Die Leber und das Hepatitis-C-Virus in einer Computer-Illustration. 
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StockholmGanz im Zeichen der Viren, dieser winzigen infektiösen Partikel, die anders als Bakterien nicht einmal als echte Lebewesen gelten, stand die diesjährige Bekanntgabe der Medizin-Nobelpreisträger. Ungewohnt leer war der altehrwürdige Saal des Karolinska-Instituts im schwedischem Stockholm, in dem das Nobelkomitee alljährlich Anfang Oktober die Namen der mit dem begehrten Preis ausgezeichneten Wissenschaftler verkündet.

Gerade einmal drei Mitglieder des Komitees hatten vorne ihre Plätze eingenommen. Im restlichen, normalerweise gut gefüllten Saal waren vielleicht ein Dutzend Journalisten verstreut. Geschuldet war die ungewohnte Situation – natürlich – dem Coronavirus. Das allerdings wurde am Montag von niemandem erwähnt. Denn ein anderes, viel älteres Virus erhielt bei der Pressekonferenz am späten Vormittag die volle Aufmerksamkeit: das Hepatitis-C-Virus, das laut Angaben der WHO jedes Jahr mindestens 400.000 Menschen an den Folgen einer chronischen Leberentzündung, meist Leberzirrhose oder Leberkrebs, sterben lässt.

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: Quelle: Nobelkomitee, Weltgesundheitsorganisation (WHO), dpa

Für die Entdeckung des Hepatitis-C-Virus dürfen zwei US-amerikanische und ein britischer Wissenschaftler in gut zwei Monaten – am 10. Dezember, dem Todestag von Alfred Nobel – in Stockholm den Medizin-Nobelpreis entgegennehmen. Der Preis ist dieses Jahr erstmals mit 10 Millionen schwedischen Kronen (umgerechnet etwa 950.000 Euro) dotiert. Die Arbeit der drei Forscher habe Bluttests und Medikamente ermöglicht, die Millionen von Menschenleben gerettet haben, heißt es in der Begründung des Nobelkomitees zu seiner diesjährigen Wahl.

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Die Preisträger

Harvey J. Alter, 85, studierte Medizin und forschte bei den National Institutes of Health (NIH) der USA. Für seine Arbeit ist Alter, der zum zweiten Mal verheiratet ist und zwei Kinder hat, vielfach ausgezeichnet worden. So erhielt er unter anderem den renommierten Lasker-Preis und den kanadischen Gairdner-Preis. 

Michael Houghton, 71, ist gebürtiger Brite. Der Biochemiker und Virologe übernahm 1982 die Leitung einer auf Hepatitis spezialisierten Abteilung der US-Firma Chiron Corporation im kalifornischen Emeryville. Seine Arbeit dort trug wesentlich zur Bekämpfung von Hepatitis C bei. Heute ist er Professor an der kanadischen Universität von Alberta. 

Charles M. Rice, 68, stammt aus dem kalifornischen Sacramento und leitet das Labor für Virologie und Infektiöse Krankheiten an der Rockefeller University in New York. Er begann zunächst Veterinärmedizin zu studieren, denn er war von Kindheit an ein Hundenarr. Rice spezialisierte sich später auf RNA-Viren.

Manche Wissenschaftler, die schon lange als Nobelpreiskandidaten gehandelt werden, halten sich am Tag der Bekanntgabe angeblich gerne in der Nähe des Telefons auf. Die Hepatitis-C-Entdecker waren nicht in dieser Erwartungshaltung. Denn der Sekretär des Nobelkomitees, Thomas Perlmann, musste es am Montagvormittag mehrfach versuchen, bis er wenigstens zwei der drei Laureaten am Telefon hatte.

Es waren die beiden US-amerikanischen Forscher: der bereits 85-jährige Mediziner Harvey Alter und der 68-jährige Charles Rice. Er habe die beiden ganz offensichtlich aus dem Schlaf geholt, berichtete Perlmann. Beide seien extrem überrascht und nahezu sprachlos gewesen. Der dritte Ausgezeichnete, der in Großbritannien geborene und heute in Kanada forschende 71-jährige Virologe Michael Houghton, erfuhr erst später von seinem Glück.

Überraschend mag die Auszeichnung für die Preisträger selbst vielleicht gewesen sein, unverdient ist sie in den Augen von Experten nicht. „Die Entdeckung des Hepatitis-C-Virus war entscheidend dafür, dass Betroffene mit dieser tückischen Krankheit heute fast immer binnen weniger Wochen medikamentös geheilt werden können“, sagt der Präsident des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller, Han Steutel. Die Arbeit der drei Forscher habe es ermöglicht, die Vermehrung der Viren auf molekularer Ebene aufzuklären – so dass man anschließend Medikamentencocktails habe entwickeln können, die dem Erreger Einhalt gebieten. „Dadurch ist es sogar möglich geworden, dieses Virus nach und nach auszurotten“, sagt Steutel.

