Hübsch, gesund und frei von Gentechnik: Lupinen.
Foto: Herwart Böhm

BerlinAus Bio-Läden ist sie kaum mehr wegzudenken. Die Lupine findet sich in unzähligen Produkten: in Aufstrichen, als vegane Alternative zu Wurst und Fleisch sogar im Speiseeis und als koffeinfreier Kaffeeersatz. Immer neue Kreationen kommen auf den Markt.

Die meisten kennen die Lupine eher als Zierpflanze aus dem Garten. Die bunten Blütenkerzen sind hübsch anzusehen und der Pflegeaufwand ist gering. Als Lebensmittel ist die heimische Hülsenfrucht der breiten Bevölkerung jedoch kaum bekannt.

Die Gründe dafür sind vielfältig: Der Geschmack kann leicht bitter sein, die Konkurrenz mit der Sojabohne ist hoch und der Anbau nicht ganz so leicht, wie es im ersten Moment scheint. Wie die Sojabohne ist die Süßlupine reich an Eiweiß und kann sowohl in der Lebens- als auch in der Futtermittelindustrie eingesetzt werden.

Senkt den Blutdruck und den Cholesterinwert

„Ich bin ein großer Fan“, sagt Gerhard Jahreis, emeritierter Leiter des Lehrstuhls für Ernährungsphysiologie an der Universität Jena. Der 72-Jährige forscht seit mehreren Jahren zur Lupine. „Alle Dinge an ihr sind positiv“, schwärmt er am Telefon - und weiß gar nicht recht, welche Vorteile er zuerst nennen soll. „Die Lupine hat einen hohen Gehalt an Proteinen und Ballaststoffen und einen geringen Gehalt an Kohlenhydraten und Fett.“ Ihr Mehl enthält wenig Stärke und kein Gluten. Das Lupinenprotein ist reich an Arginin. Die Aminosäure ist an der Produktion von Stickstoffmonoxid beteiligt, das die Blutgefäße erweitert und damit erhöhten Blutdruck senkt.

Mit 40 Prozent auf 100 Gramm weist die Lupine einen der höchsten Ballaststoffgehalte unter den Hülsenfrüchten auf. Diese mindern den Wert an LDL-Cholesterin im Blut. „Das ist das schlechte Cholesterin, dessen Wert nicht zu hoch sein sollte“, sagt Jahreis. Low-Density-Lipoprotein-Cholesterin ist zwar für die Herstellung von Vitamin-D im Körper wichtig, verstopft aber im Übermaß die Blutgefäße.

Die Ballaststoffe der Lupine bestehen zum größten Teil aus löslichen Fasern, die gut von der Mikroflora des Darms abgebaut werden können. Dadurch entstehen kurzkettige Fettsäuren wie die Buttersäure. Ihr wird eine krebshemmende Wirkung zugeschrieben. „Viele Studien zeigen, dass Buttersäure für die Krebsprävention eine wichtige Rolle spielt“, so Jahreis.

Grafik: BLZ/Sabine Hecher; Quelle: vegane-fitnessernährung.de

Wenig Kohlenhydrate, viele Mineralien

Die beschriebenen kurzkettigen Fettsäuren haben einen weiteren Effekt: Sie wirken sich positiv auf das Sättigungszentrum im Gehirn aus. Die Lupine macht also lange satt. „In Zusammenhang mit ihrem geringen Gehalt an Kohlenhydraten - er liegt zwischen drei und fünf Prozent - macht das die Lupine perfekt für eine Low-Carb-Ernährung“, sagt Jahreis. Hinzu käme, dass die Süßlupine reich an Mineralien sei, viel Magnesium, Calcium, Eisen und Zink enthalte. „Mehr Positives kann man fast nicht mehr erwarten.“

Lange Zeit war die Lupine jedoch vom Speiseplan verbannt. Das lag an ihrem bitteren Geschmack. In ihrer ursprünglichen Form sind die Samen eher nicht zum Verzehr geeignet. Wildwachsende Lupinen weisen einen hohen Anteil an Alkaloiden auf. Die giftigen Bitterstoffe schützen die Pflanze vor Fressfeinden. In hohen Maßen können sich Alkaloide negativ auf Nerven und die Verdauung auswirken und zu Atemlähmung führen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung warnt daher davor, Samen wilder Lupinen zu essen.

Erst Anfang des 20. Jahrhunderts gelang es, Lupinen ohne die giftigen Stoffe zu züchten. Der bittere Geschmack blieb jedoch. In Zeiten des Mangels wurde die Pflanze in Deutschland als notdürftiger Ersatz für Getreide und Kaffee genutzt, was ihrem Image nicht zuträglich war. Durch neue Züchtungen und verbesserte Verarbeitungsverfahren konnten die Bitterstoffe reduziert werden.

Mit dem Trend, sich vegetarisch zu ernähren, wurde die Süßlupine zunehmend für die Produktion von Wurst- und Fleischersatz interessant. Diese Lebensmittel enthalten im Gegensatz zu echtem Fleisch wenig Purin. Purine erhöhen über den Stoffwechsel den Anteil an Harnsäure im Blut. Zu viel Harnsäure ist die Ursache für Gicht. Wenn der Körper den Überschuss nicht gut abbauen kann, bilden sich Kristalle, die sich in den Gelenken ablagern und Schwellungen und starke Schmerzen verursachen.

