Die Klimaaktivistin Luisa Neubauer.
Berliner Zeitung/Mike Fröhling

BerlinSie wurde vor 24 Jahren in Hamburg geboren, studiert Geografie in Göttingen. Luisa Neubauer ist Mitglied der Grünen und engagierte sich in verschiedenen Nichtregierungsorganisationen. Sie kam zum Interview in die Redaktion der Berliner Zeitung in die Alte Jakobstraße. Auf dem Aufnahmegerät sind viele Pausen. Luisa Neubauer denkt gerne nach. Dabei greift sie mit großem Vergnügen in die Schüssel mit Him- und Heidelbeeren, die wir ihr auf den Tisch gestellt haben. Sie lächelt dabei und erklärt, das sei das erste Mal, dass ihr bei einem Interview etwas zum Essen angeboten werde. Wir sind beide bester Laune. Vom Coronavirus, der heute die Weltwirtschaft lahm zu legen droht, war bei unserem Treffen weit und breit noch keine Rede.

Frau Neubauer, Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie Sie bei großen Demonstrationen nicht nur den Erfolg spüren, sondern sich manchmal auch ein Gefühl der Beklommenheit einstellt.

Ich bin ja in einer Fülle von Rollen bei einer solchen Demonstration. Ich bin dort, weil ich es wichtig finde, weil es mir Spaß macht. Ich bin Teil eines großen Ganzen. Aber ich bin auch eine Organisatorin. Auf mich konzentrieren sich auch viele Erwartungen. Bei mir sammeln sich so viele Perspektiven, da ergibt sich ein Konglomerat von Gefühlen. Ich sehe das alles zusammen, weil ich das alles zusammen bin. Ich beschäftige mich jetzt über ein Jahr lang damit. Fast täglich. Ich versuche zu verstehen, was diese großen Massenbewegungen auf der Straße mit den Menschen machen und warum wir sie brauchen.

 Mit den Menschen oder mit Ihnen?

Sowohl als auch. Natürlich stehe ich mittendrin. Aber unsere Bewegung und ich, wir leben davon, dass es vielen anderen auch so geht. Die Freude über die Solidarität, das Gefühl von „wir sind viele“ ist da, und manchmal gibt es daneben auch das Gefühl der Beklommenheit. Das ist nicht sonderlich verblüffend. Es ist ja nichts anderes als ein Gefühl der Verantwortung und auch eine Furcht, vielleicht nicht immer richtig mit ihr umzugehen.  

Reden Sie mit anderen darüber?

Natürlich. Ich schreibe ja auch darüber.

Dachten Sie schon einmal mitten in einer solchen Demonstration: Ich bin hier falsch. Wollten Sie schon mal weglaufen?

Das erste Mal ging ich aus meiner Komfortzone, als ich im Dezember 2018 meine erste „Fridays for Future“-Demo organisierte. Das war nicht einfach. Meine Instinkte sagten: Luisa, Gefahr! Aber es war gut, dass ich es getan habe. Vielen anderen wird es ähnlich gehen. Die Erfahrung, dass etwas nicht nur getan werden muss, sondern, dass man es auch machen kann, ist großartig. Aber ich glaube, es geht sehr vielen so, dass sie sich immer wieder neu motivieren müssen. Der Erfolg kommt nicht von selbst. Der Protest ist nicht einfach. Er ist oft hart. Er ist unbequem. Ist man dann aber auf der Demo, dann entsteht vor Ort etwas so Einnehmendes. Die Luft vibriert. Da will man nicht weglaufen. Da ist man begeistert. Meistens jedenfalls. Manchmal ist allerdings der Medientrubel so groß, man sieht die Welt vor lauter Kameras nicht mehr, da gibt es für viele dann schon für einen Augenblick auch den Impuls wegzulaufen.  

Gibt es noch andere Momente?

Es kommt vor, dass während einer Demo von 75000 Menschen schlechte Nachrichten kommen. Wie erzähle ich ihnen das? Oder in Madrid einhunderttausend Menschen in viel zu engen Straßen. Das ist sehr unangenehm. Die Massen sind fast erdrückend.

 Es gibt keine Konfrontationen mit der Polizei?

Es gibt für uns meistens keinen Anlass für ein schlechtes Verhältnis zur Polizei. Wir melden unsere Demonstrationen meist an. Wir sind ja auch darauf angewiesen, dass die Polizei unsere Demonstrationen schützt.  

