Frühestens ab dem neunten Monat werden Babys gegen Masern geimpft.
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BerlinVergangene Woche wurde vom Bundestag eine Impfpflicht gegen Masern beschlossen, sie gilt in Kitas, Schulen und Flüchtlingsunterkünften ab März nächsten Jahres. Masern sind eine ansteckende, sehr gefährliche Krankheit, die schwere Gehirnentzündungen zur Folge haben kann. Ich bin froh, dass sich der Gesundheitsminister Jens Spahn  (CDU) des Themas angenommen hat. Das Gesetz wirkt trotzdem halbherzig durchdacht – und geht mir gleichzeitig nicht weit genug. Soweit ich es verstanden habe, sollen zum Beispiel Kita-Leiterinnen für die Umsetzung zuständig sein. Wie soll das gehen?

Kinder, die bei Vertragsabschluss keine Impfung vorweisen können, sollen keinen Platz bekommen. Wegen des Kita-Platzmangels kümmern sich aber viele Eltern schon kurz nach der Geburt um einen Platz oder noch früher. Die meisten Verträge werden abgeschlossen, wenn die Babys noch klein sind. Gegen Masern wird aber erst geimpft, wenn das Kind etwa ein Jahr alt ist. Eine zweite Impfung ist noch mal ein Jahr später fällig. Wer prüft nach Eintritt in die Kita, ob diese Impfungen eingehalten werden? Der Rechtsanspruch gilt ab dem ersten Lebensjahr. Muss die Kita-Leitung den Eltern hinterherrennen und Nachweise verlangen? Wenn die Leiterinnen ihrer Kontrollpflicht nicht nachkommen, müssen sie 2 500 Euro Strafe zahlen?

Im Wartezimmer beim Kinderarzt

Ein Problem ist, dass vielen Kleinkindern die zweite Impfung fehlt, die zur Immunisierung notwendig ist. Laut den Daten der Einschulungsuntersuchungen 2017 in Berlin hatten nur rund 69 Prozent zeitgerecht die zweite Maserndosis bekommen.

Dieses Problem hat weniger etwas mit Impfskepsis zu tun als mit kranken Kleinkindern und überfüllten Kinderarzt-Wartezimmern. Ein Kind darf nur geimpft werden, wenn es gesund ist. Und dann muss man sich um einen Termin kümmern. Anrufen, besetzt, wieder anrufen, besetzt. Und wenn der halbe Vormittag vorbei ist, hat man einen Termin. Ich erinnere mich, dass ich im Sommer einmal nach Feierabend zwei Stunden im Kinderarzt-Wartezimmer voller kranker Kinder mit meinen beiden gesunden Kinder zubrachte, um auf eine Impfung zu warten.  Vor lauter Nervosität, dass sie sich dort im Wartezimmer ein Virus holen können, wischte ich dauernd mit Feuchttüchern an ihnen herum.  

Jedem zweiten Kleinkind fehlen Impfungen

Warum lässt man Kinder nicht gleich direkt vom Amtsarzt in der Kita oder in der Schule impfen? Und wer prüft, ob der Impfstatus von Hebammen und Erzieherinnen up to date ist? Die Gesundheitsämter ächzen doch schon jetzt unter der Belastung. Es bräuchte viel mehr öffentliche Impfberatungsstellen. Und dort sollte auch Türkisch, Russisch und Arabisch gesprochen werden.

Man kann auch fragen, warum es nur eine Impfpflicht für Masern geben soll? Ist es nicht genauso schlimm, wenn Kinder an Diphtherie, Keuchhusten oder Tetanus erkranken? Laut einer im Oktober veröffentlichten Umfrage der Techniker Krankenkasse hat jedes zweite Kleinkind Impflücken. Und 3,6 Prozent der Kinder haben gar keinen Impfschutz. Warum dreht man nicht die Regelung um und sagt: Es gibt eine generelle Impfpflicht – und wer das nicht will, der braucht eine Ausnahmegenehmigung? Herr Spahn, übernehmen Sie!


Sabine Rennefanz liest aus neuen Kolumnen am 22. Januar um 20 Uhr im Pfefferberg Theater.  Kartentelefon 030/93 93 58 555. http://literatur-live-berlin.de/