die Lüftungsanlagen eines MEBs haben keinen Effekt

Die Erfahrungen der Ryke-Schule sollten Senatsschulverwaltung und Schulleitungen aufhorchen lassen: „Selbst wenn wir die Fenster durchgehend auf Kipp stehen lassen, bleibt die Ampel trotzdem rot“, berichtet der Konrektor. „Das einzige, was wirklich hilft, ist alle Fenster und die Tür aufzumachen und mindestens fünf Minuten lang für Durchzug zu sorgen.“ Andernfalls schalte die Ampel bei geschlossenen Fenstern nach kurzer Zeit wieder auf rot. An seiner Schule sei das durch die Messgeräte angespornte neue Lüftungsverhalten durchgehend gut angekommen, berichtet der Mann. Die Kinder fänden die frische Luft gut und bäten inzwischen sogar schon selbst um Lüftung. Im Herbst und Winter würde es natürlich schnell kalt, „aber sie ziehen sich dann eben kurz die Jacke an. Es wird ja dann auch schnell wieder warm.“

Besorgniserregend: Die Lüftungsanlage im Neuanbau der Ryke-Schule – einem der sogenannten Modularen Ergänzungsbauten (MEB), mit denen die Senatsschulverwaltung gerade berlinweit neue Schulplätze schafft – hat nach den Beobachtungen des Konrektors überhaupt keinen Effekt auf die Verringerung des CO2-Werts in den Räumen. Und vollständig öffnen lassen sich die Fenster darin nur mit einem Spezialschlüssel, aus Sicherheitsgründen.

Keine zentrale Abfrage bei den Schulen

Ein Problem in vielen Berliner Schulen, wie eine Umfrage bei den Bezirken ergibt. Vollständig verschlossene Fenster sind demnach zwar nur in Einzelfällen ein Problem – um das sich einige der Schulträger, wie Neukölln oder Friedrichshain-Kreuzberg, auch schon während der Sommerferien gekümmert haben. Sie waren und sind dabei allerdings größtenteils auf die Initiativ-Meldungen der Schulleitungen angewiesen: „Über ein spezielles Kataster zu Erfassung der Lüftungstechnik in Unterrichtsräumen verfügt der Bezirk nicht“, teilte etwa das Bezirksamt Treptow-Köpenick der Berliner Zeitung mit. Eine spezifische Abfrage der Lüftungsmöglichkeiten bei allen Schulen, verschickt am 11. Juni, vermeldete nur der Schulstadtrat von Marzahn-Hellersdorf Gordon Lemm (SPD). Die Senatsschulverwaltung hatte die Bezirke nicht zu einer solchen Kontrolle aufgefordert.

Um den Nutzen von CO2-Messern in Klassenzimmern wissen sie allerdings in der Bernhard-Weiß-Straße 6. Kriegel hat der Behörde ein solches Gerät in den Sommerferien höchstpersönlich vorgeführt. Bislang allerdings hält sie sich bedeckt: Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD) sagte am Montag bei einem Besuch der Nürtingen-Grundschule lediglich, man beschäftige sich mit dem Thema. Ein Problem ist der Kostenpunkt: Ein CO2-Messgerät kostet in der Standardausführung zwischen 60 und 80 Euro. Das würde bei mehr als 600 Berliner Schulen die Senatsverwaltung für Finanzen mit auf den Plan bringen. Scheeres bremste deshalb auch schon die Erwartungen: Möglicherweise könne man ja einzelne Klassenzimmer, in denen das Lüften besonders schwierig sei, mit einem solchen Gerät ausstatten.

Andreas Wegener, Geschäftsführer der Kant-Stiftung und Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Freien Schulen, wusste am Dienstag noch nichts von konkreten Plänen bei Berliner Privatschulen, ihre Räume mit CO2-Messgeräten auszustatten. „Es werden jetzt aber bestimmt einige damit anfangen“, sagte Wegener der Berliner Zeitung.