Werden Sie bedroht?

Ich bekomme Morddrohungen.  

In Ihrem Buch gibt es Passagen, die etwas blasser gedruckt sind.

Wir haben das Buch zusammen geschrieben, komplett. Die blassen Stellen, wie Sie das sagen, sind persönliche Eindrücke und Beobachtungen, mal von meinem Ko-Autor, mal von mir. Wir wollten ein Sachbuch schreiben, aber eines, in dem das Subjektive, Persönliche nicht verschwindet, sondern ebenso zur Sprache kommt. Wen das erst einmal nicht interessiert, der kann diese Passagen leicht überspringen. Wir wollen beides, weil wir es für wichtig halten, die Klimakrise nicht nur als etwas Faktisches zu begreifen. Sie ist auch etwas Lebensweltliches. Mit Analyse allein kommt man da nicht weiter.  

„Fridays for Future“ macht Druck. Druck ist aber bekanntlich kein gutes Erziehungsmittel.

Da reißen die Kinder immer aus. Glücklicherweise müssen wir ja nicht erziehen.  

Ich dachte, Sie wollen uns erziehen.

Darauf habe ich keine Lust. Wollen Sie das machen? Ich würde Menschen und Gesellschaften gerne die Augen ein wenig öffnen. Darum geht es im Kern doch: Augen aufmachen und sehen, was ist. Die Lage ist ja offensichtlich. Die Daten liegen vor, jeder kennt sie oder kann sie kennen. Aber viele verschließen die Augen davor, weil die Tatsachen nicht in die Narrative passen, denen sie anhängen. Nehmen Sie unseren Minister für Wirtschaft und Energie Peter Altmaier. Sein Credo lautet: Sobald der Klimaschutz unseren Wohlstand einschränkt, lassen wir ihn bleiben. Dabei ist doch völlig klar, die Klimakrise wird unseren sogenannten Wohlstand zerhackstückeln. Außerdem muss man doch auch einmal fragen, ob der Wohlstand, den Altmaier zu verteidigen vorgibt, wirklich ein Wohl-Stand ist. Je höher das Bruttoinlandsprodukt wächst, desto besser geht es den Menschen – das stimmt doch schon lange nicht mehr. Von Peter Altmaier erwarte ich leider nicht, dass er jetzt auf einmal sagt: Oh verdammt, ich habe mich da ein wenig verrannt, die Leute von „Fridays for Future“ haben recht!  

Er müsste raus aus seinem Narrativ.

Er müsste springen. Hinaus aus den Geschichten, die dazu entwickelt wurden, um an den Tatsachen vorbei zu erzählen. Wie etwa der Populist sagt: Ausländer raus, Steuern runter. Grenzzäune hoch, und alles wird besser. Das ist Quatsch. Aber das festzustellen, genügt nicht. Wir brauchen eigene Geschichten. Tatsachen müssen in Kontexte eingebettet werden, in Vorstellungen, die wir haben von der Welt wie sie ist und wie sie sein soll. „Fangt an zu träumen“ – darum geht es. Wir müssen Geschichten erzählen von einer Welt, in der wir alt werden möchten.

Zu dieser Welt gehören aber auch Jobs und eine gut geölte Wirtschaft, finden Menschen wie Altmaier.

Derzeit leben wir in einer Welt, in der Kinder die Schule bestreiken aus Angst vor der Zukunft, vor ihrer Zukunft. Es ist schwer auszuhalten, ja herzzerreißend, dass junge Menschen berechtigterweise Angst davor haben, wie die Welt aussehen wird, wenn sie die Verantwortung für sie übernehmen sollen. Wir müssen alles tun, damit die Zukunft ein Sehnsuchtsort wird.  

Mit den Kindern?

Junge Menschen sind unvoreingenommener, noch nicht so festgefahren in ihren Vorstellungen. Sie können die Dinge leichter sehen wie sie sind. Sie müssen sich nicht rechtfertigen, müssen keine Programmatiken verteidigen. Sie sind in der Lage, sich mit einem sehr klaren und ehrlichen Blick die Welt anzuschauen.


Luisa Neubauer ...

