Gründliches Handewaschen ist oberstes Gebot in Corona-Zeiten.
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BerlinMeine Handrücken wirkten wie die Felder vor Verdun. Seife und Sterillium hatten epidermale Grabensysteme angelegt. Es gab Granattrichter. Ich befolgte strikt die Maßgaben der Profis und dekontaminierte meine Pranken nach jedem Klinkenkontakt wie sonst nur nach dem Besuch der Regionalbahntoilette. Klauenkarst und Flossenschrund waren ein Statement: Hier hält sich einer an die Regeln. Er hat nichts zu verlieren als seine Infektionsketten.

Doch neulich sagte Corona-Professor Christian Drosten, er finde es „total übertrieben“, wie oft auf die Notwendigkeit des Händewaschens hingewiesen wird. Oh. Eine Einzelmeinung, gewiss. Aber die von Drosten! Nun wohnt in mir als seinem Stammhörer eine Irritation, die stärker ist als jene meiner Haut. Hätte ihm das nicht schon Mitte März einfallen können?

Wissenschaft heißt Widerspruch. These, Antithese, ich weiß, und habe mich deshalb nie, wie von Greta Thunberg gefordert, hinter „der Wissenschaft“ vereinigt. „Die Wissenschaft“ existiert nicht. Was es gibt, sind Wissenschaftler, die diskutieren: Pro oder contra Atemschutzfummel. Schulen auf oder zu. Fallzahlen oder Reproduktionsdingsda. Ist Herdenimmunität notwendig, mörderisch oder beides? Sind Asthmatiker und Raucher Risikopatienten oder fein raus? Es irrt der Mensch, solang er strebt. Manchmal wird man beim Zugucken irre. Jedenfalls verspürte ich mit Blick auf meine Hände die absurde Sehnsucht nach einem göttlichen Machtwort: Egal, was Forscher demnächst entdecken, eine verbesserte Wahrheit gilt frühestens ab Weihnachten.

Dieses Geständnis kann mich in Teufels Küche bringen. Vergangene Woche echauffierte sich der Kabarettist Mathias Richling bei Frau Maischberger über flatterhafte Expertisen. Er redete hitzig, aber weder im Wahn noch gegen „das System“. Anderntags urteilte eine Spiegel-Autorin, für Richling gelte dasselbe wie für „Faschisten“: Wer ihm ein Podium biete, legitimiere seine Position. Stattdessen solle jeder erkennen, „dass Wissenschaft täglich neuen Erkenntnisprozessen folgt“. Wer den neuen Prozessen nicht täglich neu folge, lasse „verantwortungslos viel Raum für Realitätsverweigerung“. Gnädig stellte sie den Satiriker nur zu Covidioten und Coronazis in die Ecke und nicht wegen Immunabwehrkraftzersetzung an die Wand.

Darf auch ich auf Nachsicht hoffen? Im Sauseschritt läuft die Zeit; ich stolpere mit. Ich finde die Pandemiepolitik – anders als Richling – okay, bin aber trotzdem an seiner Seite. Denn auch Demokratie bedeutet Widerspruch. Außerdem kann, wer sich heute im Namen „der Wissenschaft“ als Großinquisitor betätigt, morgen dumm dastehen. Das geht schnell. Im Netz kursieren Videos, worin öffentlich-rechtliche Moderatoren sich noch Ende Januar über „Verschwörungstheoretiker“ ereiferten, die Corona für „hochansteckend und gefährlich“ hielten. Haha. Doch die Fernsehleute repetierten nur den damaligen regierungsamtlichen Stand. Jetzt warnen sie bestimmt vor Verharmlosern, zu denen inzwischen übrigens viele der Alarmisten von gestern konvertiert sind. Diese Stellungswechsel haben weniger mit Viren und Wahrheit zu tun als mit der Haltung zu Mehrheitsmeinungen und Autoritäten.

Während man in Laboren um Erkenntnis ringt, wird auf den Tribünen mit Lieblingsgegnern gekämpft. Eigentlich ist es wie immer.