Guten Tag, mein Name ist Sabine Platz, und wenn ich mich nicht komplett blöd anstelle, dann sehen wir uns jetzt alle zwei Wochen hier. Sie wissen, Kolumnisten kommen und gehen, es gibt viele da draußen, man weiß nie, wie lange man was von ihnen hat. Ich jedenfalls bin jetzt auch eine.

Es ist nämlich so: Eigentlich arbeite ich beim Fernsehen als Gartenjournalistin (wobei ich glaube, dass das keine wirkliche Berufsbezeichnung ist). Außerdem, und das ist hier viel entscheidender, habe ich einen Garten. Und der beschäftigt mich von früh bis spät, von Januar bis Dezember. So sehr, dass ich ein Buch über ihn, über meine Reisen als Reporterin und über das, was die Liebe zur grünen Scholle so mit uns Menschen anstellt, geschrieben habe.

Genau dieses Buch hat nun ein Redakteur von der Berliner Zeitung in die Finger bekommen. Und tatsächlich gelesen! (Journalisten, ganz ehrlich, lesen meist weniger, als Nicht-Journalisten so denken). Jedenfalls muss es ihm gefallen haben, denn irgendwann klingelte das Telefon und der Mann fragte, ob ich auch Kolumnen schreiben könne. „Keine Ahnung“, hab’ ich geantwortet „aber ich will es mal versuchen.“ So, und deswegen bin ich jetzt hier, bis auf weiteres.

Damit ich es für die erste Runde nicht allzu schwer habe, und weil eben der Mann von der Zeitung das Buch recht passabel fand, drucken wir zum Einstieg eine meiner Geschichten. Dann kriegen alle einen Eindruck und wissen ein bisschen, wohin die Reise geht. Bei Gefallen dürfen Sie gerne in zwei Wochen wieder einschalten – ähhh – reinlesen.

Und bis dahin: Tomaten gießen nicht vergessen (Wasser am besten handwarm!), abends Nacktschnecken jagen und – ach ja – die Dahlienknollen sollten ja auch längst in der Erde sein!

Anne Smith
Fühlt sich im Garten sichtlich wohl: Fernsehjournalistin Sabine Platz.

Ein guter Freund

Hobbygärtnerinnen wie ich verbringen den Großteil ihrer Freizeit zwischen Storchschnabel, Roten Beten und Rasendünger. Es gibt Millionen von uns und wir werden immer mehr. Und doch bin zumindest ich in meinem kleinen Universum ziemlich allein mit dieser grünen Leidenschaft. Die Familie interessiert sich für andere Dinge. Mein Mann mag Mathe, mein Sohn Nintendo und meine Tochter ihren neuen Freund. So ist das.

Trotzdem – eine einsame Gärtnerin bin ich keineswegs. Da ist jemand, der Tag für Tag hinterm Haus auf mich wartet. Jemand, der sich freut, wenn ich komme, dem ich mich anvertrauen kann, der mir zuhört, der manchmal sogar meine Hilfe braucht. Ein treuer Gefährte, ein loyaler Freund: mein Mähroboter.

Regelmäßig ist er genau da, wo auch ich bin. Stehe ich unter dem Apfelbaum, kommt er vorbeigerollert, stupst mir freundlich an die Füße und erinnert mich höflich daran, die heruntergefallenen Äpfel aufzuklauben. Nehme ich das Staudenbeet samt Spaten in Angriff, guckt er interessiert und macht mich zurückhaltend darauf aufmerksam, dass ich bloß nicht sein Begrenzungskabel aus Versehen durchtrennen sollte. Und wenn es regnet, schaue ich aus dem Küchenfenster und beobachte, wie er tapfer auf dem nassen Rasen seine Pflicht tut. Und das, obwohl er wahrscheinlich viel lieber Feierabend machen würde. Dann habe ich ein schlechtes Gewissen.

Anne Smith
Steigt gern mal in den Kompost: Unsere neue Kolumnistin in Aktion.

„Guckt mal, der kleine Mähro“, sage ich anerkennend. „Hmmmm“, macht die Familie. Der Mähroboter wohnt in einem kleinen Unterstand nahe beim Kompost. Wenn er nach getaner Arbeit nach Hause fährt, parkt er rückwärts ein, drückt sein Hinterteil ganz tief in die Ladebuchse, wackelt ein bisschen mit dem Po und schnurrt zufrieden. Ich finde das unfassbar niedlich.

Jetzt sagen Sie: Ganz schön armselig, die Frau Platz. Soll sie sich doch ein anderes Hobby suchen, eines, das ihr ein paar zwischenmenschliche Kontakte beschert. So etwas wie eine Mitgliedschaft im Tennisklub oder auch ein Wochenende mit dem ortsnahen Nacktwanderverein. Da kann sie sich mit leibhaftigen, echten Leuten unterhalten. Das ist allemal besser, als einen Mähroboter zu vermenschlichen.

Nun, vielleicht haben Sie recht. Aber, offen gesagt, mit meiner Zuneigung für Roboter bin ich nicht allein. Meine Nachbarin zur Linken beispielsweise hat auch einen. Am Gartenzaun neulich erzählte sie mir, dass sie ihn immer erst dann anschaltet, wenn sie den Garten betritt.

Ludwig Verlag
„Sabine Platz im Garten“, erschienen im Ludwig Verlag, 22 Euro

„Ich freue mich richtig auf den“, gab sie ein bisschen beschämt zu. Und meine Freundin Andrea hat einen Saugroboter im Wohnzimmer. Auch der hat natürlich einen Namen (Staubi) und wird am Abend angeschaltet, sobald die ganze Familie gemütlich vor dem Fernseher sitzt. Wie ein Hund schnüffelt er dann unterm Tisch nach Wollmäusen.

Ich war in meinem Leben niemals ein Fan dystopischer Fantasien. Bücher zum Beispiel, die eine Welt beschreiben, in der Roboter selbstständig Entscheidungen treffen und den intelligenten Menschen ersetzen, in denen Killermaschinen alles kurz und klein ballern und am Ende die Welt regieren, habe ich nie gerne gelesen. Auch die Vorstellung, dass ich vielleicht irgendwann ein gesundheitlicher Pflegefall sein könnte und nur noch von Robotern angefasst, gewendet und gefüttert werde, macht mir Angst. Natürlich möchte ich später von einem warmherzigen Menschen versorgt werden, jemand, der sich freundlich um mich kümmert, mit mir gemeinsam isst und mich im Arm hält.

Andererseits – wäre es wirklich so schlimm, wenn nachts ein Roboter an meinem Bett säße, während ich ihm endlos von meinen längst vergangenen Reisen als Reporterin erzähle? Storys, die niemand mehr hören kann, weil ich sie schon tausendfach zum Besten gegeben habe? Oder wenn mir ein per Sprachkommando zu bedienendes, lustig aussehendes Männchen die Fernbedienung reichte? Oder mir eine Maschine aufhelfen würde und mich auf die Toilette begleitete?

Seit ich einen Mähroboter habe, denke ich darüber nach. Und spüre, wie sich mein Verhältnis zu intelligenter Technik verändert, vielleicht sogar entspannt. Kein Smartphone, keine Pressekonferenz mit selbstfahrenden Autos und kein Museumsrundgang mit „Virtual Reality“ haben das bislang geschafft. Ich finde das bemerkenswert. In meinem kleinen Garten, dem einzigen Stück Land auf dieser Erde, in dem ich mich komplett abkapsle von dem, was außerhalb vor sich geht, hat sie mich erwischt – die Welt von morgen.