  • ... kam 1996 in Hamburg zur Welt. Seit 2015 studiert sie – von Stipendien gefördert – Geografie an der Georg-August-Universität in Göttingen. Sie lebt in Göttingen und Berlin.
  • ... ist seit 2016 Jugendbotschafterin von ONE, einer Kampagnenorganisation für die Bekämpfung extremer Armut in Afrika.
  • ... engagierte sich außerdem schon in jungen Jahren in der internationalen Zusammenarbeit für einen weltweiten Kohleausstieg und ist nun seit 2017 ein Mitglied der Partei Bündnis 90/Die Grünen.
  • ... wurde im Dezember 2018 auf der Klimakonferenez in Kattowitz von Greta Thunbergs Rede inspiriert und beschloss, deren Idee des Schulstreiks mit nach Deutschland zu nehmen.
  • ... organisierte noch im selben Monat die erste eigene „Fridays for Future“-Demo in Hamburg. Sie gilt inzwischen als deutsches Gesicht der Klimabewegung „Fridays for Future“.
  • ... veröffentlichte im Herbst 2019 gemeinsam mit Alexander Repenning, ebenfalls Umweltaktivist, im Tropen-Verlag ein Buch mit dem Titel „Das Ende der Klimakrise: Eine Geschichte unserer Zukunft“, in welchem sie Theorie und Praxis zusammenbringen und einen Weg in die Zukunft entwerfen.

 Idealisieren Sie da nicht diese Rangen?

Diese Kinder, die in den letzten vierzehn Monaten nahezu Unmögliches geleistet und die „Fridays for Future“ aufgestellt haben? Diese Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene haben gezeigt, dass sie angesichts einer großen Krise durchaus in der Lage sind, Unmögliches möglich zu machen. Sie haben spektakulär viele der Vorurteile, die über sie kursierten, widerlegt.  

Haben Sie noch genauere Vorstellungen von dem Sehnsuchtsort Zukunft?

Am Ende des Buches sprechen wir von der Notwendigkeit neuer Zukünfte. Die unterscheiden sich von den Hochrechnungen oder den bloßen Gegenentwürfen. Wir erinnern an die Arbeit der Unesco, die so etwas betreibt wie eine Zukunftsalphabetisierung: „Global Futures Literacy Network“ heißt die entsprechende Abteilung. Es ist in meinen Augen nicht nur interessant, was ich mir gerade dazu denke. Es ist viel mehr entscheidend, dass wir alle uns dazu Gedanken machen. Dann werden wir uns erst klar werden können, was in unseren Augen Wohl-Stand ist und wie wir ihn erringen wollen. An so vielen Orten auf der Welt wird schon ein besseres Zusammenleben ausprobiert. Diese Versuche sollten vermehrt werden. Wir wollen darauf hinweisen, was es schon alles gibt. So sehr viele gerne die Augen verschließen vor der Katastrophe, so sehr werden sie auch gerne verschlossen vor den Möglichkeiten, die Katastrophe zu verhindern. Das gehört zusammen.

Die Menschen sollen sich ausprobieren können?

Sie sollen sicher sein können und gleichermaßen frei.   Sie sollen sich ausleben können ohne die Angst, dass jeder einzelne Schritt ein Schritt über das ökologisch Erträgliche hinaus sein kann. Derzeit leben wir am Limit dessen, was der Planet noch erträgt. Unfreier geht nicht.  

Wollen nicht viele heute lieber die Gewissheit haben, nicht bei jeder Gelkegenheit darauf hingewiesen zu werden, dass jeder ihrer Schritte den Kollaps unseres Ökosystems bedeuten kann?

Für viele stimmt das. Darum ist unsere Arbeit so wichtig. Viele aber wollen im Gegenteil genau Bescheid wissen über die Arbeitsbedingungen, unter denen ihr T-Shirt hergestellt wurde, woher ihr Gemüse kommt und sie berechnen ihren CO2-Fußabdruck. Aufklärung ist nicht das zentrale Problem. Wir haben zu wenig Alternativen. Wenn Flüge billiger als die Bahn gemacht werden, dann wird einem schwer gemacht, das ökologisch Sinnvolle zu tun. Dann ist es so: Je genauer man Bescheid weiß, desto frustrierender ist die Situation.  

Glauben Sie an Gott?

Weiß ich nicht.  

Gott wäre ein Hoffnungsschimmer. Er könnte uns retten aus der Katastrophe.

Die Leute, die sich auf Gott verlassen, sehe ich nicht. Ich sehe hingegen Menschen, die Rettung von jeweiligen Gott-Äquivalenten, von Wissenschaft und Technik erwarten. Andere glauben, der Markt werde es richten. Die Gottfigur wird ersetzt durch Technik, Markt und Bernie Sanders.  