Leberzirrhose und Leberkrebs

Eine Hepatitis – die Bezeichnung ist eine Kombination der griechischen Wörter für Leber und Entzündung – entsteht hauptsächlich durch Virusinfektionen. Andere wichtige Ursachen sind Alkoholmissbrauch, Umweltgifte und Autoimmunkrankheiten. Schon in den 1940er-Jahren entdeckte man, dass es zwei Formen von infektiöser Hepatitis gibt. Die erste, Hepatitis A, wird durch verunreinigtes Wasser oder Lebensmittel übertragen und hat meist nur kurzfristige Auswirkungen. Die zweite Art wird durch Blut und Körperflüssigkeiten übertragen und stellt eine viel ernstere Bedrohung dar, da sie chronisch werden und dann zu Leberzirrhose und Leberkrebs führen kann. Hepatitis ist eine der häufigsten Ursachen für Tumore der Leber und Transplantationen des Organs.

Die chronisch verlaufende Form der Hepatitis ist vor allem deshalb so heimtückisch, da sie sich in den ersten Jahren der Erkrankung meist kaum oder gar nicht bemerkbar macht. Deshalb kam es in der Vergangenheit insbesondere durch Bluttransfusionen immer wieder zu zahlreichen Infektionen. Auch heute noch stecken sich laut WHO jährlich mehr als 70 Millionen Menschen mit Hepatitis C an.

Bislang kennen Mediziner fünf Varianten der Erkrankung: Hepatitis A, B, C, D und E. Sie werden jeweils von völlig unterschiedlichen Viren hervorgerufen. Gemeinsam haben sie nur die Eigenschaft, dass sie die Leber infizieren. Gegen Hepatitis A, B und E gibt es mittlerweile Schutzimpfungen.

Bevor die drei frisch gekürten Nobelpreisträger ihre Arbeit aufgenommen hatten, waren nur die Hepatitis-A- und -B-Viren bekannt gewesen. Mit ihnen aber hatte man die Mehrheit der durch Blut übertragenen Hepatitis-Fälle nicht erklären können. Es musste folglich noch ein weiterer Erreger existieren, dessen Wesen und Herkunft bis in die späten 1960er-Jahre hinein jedoch völlig unklar blieben.

Studien mit Schimpansen

Erst Harvey Alter kam dem Virus Anfang der 1970er-Jahre in seinem Labor bei den National Institutes of Health der USA etwas näher auf die Spur. Er zeigte unter anderem, dass man mit Blut von Patienten, die an chronischer Hepatitis litten, aber weder die damals bekannten Hepatitis-A- noch die -B-Viren in sich trugen, Schimpansen infizieren konnte – die dann ebenfalls an Leberentzündung erkrankten.

Dem Briten Michael Houghton, der damals für das kalifornische Pharmaunternehmen Chiron arbeitete, gelang es anschließend, im Blut infizierter Schimpansen winzige Erbgutschnipsel aus RNA zu identifizieren, die von dem unbekannten Erreger stammen mussten. Denn Patienten mit chronischer Hepatitis besaßen in ihrem Blut Antikörper, die gegen Proteine gerichtet waren, die nach dem Bauplan dieser Erbgutfragmente entstanden waren. Der fremde Erreger – im Labor aus seinen Einzelteilen zusammengesetzt – war demnach ein neuartiges Virus aus der Familie der Flaviviren, dem man den Namen Hepatitis-C-Virus gab.

Der Virologe Charles Rice schließlich lieferte Anfang der 1980er-Jahre den endgültigen Beweis dafür, dass das Hepatitis-C-Virus allein eine chronische Leberentzündung hervorrufen kann. An der Washington University in St. Louis stellte er damals per Gentechnik eine RNA-Variante des Erregers her, die unter anderem eine neu entdeckte Region des Virusgenoms enthielt, die für die Vermehrung des Keims in den Zellen von Menschen und Affen entscheidend ist.

Wenn Rice diese RNA-Variante in die Leber von Schimpansen injizierte, konnte er das Virus kurze Zeit später im Blut der Tiere nachweisen. Zudem traten bei den Affen ganz ähnliche Symptome chronischer Hepatitis wie bei erkrankten Menschen auf. In seinem Labor in New York bildet Rice bis heute zahlreiche junge Top-Wissenschaftler aus, er hat auch viele Kontakte nach Deutschland.

„Die Entdeckung des Hepatitis-C-Virus durch die Nobelpreisträger ist eine bahnbrechende Errungenschaft im laufenden Kampf gegen Viruserkrankungen“, schreibt das Nobelkomitee. „Dank ihrer Entdeckung stehen nun hochempfindliche Bluttests für das Virus zur Verfügung, mit denen die Hepatitis nach der Transfusion in vielen Teilen der Welt im Wesentlichen eliminiert werden konnte, was die globale Gesundheit erheblich verbessert hat.“

Auch habe die Arbeit der Forscher die rasche Entwicklung antiviraler Medikamente gegen Hepatitis C ermöglicht. „Zum ersten Mal in der Geschichte kann die Krankheit nun geheilt werden, was Hoffnungen weckt, das Hepatitis-C-Virus aus der Weltbevölkerung auszurotten“, heißt es in der Erklärung des Komitees. Um dieses Ziel zu erreichen, seien allerdings internationale Anstrengungen erforderlich, die Bluttests erleichtern und antivirale Medikamente weltweit verfügbar machen.

