Vorsichtsmaßnahmen im ganzen Land: Polizisten und Passanten mit Mundschutz in Peking.
Foto:  Mark Schiefelbein/AP/dpa

BerlinWas da kurz vor dem Jahreswechsel bei Twitter zu lesen war, erinnerte die Virusexperten an der Charité an einen alten Bekannten. In Wuhan, einer Elf-Millionen-Metropole in Zentralchina, war offenbar eine neuartige Viruserkrankung ausgebrochen. Noch gab es weder offizielle Bestätigung noch detaillierte Informationen über die Art des Virus. Nur Gerüchte in sozialen Medien. Aber das Team um Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie, ahnte: Das könnte ein Sars-ähnliches Virus sein. Und für Sars-ähnliche Viren sind er und sein Team Experten.

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Sars gilt als erste Infektionskrankheit mit weltweiter Ausbreitung (Pandemie) im noch jungen Jahrhundert. In den Jahren 2002/2003 erkrankten – ebenfalls zuerst in China – rund 8000 Menschen, 800 starben an dem Schweren Akuten Atemwegssyndrom (Severe Acute Respiratory Syndrome, kurz Sars). Christian Drosten, damals noch junger Wissenschaftler am Hamburger Tropeninstitut, gelang es als erstem, einen zuverlässigen Test auf das neue Virus zu entwickeln. „Seit damals arbeite ich an den Coronaviren, zu denen Sars gehört“, sagt Drosten, der 2017 an die Charité wechselte.

Coronaviren in einer kolorierten Mikroskopaufnahme. Zu der Virusfamilie gehören die Sars-Viren, die 2002/2003 eine weltweite Erkrankungswelle verursachten.
Foto: Fred Murphy & Sylvia Whitfield/CDC

„Können wir da was machen?“, fragten sich kurz vor Silvester die Berliner Virologen. Die Antwort lautete spätestens in dem Moment „Ja“, in dem von Virologen aus Wuhan selbst der Verdacht geäußert wurde, es handele sich um ein Sars-ähnliches Virus. „Wir kennen die Kollegen“, berichtet Drosten. „Wir wussten, dass sie Sars erkennen können.“ Die Berliner entschieden, sich selbst auf die Suche nach einem geeigneten Virus-Nachweis zu machen. Während Drosten 2003 noch eine Speichelprobe eines Sars-Kranken benötigte, arbeitete das Charité-Team diesmal nur mit Daten über die Sars-Virusgruppe.

Datenanalyse statt Pipette

Seit 2003 sind Sars und eine ganze Reihe verwandter Viren sequenziert worden. Das heißt: Das Erbmaterial des Erregers ist entschlüsselt. In den Erbsubstanzen DNA und RNA werden alle Informationen über Aufbau und Entwicklung eines Lebewesens oder eines Virus durch eine jeweils typische Abfolge bestimmter Molekülgruppen kodiert. Wer diese Sequenzen kennt, kann typische, unverwechselbare Muster in der Erbsubstanz finden. Die Berliner fingen an, auf dieser Datenbasis ein Test-Kit zu entwickeln, das alle Sars-verwandten Viren sicher identifizieren kann. Niemand musste dazu im Schutzanzug vor einer Sterilbank sitzen und Virusproben pipettieren – die Arbeit fand im Wesentlichen am Computer statt.

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Inzwischen hatten die Chinesen die Sequenz des neuen Wuhan-Virus veröffentlicht. Und nach einem Wochenende intensiver Arbeit lag schließlich ein zuverlässiger Test vor. Die Berliner Arbeitsgruppe hatte eine typische Sequenz gefunden, die nur in Sars-Viren einschließlich „Wuhan“ zu finden ist. Die Forscher testeten ihre Kits an Proben praktisch aller bekannten Viren, die für Atemwegserkrankungen sorgen und in den Kühlkammern der Charité schlummern. Mit Erfolg.

Wuhan-Virus: Übertragung von Mensch zu Mensch

Eine Berliner Bio-Technologie-Firma stellt nun mit modernen gentechnischen Verfahren die Test-Kits her. An ein Stückchen RNA mit der typischen Virus-Sequenz wird ein Fluoreszensfarbstoff gekoppelt. Der Test lässt sich mit den geeigneten Laborgeräten in Kliniken überall auf der Welt einsetzen. Kommt er mit dem Wuhan-Virus in Berührung, fängt die Probe nach rund einer Stunde gewissermaßen an zu leuchten.

Drosten hat veröffentlicht, wie der Test entwickelt und überprüft wurde. Auf der Internetseite der Weltgesundheitsorganisation WHO lässt sich das nachlesen. Aus dem Charité-Institut werden nun Test-Kits in alle Welt verschickt.

Aber was nützt so ein Test? Das Wuhan-Virus breitet sich weiter aus. Am Montag wurde aus China von einem sprunghaften Anstieg der Krankheitsfälle berichtet. Offiziell rund 220 Menschen sind bisher infiziert, drei gestorben. Es gibt offenbar einzelne Fälle in Thailand, Japan und Südkorea. Die Tests können helfen, Verdachtsfälle zweifelsfrei aufzuklären, sagt Drosten. Wichtig sei vor allem, zu bestimmen, ob eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung des neuen Virus möglich ist. Das scheint tatsächlich der Fall zu sein, wie sich inzwischen herausgestellt hat. Für zwei Fälle in der Provinz Guangdong sei eine Übertragung von Mensch zu Mensch nachgewiesen, sagte der Chef des Expertenteama der chinesischen Gesundheitskommission, Zhong Nanshan, am Montagabend der Nachrichtenagentur Xinhua.

