Die Impfquote im Kongo ist sehr gering und fördert die Ausbreitung.
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JohannesburgWie die Masern, die bis vor wenigen Jahren als aussterbende Krankheit galten, eine Renaissance erleben, zeigt auch ein Beispiel auf dem afrikanischen Kontinent: In der Demokratischen Republik Kongo tobt derzeit eine Masern-Epidemie, wie sie die Welt schon lange nicht mehr erlebt hat. Innerhalb eines Jahres infizierten sich mehr als eine Viertelmillion Menschen mit dem Virus, mehr als 5000 Infizierte starben. 90 Prozent der Opfer waren Kinder unter fünf Jahren.

Mittlerweile hat sich die Masernepidemie auf sämtliche 26 Provinzen des Kongo ausgeweitet – einschließlich der Ituri- und Nordkivu-Provinz, wo bereits seit eineinhalb Jahren die zweitschlimmste Ebola-Epidemie der Geschichte grassiert. Während die hämorrhagische Fiebererkrankung von der ganzen Welt nervös begleitet wird, breitet sich das Masernvirus weitgehend unbemerkt aus. Obwohl inzwischen mehr als doppelt so viele Menschen an Masern wie an Ebola starben.

Masern-Virus ansteckender als Ebola

Das Masern-Virus ist wesentlich ansteckender: Es wird auch über die Luft, durch ausgehustete Speicheltröpfchen, übertragen. Auch gibt es gegen Masern noch immer kein Heilmittel. Wer sich das Virus eingefangen hat, kann nur hoffen, dass sein Körper damit fertig wird. Das funktioniert bei gut ernährten Kindern in der Regel ganz gut – nur in seltenen Fällen kommt es zu Komplikationen, die Erblindung, Gehirn- oder Lungenentzündung auslösen können. Doch wer das Pech hat, im Kongo geboren worden zu sein, kann sich auf seine körpereigenen Abwehrkräfte nicht verlassen.

Im Bürgerkriegsland ist jedes zehnte Kind unterernährt und verfügt über zu wenig Vitamin A, das für den Kampf gegen das Virus entscheidend ist. In dem Land von der Größe Westeuropas haben außerdem 4,5 Millionen Menschen ihr Zuhause verloren. Sie leben oft in Flüchtlingslagern, in denen sich Infektionskrankheiten schnell ausbreiten.

Der größte Feind des Masern-Virus ist ein seit 1963 massenhaft produzierter Impfstoff. Er ist höchst wirksam, sicher und relativ preiswert. In einem Land, in dem 95 Prozent der Bevölkerung geimpft sind, kann es zu keinen Epidemien mehr kommen.

Hohes Masernrisiko in vielen Ländern

Im Kongo wird diese Quote bei weitem verfehlt, wofür erneut das marode Gesundheitssystem, die bewaffneten Konflikte vor allem im Osten des Landes sowie die Unzugänglichkeit des vom Urwald bedeckten Riesenreichs verantwortlich sind. Dass bei Masern zwei Impfungen nötig sind, macht die Herausforderung noch größer.

"Unsere Teams brauchen manchmal bis zu vier Tage, um ein abgelegenes Dorf zu erreichen“, sagt Xavier Crespin, Gesundheitschef des Kinderhilfswerks Unicef im Kongo. „Und wenn sie schließlich ankommen, verweigern manche, sich impfen zu lassen.“ Alles, was von außen oder von der Zentralregierung kommt, wird im Kongo – oft aus guten Gründen – skeptisch betrachtet.

Die Impfskepsis hat sich auch in Industrienationen ausgebreitet. Sogenannte „Anti-Vaxxers“ halten die vorbeugende Injektion mit kleinen Virenmengen für unnötig oder sogar schädlich. Experten sind überzeugt davon, dass diese Auffassung die Masern-Fälle auch in den USA und Europa wieder in die Höhe treibt: Der US-Bundesstaat New York erlebte kürzlich zwei Masernepidemien. Aus der Ukraine, wo nur ein Drittel der sechsjährigen Kinder geimpft sind, wurden fast 60 000 Masern-Fälle gemeldet, Dutzende von Infizierten starben.