Allergene Wirkung umstritten

Oft ist über die Lupine zu lesen, dass sie Allergien fördern könne. Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung weist darauf hin, dass Menschen, die auf Nüsse reagieren, den Verzehr von Lupinen besser vermeiden sollten. Es könne zu Kreuzallergien kommen, da das Lupinenprotein dem in Erdnüssen ähnelt. Gerhard Jahreis jedoch relativiert. Er hat in klinischen Studien nachgewiesen: „Die Lupine weist keine spezifische allergene Wirkung auf. Sie unterscheidet sich da in nichts von der Sojabohne oder anderen pflanzlichen Lebensmitteln.“

Aufgrund ihrer Inhaltsstoffe wird die Lupine oft mit der Sojabohne verglichen und gar als „Sojabohne des Nordens“ bezeichnet. Gegenüber dieser hat die Süßlupine jedoch entscheidende Vorteile: Sie kommt ohne Gentechnik und mit wenig bis gar keinem Dünger aus. Da sie gut auf sandigem Boden wächst, wird sie hauptsächlich in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt angebaut. Ihre Wurzeln lockern die Erde und sammeln Stickstoff. Davon profitieren nachfolgende Kulturen.

Grafik: BLZ/Sabine Hecher; Quelle: Statistisches Bundesamt

Auch die Sojabohne kann aufgrund klimatischer Veränderungen seit einigen Jahren in Deutschland angebaut werden, sogar recht ertragreich. Sie wird hierzulande jedoch hauptsächlich für Futtermittel eingesetzt. Lebensmittel werden aus der heimischen Bohne bisher kaum hergestellt.

Zusammengefasst: Die Süßlupine ist gesund, kommt aus der Region, kann vielseitig verwendet werden und ihr Anbau ist nachhaltig. Wieso ist sie dann noch immer nicht fest als Nahrungsmittel etabliert? Gerade Nachhaltigkeit spielt laut Ernährungsreport des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft vom Mai 2020 eine immer größere Rolle: „83 Prozent der Befragten ist es wichtig, dass ein Lebensmittel aus der Region kommt“, heißt es im Bericht. Immer mehr Menschen würden Wert auf kurze Transportwege legen und ihre Landwirte unterstützen wollen.

„Sojaprodukte sind deutlich bekannter. Die Lupine muss sich da erst noch behaupten. Gerade bei den Verbrauchern“, sagt Herwart Böhm. Der 62-jährige Wissenschaftler arbeitet am Thünen-Institut für Ökologischen Landbau und ist Vorsitzender des Lupinen-Vereins, einem Verband, der sich seit mehr als 20 Jahren für die heimische Hülsenfrucht einsetzt.

Hinzu kommt, dass der Anbau der Süßlupine nicht so einfach ist, wie es im ersten Moment scheint. Man müsse laut Böhm zwischen der Blauen und Weißen Süßlupine unterscheiden: Die Blaue Süßlupine kann zwar auf leichteren Böden angebaut werden, hat aber trotz intensiver Züchtung noch einen leicht bitteren Geschmack. Um den loszuwerden, ist ein aufwendiges technisches Verfahren notwendig. Bisher darf das aufgrund der Patentregelung nur ein Hersteller anwenden: Prolupin aus Grimmen in Mecklenburg-Vorpommern. Der aufwendige Prozess macht Lebensmittel aus Süßlupinen teurer als vergleichbare Produkte aus Soja.

Wenig ertragreiche Ernte

Die Weiße Süßlupine hat zwar oftmals weniger Bitterstoffe und kann daher leichter und damit kostengünstiger verarbeitet werden. Aber die Pflanze ist bislang anfälliger für Pilzkrankheiten. „Erst seit dem vergangenem Jahr gibt es neue Sorten der Weißen Lupine, die toleranter sein sollen“, sagt Böhm. Dazu gibt es derzeit Studien, und es werden erste Erfahrungen im Anbau gesammelt.

Für viele Landwirte sei der Anbau der Süßlupine noch etwas Neues, teilt die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung auf Anfrage mit. Es fehle noch an Erfahrungen in der eigenen Region und bei Verwertungsmöglichkeiten. Daher werde die Lupine bislang eher auf schwächeren, weniger ertragreichen Standorten angebaut. Das wiederum spüren Landwirte in ihrer Kasse: wenig Ertrag bedeutet wenig Verdienst. Spezielle Fördermittel für den Anbau könnten dies ändern. Zwar gibt es die schon, aber diese Töpfe seien schnell aufgebraucht, sagt Böhm.

„Wir scheitern mit der Lupine nicht an den Produkten, sondern an den Erträgen und an den Verdienstmöglichkeiten“, beantwortet Gerhard Jahreis die Frage, wieso die Lupine sich noch nicht durchgesetzt habe. Wer regionale Produkte wünsche, der müsse auch bereit sein, dafür Geld auszugeben. Ansonsten könne die Pflanze noch so toll sein.