Auch von Greta?

Nein, deutlich weniger. Greta und „Fridays for Future“-Aktivisten werden als kritische, streikende Instanzen wahrgenommen. Technik, Industrie und Politiker dagegen als Macher. Uns wird die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen und zu gestalten, abgesprochen. Als ich die Siemens-Aufsichtsratsstelle ablehnte, warf man mir vor, vor der Verantwortung zurückzuschrecken. Da musste ich schmunzeln. In meinen Augen zumindest liegt jetzt schon eine Weile eine Menge Verantwortung auf meinen Schultern.  

Warum lehnten Sie das Angebot ab?

Es gab eine Reihe unterschiedlichster Gründe. Ein wichtiger war, dass ich gebunden gewesen wäre und nicht mehr öffentlich und frei die Geschäfte von Siemens hätte kommentieren dürfen. Siemens macht in Australien weiter mit beim Bau eines der größten Kohlebergwerke der Welt durch die indische Adani-Gruppe.  

Unser Termin begann um 19 Uhr. Er wird um 20.30 Uhr zu Ende sein. Wie viele hatten Sie heute schon?

Fünf und anschließend werde ich noch zwei haben.  

Das ist Selbstmord. Jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen, Ihnen mit meinen Fragen Ihre Lebenszeit zu klauen. Aber so geht es ja nicht jeden Tag.

Fast jeden Tag.  

Machen Sie noch irgendetwas anderes?

Klar.  

Klar?

Ich studiere, ich schreibe eine Kolumne im Stern, ich habe Freunde, mache Sport.  

Sie verzichten auf Schlaf?

Ich schlafe so viel, wie ich brauche.

 Die Antwort eines gewieften Politikers! Acht Stunden? Sechs? Vier?

Das ist irrelevant.  

Es ist überlebenswichtig.

Für mich, aber nicht für das Interview.   

Okay. Gibt es drei Zahlen, die ich mir unbedingt merken sollte?

Sehr gute Frage! Also erstens: Etwa sieben Gigatonnen ist der Gesamtausstoß an CO2, den sich Deutschland noch leisten kann, wenn es die Erderwärmung unter 1,5 Grad halten möchte. Wenn wir also die Vereinbarung des Pariser Klimaabkommens einhalten wollen. Im Augenblick aber denken wir nicht an drastische Kürzungen unseres CO2-Ausstoßes. Statt uns unserem Ziel zu nähern, entfernen wir uns von ihm. Die zweite Zahl ist 8,5. Wenn wir so weitermachen wie bisher, haben wir die sieben Gigatonnen in achteinhalb Jahren aufgebraucht. Das ist keine Zahl, auf der man sich ausruhen kann, sie muss uns heute zum Handeln anregen. Die dritte Zahl ist 80. Wir müssen, wenn wir die Klimakatastrophe nicht beschleunigen wollen, achtzig Prozent der fossilen Brennstoffe – Kohle, Gas, Öl –, von denen wir Kenntnis haben, in der Erde lassen. Um diese Ressourcen aber wird heute verhandelt, um sie werden Kriege geführt. Aber wir müssen sie in der Erde lassen, wenn wir weiterleben wollen.  

Darum empfinden Sie, was in Australien geschieht, als ein Verbrechen.

Wenn auch nur die Kohle des australischen Bergwerks Carmichael – das ist das Bauprojekt der Adani-Gruppe, bei dem Siemens mitmischt – verfeuert würde, wären wir bei mehr als 1,5 Grad globalem Wärmeanstieg.  

Wäre da Manhattan schon unter Wasser?

