Malaraia-Medikamente.
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BerlinVor einigen Wochen war die Hoffnung aufgekommen, dass Malaria-Medikamente helfen könnten, schwere oder gar tödliche Verläufe bei der Krankheit Covid-19 zu verhindern. Chinesische Ärzte hatten diese bei Patienten eingesetzt. Konkret handelt es sich um Chloroquin und Hydroxychloroquin, Arzneistoffe, die zur Prophylaxe und Behandlung von Malaria angewandt werden. US-Präsident Donald Trump hat das Malariamittel sogar bereits als Wundermittel gegen Covid-19 angepriesen. Doch manche Forscher bezweifelten bereits vor Wochen nicht nur die Wirkung des Mittels, sondern warnten auch. „Die effektive und toxische Dosis liegen relativ nah beieinander“, schrieb zum Beispiel der französische Apothekerverband. Diese Aussage scheint nun eine Studie aus den USA zu erhärten.

Die Anwendung des Malariamittels Hydroxychloroquin erhöhe sogar das Risiko, an Covid-19 zu sterben, lautet die Schlussfolgerung einer Forschergruppe aus Universitäten in Virginia und South Carolina. Diese hat ihre vorläufigen Ergebnisse auf die Internetseite medrxiv gestellt, die bisher unveröffentlichte Manuskripte aus den Gesundheitswissenschaften verbreitet. Die Ergebnisse wurden noch nicht von unabhängigen wissenschaftlichen Gutachtern geprüft.

Die Forscher werteten Daten von 368 männlichen Covid-Patienten aus, die bis zum 11. April in den medizinischen Zentren für US-Veteranen behandelt worden waren. 97 Patienten erhielten allein Hydroxychloroquin, 113 zusätzlich noch das Antibiotikum Azithromycin. 158 Patienten bekamen weder das eine noch das andere. Im Ergebnis teilen die Forscher mit, dass weder das Malaria-Medikament allein, noch die Kombination mit dem Antibiotikum die Wahrscheinlichkeit für die Patienten verringert hätten, an ein Beatmungsgerät angeschlossen werden zu müssen. Bei Patienten, die nur das Malaria-Medikament erhielten, habe sich sogar eine deutlich höhere Sterberate  ergeben. Hier starben den Forschern zufolge 27 Patienten. In der Gruppe mit kombinierter Behandlung waren es 25 Patienten, in der nicht mit diesen Medikamenten behandelten Gruppe waren es 18 Patienten.

Ihre Analyse habe keine Hinweise erbracht, dass die Verwendung des Malariamittels – mit und ohne Antibiotikum – das Risiko einer Beatmungstherapie bei Covid-19 verringere, berichten die Forscher. Sie schränkten allerdings ein, dass in diese Studiengruppe vor allem Patienten mit einem schwererem Krankheitsverlauf eingeschlossen wurden und Hydroxychloroquin bekommen hätten.

Die Aussagekraft der vorgelegten Ergebnisse sei nicht so groß, weil es eine retrospektive Beobachtungsstudie sei, sagt die Immunologin Christine Falk, Professorin am Institut für Transplantationsimmunologie der Medizinischen Hochschule Hannover, um eine Einschätzung gebeten. „Man hat die Patienten retrospektiv, also ,im Nachhinein‘ in dieser Studie zusammengefasst und dann,  soweit vorhanden, die klinischen Parameter zusammengestellt.“ Aus diesem Grund seien die bisherigen Kommentare auch verhalten.

In der Retrospektive könne eine „Verschiebung der Perspektive und damit der Ergebnisse entstehen“, sagt Christine Falk. Zum Beispiel sei die Rate an Verstorbenen in der Kohorte sehr hoch – weil „im Nachhinein“ schwer kranke Patienten betrachtet wurden, von denen viele leider verstorben seien. Und es sei bekannt, dass Hydroxychloroqu­­in, wenn es zu spät gegeben werde, nicht wirke. „Insofern sind die Daten mit Vorsicht zu genießen“, sagt die Professorin. „Das Gesamtbild für Hydroxychloroqu­­in erscheint in dieser Phase eher so, dass es keine durchschlagende Wirkung hat und in bestimmten Konstellationen, etwa bei spätem Einsatz und schwer Kranken mit Komorbiditäten, nicht hilft.“ Ob es unter Umständen sogar schaden könnte, bleibe weiterhin unklar, auch nach dieser Studie.

Die US-Forscher verweisen in ihrer Veröffentlichung selbst darauf, dass ihre Daten nur eingeschränkte Aussagekraft haben. Sie betonen aber, dass es wichtig sei, die Ergebnisse belastbarer Studien abzuwarten, bevor man diese Medikamente in großem Umfang einsetze. Solche Studien liefen gerade. Die US-Arzneimittelbehörde aber habe die Anwendung von Hydroxychloroquin als Notfallmedikament „trotz begrenzter und widersprüchlicher Daten“ genehmigt. Und die erwähnte kombinierte Behandlung mit Azithromycin war von US-Präsident Trump Ende März als „einer der größten Durchbrüche der Geschichte der Medizin“ angepriesen worden.