Ein Deutscher hätte den Preis auch verdient

Gute Chancen, im Zusammenhang mit der Entdeckung der Hepatitis-C-Viren ausgezeichnet zu werden, hätte auch ein deutscher Forscher gehabt: Ralf Bartenschlager, der 62-jährige Leiter der Molekularen Virologie am Universitätsklinikum Heidelberg. „Ich hätte den Preis durch vier geteilt und auch ihn ausgezeichnet“, sagt Michael Manns, der Präsident der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), der sich in seiner Forschung seit 1977 mit Lebererkrankungen befasst und an wegweisenden Therapiestudien für Medikamente gegen Hepatitis C maßgeblich beteiligt war.

„Ralf Bartenschlager hat ein künstliches Virus erzeugt, ein sogenanntes Hepatitis-C-Replikon. Damit hatte man ein Testsystem und konnte die Virusinfektion nachbilden“, berichtet Manns. So seien zahlreiche Medikamente entwickelt worden. Doch mehr als drei Preisträger sind im Nobelpreis-System nicht vorgesehen, und so ging der Vierte im Bunde leer aus.

Dennoch seien die ausgewählten Forscher eine äußerst gute Wahl, sagt der MHH-Präsident. „Alle drei haben die Auszeichnung verdient.“ Als Internist und Leberforscher kennt Manns sowohl Houghton als auch Alter und Rice persönlich.

Besonders für Harvey Alter, den ältesten der drei Forscher, freut sich Manns: „Er ist schon mal knapp am Nobelpreis vorbeigeschrammt, denn er war in jungen Jahren Assistent von Baruch Blumberg, der das Hepatitis-B-Virus entdeckt und dafür 1976 den Nobelpreis für Medizin bekommen hat.“ Alter sei damals Zweitautor der entscheidenden Studie gewesen. „Nun erlebt er es doch noch, den Nobelpreis zu bekommen“, sagt Manns. Er beschreibt den US-Forscher als äußerst humorvoll. „Er ist beliebt auf Kongressen, weil er Gedichte über die Wissenschaft macht“, erzählt Manns.

Der MHH-Präsident vermutet, dass die Wahl eines virologischen Themas in diesem Jahr durchaus mit der Corona-Pandemie zu tun habe. Durch die Entdeckung der Hepatitis-C-Viren 1989 sei die Erkrankung seit dem Jahr 2014 heilbar. „Mit Blick auf Corona zeigt dies, dass medizinischer Fortschritt in der Regel seine Zeit braucht“, sagt Manns.

Es zeige aber auch, dass man bei Infektionskrankheiten stets auf beide Wege setzen sollte – auf die Prävention durch Impfungen und die Behandlung durch Medikamente. „Anfangs wurde das Hepatitis-C-Virus sogar patentiert, weil man einzig daran gedacht hat, einen Impfstoff zu entwickeln“, berichtet Manns. Weil Viren genetisch so variabel sind, sei das jedoch schwierig. Immerhin jedoch gebe es nun die antivirale Therapie für die Heilung der Infektion. „Hepatitis C lehrt uns, dass die Suche nach einem Impfstoff nicht immer erfolgreich ist“, sagt Manns. „Darum ist Grundlagenforschung auf beiden Wegen so wichtig.“


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Wer war Alfred Nobel?

Mit der Stiftung der Nobelpreise wollte der schwedische Forscher und Großindustrielle Alfred Nobel (1833-1896) einen Konflikt lösen, der sein Leben bestimmte: Der Dynamit-Erfinder konnte es nicht verwinden, dass viele seiner Entdeckungen für den Krieg genutzt wurden. Daher vermachte er sein Vermögen einer Stiftung, aus deren Zinsen Preise für jene finanziert werden sollten, die „im verflossenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen geleistet haben“.

Nobel selbst hatte über 350 Patente angemeldet. Den Grundstock für die Stiftung legte Nobel in der Nähe von Hamburg. Dort baute er eine Fabrik für das bereits bekannte Nitroglycerin – die bald darauf explodierte. Danach erfand er einen Sprengstoff aus Nitroglycerin und Kieselgur, der unempfindlich für Erschütterungen war. Nobel gründete zahlreiche Dynamit-Fabriken weltweit. 

Mit dem Medizin-Preis startet der diesjährige Nobelpreis-Reigen. Am Dienstag und Mittwoch werden die Träger des Physik- und des Chemie-Preises benannt. Am Donnerstag geht es um die Auszeichnung für Literatur und am Freitag um Friedensbemühungen. Der Friedensnobelpreis kann auch an Organisationen vergeben werden. Neben den eigentlichen Nobelpreisen wird seit 1969 eine Ehrung für Wirtschaftswissenschaften in Gedenken an Alfred Nobel verliehen. Sie wurde 1968 von der Schwedischen Reichsbank gestiftet. Die diesjährigen Wirtschaftsnobelpreisträger werden am 12. Oktober bekannt gegeben. (mit dpa)