Chinesische Frauen tragen Gesichtsschutzmasken in der Innenstadt von Beijing.
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Die neuen Meldungen aus China über das Ansteigen von Corona-Infektionen bereiten dem Berliner Facharzt für Allgemeinmedizin und Rettungsmedizin Christian W. Engelbert Sorge. Engelbert sagte der Berliner Zeitung: „Es gibt keinen Grund zu glauben, dass die chinesischen Behörden die Lage beschönigen, im Gegenteil: Die Tatsache, dass aktuell viele Bezirke in Peking unter Quarantäne gestellt werden, deutet darauf hin, dass die Lage ernst zu nehmen ist. Wir müssen da ganz genau hinsehen. Es wäre sehr problematisch, wenn wir das Geschehen in Peking unterschätzen.“ Grundsätzlich müsse man Zahlen aus China mit Skepsis gegenübertreten. Doch normalerweise spiele die Regierung Ereignisse im Land eher herunter. Die Berichte aus Peking deuteten darauf hin, dass es sich um einen „neuen Brandherd“ handeln könnte.

China hatte in der vergangenen Woche auf dem Großmarkt Xinfadi in Peking einen neuen Ausbruch registriert und drastische Maßnahmen ergriffen. Laut den Staatsmedien erließen über 29 Bezirke in der Stadt strenge Ein- und Ausgangskontrollen. Kontrollen für Reisende, die die Stadt verlassen wollen, wurden verschärft. Bewohner aus den betroffenen Bezirken sollen die Stadt nicht mehr verlassen. Die maximal erlaubte Anzahl von Fahrgästen in Bussen, Zügen und U-Bahnen wurde begrenzt. Es gilt wieder die Maskenpflicht. Schulen wurden angewiesen, Kindern die Teilnahme am Unterricht von zu Hause zu erlauben. Am Dienstag meldete Peking landesweit acht „importierte Fälle“, die bei Reisenden aus dem Ausland erkannt wurden.

Christian W. Engelbert.
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Die massiven Einschränkungen könnten auch Folgen für alle anderen Staaten haben, wenn sich herausstellt, dass auch Ausländer von dem Ausbruch betroffen sind. Für Deutschland und Europa rät Engelbert daher zu erhöhter Wachsamkeit: „Wir sollten uns nicht in falscher Sicherheit wiegen. Auch wenn wir den Lockdown jetzt schrittweise lockern, müssen wir einen Plan für jede neue Situation haben.“ Für Ärzte bedeute dies, dass sie präzise vom Gesundheitsministerium informiert werden müssen: „Wir brauchen mehr direkte Informationen und vielleicht etwas weniger Medienpräsenz der Verantwortlichen. Wir brauchen eine lückenlose Informationsfolge und verlässliche Daten.“

Ob es sich um eine zweite Welle der Pandemie handelt, lässt Engelbert offen: „Es könnte sich auch um eine Mutation von Covid-19 handeln. Dann hätten wir eine andere Lage, auf die wir uns vorbereiten müssen.“ In diesem Fall würden auch ein Medikament oder eine Impfung nicht helfen, auch wenn eines von beiden bald zur Verfügung stünde. Engelbert: „Bei einer Mutation ändert sich die Sequenz der RNA, also der Träger der Erbinformation des Virus, so dass die Wirkung eines Impfstoffs nicht mehr gegeben ist.“ Darüber hinaus sei abzuwarten, welche Folgen die bei Covid-19 geplante Impftechnologie haben wird. Engelbert: „Wir haben es mit einem neuartigen RNA-Impfstoff zu tun. Das bedeutet, dass der Körper nicht mehr mit dem Virus selbst infiziert wird, sondern die Information erhält, was zu tun ist, um das Virus zu bekämpfen. Wir wissen noch nicht, was diese genetische Veränderung für Folgen oder Nebenwirkungen hat.“ Engelbert sagt, die Entwicklung eines Impfstoffes müsse mit der gebotenen Vorsicht erfolgen: „Bei der Impfung gegen Gürtelrose haben wir erst nach einigen Jahren gesehen, welche Nebenwirkung die Impfung hat.“ Die RNA-Technik habe den Vorteil, dass sie schnell und kostengünstig erstellt und daher für eine große Anzahl von Menschen eingesetzt werden könne.

Sollte das Coronavirus tatsächlich erneut auf Europa übergreifen, empfiehlt Engelbert ein nachhaltiges Vorgehen: „Wir sollten die Hygienevorschriften wie häufiges Händewaschen in jedem Fall beibehalten. Auch das richtige Verhalten bei Husten und Niesen sollte selbstverständlich sein.“ Der Allgemeinmediziner wendet sich vor allem gegen jede Form der Panikmache: „Sollte es nötig sein, müssen wir gezielt vorgehen. Einen Lockdown, wie wir ihn hatten, kann man nicht wiederholen, ohne massive soziale Verwerfungen zu riskieren.“ Aus medizinischer Hinsicht sei vor allem zu vermeiden, dass die Menschen in Angst versetzt werden. Dies schade dem Immunsystem, wodurch der Mensch noch anfälliger für das Virus würde. Die Freihaltung von Intensivbetten sollte laut Engelbert, der unter anderem mit seinem Buch „Herzbalance“ bekannt geworden ist, mit Augenmaß geschehen: Viele Operationen müssten durchgeführt werden, Verschiebungen können für Patienten problematisch werden. Auch wenn keine akute Lebensgefahr zum Termin bestehe, könne sich der Zustand der Patienten in der Wartezeit deutlich verschlechtern.

Christian W. Engelbert ist Facharzt für Allgemeinmedizin, Akupunktur, Naturheilverfahren und Physiokey-Therapeut in Berlin. Er hat unter anderem das Buch "Herzbalance: Wie Sie Ihr Herz unterstützen und stärken und Ihr inneres Gleichgewicht finden" geschrieben, erschienen bei Herbig.