Mittags herrlich warm, abends wieder bitterkalt. In dieser Übergangszeit leiden viele Berliner unter Halsschmerzen. Der Gaumen kratzt, das Fieber steigt, jeder Schluck tut weh. Da stellt sich die Frage: Ist das nur eine harmlose Rachenentzündung oder sollten jetzt die Mandeln raus?

„In 95 Prozent der Fälle ist die Entzündung harmlos“, sagt HNO-Arzt Florian Wendl aus München. „Sie wird meist durch Erkältungsviren ausgelöst ist und lässt sich mit Medikamenten gut behandeln.“ Der Fachmann erklärt, was Sie darüber wissen müssen.

Ich bin oft erkältet und habe immer wieder Halsschmerzen. Könnte eine Mandeloperation das Problem lösen?

Das hängt davon ab, ob die Gaumenmandeln tatsächlich entzündet sind oder nur der Rachen, und wie oft das vorkommt. Viele Patienten verwechseln echte Mandel- mit harmlosen Rachenentzündungen. Das muss man sehr genau unterscheiden. In nahezu 95 Prozent aller Fälle handelt es sich bei Halsschmerzen um eine Rachenentzündung. Diese kann man gut mit Hausmitteln und Medikamenten behandeln.

Woran erkennt man, ob nur der Rachen oder auch die Mandeln entzündet sind?

Eine Rachenentzündung tritt oft im Rahmen einer Erkältung auf. Es kratzt im Hals, der Rachen fühlt sich rau und trocken an, die Schleimhaut ist gerötet, das Schlucken tut weh. Häufig kommen noch Schnupfen, Husten und Fieber dazu. Bei einer Mandelentzündung kommt es dagegen zu starken Grippesymptomen. Der Hals tut brutal weh, das Fieber steigt auf über 39 Grad, die Betroffenen fühlen sich krank und abgeschlagen, die Mandeln sind hochrot und geschwollen. Auch die Lymphknoten am Hals können anschwellen. Beim Blick in den Spiegel erkennt man kleine gelbliche Ablagerungen auf den Mandeln. Das sind Zellabfälle, die die Mandeln ausscheiden. Oft führen sie dazu, dass die Kinder unangenehm aus dem Mund riechen.

Und dann sollte operiert werden?

Nein. Wenn diese Symptome nur gelegentlich auftreten, handelt es sich meist um akute Mandelentzündungen. Eine Operation kommt erst in Frage, wenn die Mandeln chronisch entzündet sind.

Wie oft muss eine Mandelentzündung auftreten, damit sie als chronisch gilt?

Von chronisch sprechen wir, wenn sie in einem Jahr mehr als siebenmal, in zwei aufeinanderfolgenden Jahren jeweils mehr als fünfmal oder in drei Jahren jeweils mehr als dreimal auftritt.

Gelten diese Regeln auch für kleine Kinder?

Die körpereigene Abwehr braucht erst ein paar Jahre, um sich richtig auszubilden. Das ist die Zeit, in der kleine Kinder die Mandeln dringend brauchen. Alle Fremdkörper, die das Kind in den Mund nimmt, kommen an den Mandeln vorbei, die sie als Feind erkennen und die Abwehr aktivieren. Das Immunsystem befindet sich in seiner Lernphase. Deshalb erkranken Kleinkinder häufiger an Mandelentzündungen als größere Kinder. Weil die Mandeln aber gerade in dieser Zeit besonders wichtig sind, sollte man Kinder möglichst erst ab einem Alter von etwa fünf Jahren operieren. Der ideale OP-Termin für kleine Kinder wäre mit etwa sechs Jahren kurz vor der Einschulung. In besonders schweren Fällen vielleicht schon mit vier Jahren.

Sind Mandelentzündungen ansteckend?

Ja. Deshalb sollten die Patienten zu Hause bleiben. Akute Entzündungen werden meist von Viren, chronische Entzündungen durch Bakterien hervorgerufen.

Welche Therapie hilft gegen Entzündungen durch Viren?

Körperliche Anstrengungen sollte man vermeiden. Am besten wäre Bettruhe. Gegen Halsschmerzen helfen Halswickel sowie antientzündliche und abschwellende Mittel. Auch Rachensprays und Gurgeln mit Salbeitee oder desinfizierenden Lösungen haben sich bewährt. Kopfschmerzen und Fieber lassen sich gut mit schmerzstillenden und fiebersenkenden Präparaten.

Wie erfolgt die Behandlung bei einer bakteriellen Entzündung?

Dann verschreibt der Arzt in der Regel Antibiotika. Meist sind gefährliche Streptokokken die Auslöser, die gezielt bekämpft werden müssen, damit sie nicht auf andere Organe übergreifen.

Und wenn Antibiotika nicht wirken?

Dann wird der Arzt auf ein anderes Antibiotikum ausweichen. Sollte bei einer starken Mandelentzündung auch das nicht helfen, wäre das einer der Gründe, zu operieren. Normalerweise operiert man aber erst, wenn die Mandeln chronisch, also besonders oft entzündet sind.

Die Zahl der Mandeloperationen geht immer weiter zurück. Haben Ärzte früher zu oft zum Skalpell gegriffen?

Früher dachte man, entzündete Mandeln seien ein gefährlicher Infektionsherd. Deshalb hat man mit der Operation nicht lange gezögert. Heute wägen wir sehr viel genauer ab als früher ab, ob die Mandeln wirklich raus müssen. Trotzdem ist der Eingriff immer noch eine der häufigsten Operationen im HNO-Bereich.

Welche Risiken hat der Eingriff?

Bei bis zu sechs Prozent der Patienten kann es zu Nachblutungen kommen. Um das zu vermeiden und sofort reagieren zu können, erfolgen Mandelentfernungen heute grundsätzlich stationär.

Wie lang ist der Klinikaufenthalt?

Etwa eine Woche. Denn Nachblutungen treten bevorzugt innerhalb von 24 Stunden nach der OP und dann noch mal um den fünften Tag herum auf.