Neues Sars-Virus: Mehr als 220 Infizierte

Das Ausmaß: Die Zahl bestätigter Fälle durch ein neues Sars-Virus ausgelösten Lungenkrankheit in China ist übers Wochenende sprunghaft auf rund 200 gestiegen. Mittlerweile gibt es vier bekannte Todesfälle. 

Der Anfang: Der Großteil der Infektionen konzentriert sich mit 198 bekannten Fällen auf die 11-Millionen-Metropole Wuhan. Zudem gibt es offenbar 14 Patienten in der Südprovinz Guangdong sowie fünf in Peking im Norden und einen in Shanghai. 

Die Ausbreitung: Nach Fällen in Thailand und Japan wurde auch in Südkorea eine Infektion bestätigt. Britische Experten gehen davon aus, dass die Krankheit wesentlich weiter verbreitet ist. Es könne 1 700 Infizierte geben

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat deswegen ihren Notfallausschuss einberufen. Die Experten sollen am Mittwoch darüber beraten, ob eine Gesundheitsnotlage ausgerufen werden soll, wie die WHO am Montag berichtete. Diese unabhängigen Experten empfehlen auch Maßnahmen, die möglicherweise ergriffen werden sollten.

Bei Sars war das vor 17 Jahren der Fall. Bei dem Corona-Virus aus Wuhan ist noch nicht klar: Muss man mit den Tieren, also den ursprünglichen Virus-Wirten, in Berührung kommen, um sich zu infizieren? Oder reicht es, dass auf Bahnhöfen und Flughäfen, in Hörsälen und Kantinen ein Mensch den anderen anniest, um das Virus zu übertragen?

Die Sars-ähnlichen Coronaviren stammen nach Drostens Erkenntnissen aus Hufeisennasen-Fledermäusen, wie sie in Asien verbreitet sind. Bei Sars nahm man an, Menschen hätten sich durch den Verzehr von Schleichkatzen, einer asiatischen Säugetiergruppe, infiziert. Die Schleichkatzen ihrerseits hatten möglicherweise Fledermäuse gefressen. Der Verkauf von Schleichkatzen ist wegen Sars nun in China verboten.

Hunderte neue Viren in Insekten entdeckt 

Aber Drosten ist nicht sicher, ob damit der damalige Übertragungsweg tatsächlich unterbrochen wurde. Im Fall von Sars gab es Drosten zufolge auch Hinweise, dass Marderhunde das Virus trugen. Sie werden in China massenweise in großen Farmen gezüchtet. Ihr Fell findet sich an den Kapuzen vieler Winterjacken. Die wirtschaftliche Bedeutung der Marderhunde ist deswegen für China groß.

Drosten vermutet, dass Insekten die ursprünglichen Wirte vieler Viren sind. Denn viele Säugetiere sind Insektenfresser. Und auch der Mensch könnten diesem Risiko künftig vermehrt ausgesetzt sein. Denn der Forscher ist überzeugt, dass künftig auch Insekteneiweiß für unsere Nahrungsmitteln verwendet wird. „Wir werden anfangen müssen Insekten zu essen, um den Proteinbedarf einer wachsenden Weltbevölkerung zu decken.“ Deshalb hat er in seinem jüngst publizierten Projekt nach Viren in Insekten gefahndet.

Für die im Fachblatt Plos Pathogens veröffentlichte Studie haben die Forscher die Tatsache genutzt, dass man bei der Sequenzierung von Insekten-Genen immer auch Spuren von viralem Erbmaterial findet. In Bonn gibt es eine Datenbank, die die Gene von mehr als 1 200 Insektenarten auflistet. „Wir haben gewissermaßen deren Müll durchsucht“, berichtet Drosten. Es sei wohl die bisher größte Einzelstudie zur Entdeckung neuer Viren. Das Suchprogramm fand typische Virus-Sequenzen – Hunderte bisher unbekannte Viren aus mindestens 20 Gattungen. Mit den Daten kann man nun Proben von Patienten untersuchen, die an einer unbekannten Virusinfektion leiden.

Sars wurde wieder harmlos

Aber nicht alle Viren, die sich im Tierreich tummeln, können auf den Menschen überspringen. Einen Fall wie Sars oder „Wuhan“ gebe es nur etwa alle zehn Jahre, sagt Drosten. Und nicht immer ist ein solcher Wirtswechsel gefährlich. Manche Viren verursachen nur einen Schnupfen oder bleiben ohne Symptome. Andere – wie Sars – führen zu einer Pandemie, verschwinden aber von allein wieder. Das Sars-Virus mutierte und verlor die Fähigkeit zur Infektion menschlicher Zellen wieder. Ob das bei dem Virus aus Wuhan auch so sein wird, steht noch nicht fest. Drosten: „In der überwiegenden Mehrzahl gelingt es einem Virus nicht, sich erfolgreich zu etablieren.“