Sie wollen wissen, was die Zukunft bringt? Sehen Sie sich Australien im vergangenen Sommer an. So sieht es aus, wenn die Temperatur um zwei Grad steigt. Wir sahen im Fernsehen die Brände. Wir sahen nicht, was mit dem Great Barrier Reef und seinem Ökosystem passierte. Die Situation dort wirkt sich aus auf die Fischbestände überall in der Welt. Manhattan unter Wasser ist ein einprägsames Bild. Aber bevor das passiert, werden Menschen in Orkanen ihre Häuser verloren haben, Industrien werden sich aus betroffenen Landstrichen zurückziehen. Es werden Jobs verloren gehen. Die Lage ist viel komplexer als ansteigendes Wasser. Es geht um die Kinder, die etwa in Afrika nicht mehr in die Schule gehen. Nicht weil es keine Schulen mehr gibt, sondern weil die Wege der Mütter zum Wasser immer weiter werden und die Kinder, vor allem Mädchen, tragen helfen müssen. Krankheiten verbreiten sich, auch tropische in Europa beispielsweise. Auf diese Welt bewegen wir uns zu. Nein, wir arbeiten auf sie hin. Bewusste und informierte Entscheidungen unserer Regierung bringen uns dieser Welt näher. Das Schrecklichste, was vergangenes Jahr in Australien passierte, ist: Wir mussten lernen, dass die Menschen nicht aufwachen, wenn sie mit den Folgen ihrer Taten konfrontiert werden.  

Was tun?

Kollektiv aktiv werden. Die Klimakrise ist keine individuelle Krise. Es ist logisch, danach zu fragen, was man im Privaten tun kann. Sicher ist es besser, mit dem Fahrrad als mit dem Auto zur Arbeit zu fahren. Auch gegen weniger Fleischkonsum ist nichts zu sagen. Aber angesichts dessen, worum es geht, müssen wir begreifen: Entscheidend ist, dass gemeinsam Druck aufgebaut wird, um die Strukturen, die Systeme zu verändern. Wir brauchen Alternativen, Ziele. Zu wissen, was man nicht will, reicht nicht. Wir müssen wissen, was wir wollen. Wir brauchen Gegenentwürfe, Verheißungsvolles. Wir dürfen uns nicht überwältigen lassen von den bisherigen Folgen unseres Handelns. Wir müssen nicht nur begreifen, dass wir es ändern können, wir müssen das auch spüren. Das Steuerrad, mit dem wir auf die Katastrophe zurasen, haben wir ja selbst gebaut. Wir können es herumreißen. Und wir werden es tun. Kurz: Es ist möglich, das Leben der Menschen zu gestalten statt des Lebens der Automobilindustrie.  

Der Weg in die Katastrophen scheint uns – auch bei den besten Absichten – leichter zu fallen.

Das muss nicht so bleiben. Das darf nicht so bleiben. Wir sind eine unfassbar intelligente, wir sind eine lernende Spezies. Wir müssen nicht ständig dieselben Fehler machen. Wir haben alles, was wir brauchen, um den richtigen Weg zu gehen. Wir haben eine lebendige, im Wesentlichen funktionierende Demokratie …  

Oh, sagen Sie bitte etwas zu Thüringen.

Darauf wollte ich gerade hin: CDU und AfD wählten gemeinsam den FDP-Kandidaten zum Ministerpräsidenten. Das war eine Katastrophe für die Demokratie. Aber die Empörung dagegen, die ja auch quer durch die Parteien geht, stimmt mich zuversichtlich, macht mir Hoffnung. Der Rücktritt dieses Ministerpräsidenten war ein gutes Zeichen.  

Noch einmal zurück zu uns Mitgliedern der Spezies Homo sapiens. Wir schaffen es, sagen Sie?

Ja.  

Aber die Menschheit muss jetzt etwas tun, das sie noch nie getan hat: Sie muss als Menschheit handeln.

Natürlich ist es eine beispiellose, noch nie dagewesene Situation. Es ist möglich, dass wir viel von dem, das wir tun müssen, verschlafen. Wir rasen offenen Auges in diese Krise und schaffen es nicht, das Steuer umzureißen? Auch das ist möglich. Aber wir wissen, dass es in der Geschichte der Menschheit immer wieder Augenblicke gab, in denen ganz Hervorragendes geleistet wurde. Was auch dazugehört: Das Pariser Klimaabkommen, ein diplomatisches Meisterwerk, kam zustande.  

Der zynische Gedanke, dass man es unterschrieb, weil man nicht vorhatte, sich daran zu halten, liegt Ihnen fern?

Ich habe an vielen Orten auf der Welt genug Menschen kennengelernt, auch unter Politikern, die sehr engagiert für eine bessere Welt kämpfen.  

Woher nehmen Sie die Kraft, das Steuer herumzureißen? Ist es der vor uns liegende Abgrund?

Vor uns liegt der Abgrund. Das stimmt. Aber er treibt mich weniger an als die Aussicht auf ein ganz, ganz anderes Leben, in dem wir Zukünfte entwerfen und dann mal loslegen.