Gesichtsmasken nach dem Schnittmuster von Regine Hengge.
Foto:  Regine Hengge

BerlinAuf den Fotos, die Regine Hengge an ihre E-Mail angehängt hat, sieht man Menschen an Nähmaschinen und Anleitungen zum Masken-Nähen in verschiedenen Sprachen. Die Absenderin ist Leibniz-Preisträgerin, Mitglied verschiedener wissenschaftlicher Akademien und Professorin an der Humboldt-Universität zu Berlin. Wir haben uns zum Skype-Interview verabredet.

Frau Hengge, Sie sind Professorin für Mikrobiologie und haben eine Instagram-Kampagne für Mundschutz-Masken gestartet. Wie passt das zusammen?

Sehr gut. Ich kann übrigens genau datieren, wann ich die Idee hatte, dass man Masken tragen sollte, um andere zu schützen.

Wann?

Das war in der Nacht vom 17. auf den 18. März. In dieser Nacht ist mein Sohn mit dem letzten regulären Flug aus Kuba zurückgeflogen. Ich habe unruhig wachgelegen und dachte an unsere Familienreise nach Vietnam im vergangenen Jahr: Dort war es sogar damals schon auf der Straße, in Bussen, in Geschäften ganz selbstverständlich, dass viele Leute Mundschutz trugen. Ich habe mir die Daten aus Vietnam zu Corona angesehen. Die Ansteckungsraten sind dort niedrig und wachsen nur ganz langsam. Derzeit sind es etwa 260 Fälle. Und die einfache Erklärung ist: Wenn die Menschen erfahren, dass ein Virus grassiert, setzen sie sich Masken auf, einfach aus Höflichkeit, um ihre Mitmenschen nicht anzustecken.

Ist es richtig, dass die Virologen forschungsmäßig sozusagen Verwandte von Ihnen sind?

Ich bin Bakteriologin, mein Gebiet ist wie die Virologie eine Unterabteilung der Mikrobiologie.

Ist Ansteckung also auch ein Thema für Sie?

Natürlich, es gibt ja jede Menge krankheitserregende Bakterien. Wir arbeiten zum Beispiel mit pathogenen E.coli.

E-Mail an Wieler und Drosten

Was folgte aus Ihrer Erinnerung an Vietnam?

Am Morgen habe ich meinen Kollegen Lothar Wieler vom Robert-Koch-Institut und Christoph Drosten von der Charité eine E-Mail geschrieben und ihnen das geschildert.

Wie haben sie reagiert?

Sie haben noch am selben Tag geantwortet. Aber obwohl sie mir zustimmten, dass an dieser Analyse etwas dran seit könnte, haben sie zugleich gewarnt, dass es nicht genug Masken in Deutschland gebe. Wir dürften auf keinen Fall einen Konkurrenzdruck mit dem medizinischen Bereich erzeugen – das Dilemma, das seitdem ja breit diskutiert wird. Meine Reaktion war dann: Wenn wir keine Masken haben, müssen wir uns eben welche machen! Also habe ich eine Maske entworfen und erste Zeichnungen meiner Mutter geschickt, die ist Modedesignerin und Textilkünstlerin. Sie hat den Prototyp genäht und weiter verbessert. Damit war unsere Maske geboren.

Die Maske ist immer dabei

Ich sehe Sie jetzt am Laptop mit der Maske, die haben Sie aber nicht immer um?

Wenn ich das Haus verlasse schon. Dann trage ich sie zunächst wie eine Halskette. Treffe ich auf mehrere Menschen oder betrete ein Geschäft, ziehe ich sie hoch. Sie bedeckt Nase und Mund, schmiegt sich wunderbar an, sie ist doppellagig und enthält dazwischen zusätzlich auswechselbare Lagen von Papiertaschentüchern. Der Knoten bleibt zu, die Länge der Bänder sind für meinen Kopf angepasst.

Foto: Manos Aronis
Zur Person 

Regine Hengge ist seit 2013 Professorin für Mikrobiologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie ist Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, der European Organisation of Molecular Biology, der European Academy of Microbiology und der American Academy of Microbiology (AAM, seit 2012). 

Also sahen bereits Mitte März die beiden Popstars der Corona-Krise einen gewissen Nutzen für das allgemeine Masken-Tragen, aber sie wollten das Thema nicht in der Öffentlichkeit haben.

Es gab einfach keine Masken! Die Forderung wäre absurd gewesen. Wir haben dann unsere Instagram-Initiative @we_can_stop_corona vorbereitet. Das hat ein paar Tage gedauert, in denen ich die Zeichnungen verbessert und, eine Anleitung geschrieben habe, die meine internationalen Mitarbeiter in verschiedene Sprachen übersetzt haben. Ich musste davon Bilderserien und Texte produzieren, die man posten konnte. Mein Bruder Magnus Hengge, ein Graphik-Designer, entwarf ein Logo und plakativ ‚Macht-Masken’-Buttons. Mein Sohn Manos Aronis, ein Videofilmer und Social Media Content Creator, bereitete den Auftritt auf Instagram vor. Am 23. März sind wir damit online gegangen. Schon am Tag zuvor hatte Christian Drosten in einem Tweet geschrieben, dass Masken eine sinnvolle Ergänzung der Maßnahmen seien – soweit ich weiß, der erste Virologe, der sich zum Thema geäußert hat. Das war ein guter Zeitpunkt. Parallel formierte sich eine Initiative von Prominenten, von der Sie sicher gehört haben.

Ja, #maskeauf mit Charlotte Roche, Rezo und Jan Böhmermann.

Das ist wunderbar, weil diese Initiative eine große Reichweite hat. Ihnen geht es darum, auf jeden Fall Nase und Mund in der Öffentlichkeit zu bedecken, mit welcher Art von Maske ist zunächst nicht so wichtig. Mein Anliegen ist ein bisschen konkreter. Unsere Maske ist nachhaltig, also wiederverwendbar, Keime und Viren können durch Waschen oder sehr heisses Bügeln abgetötet werden, und sie ist einfach zu nähen. Und in unseren Posts versuche ich, wissenschaftlich plausibel zu argumentieren, weil ich natürlich die Fachliteratur sichte. Da gibt es endlich auch eine Studie mit klarem Ergebnis.

Zu Gesichtsmasken?

Ja, sie ist am 3. April bei Nature Medicine veröffentlicht worden. Auch einfache Mundschutzmasken können die Verbreitung von Tröpfchen effizient abhalten. Damit ist die Wirksamkeit wissenschaftlich belegt.

Nachahmer, auch Betriebe, willkommen

Kann Ihre Maske irgendwo in die Produktion gehen?

Sie ist als Do-it-yourself-Maske gedacht. Sie ist braucht keine Schräg- und Gummibänder, sondern nur Stück Baumwollstoff, wie es jeder zu Hause hat, einen Bett- oder Kissenbezug.

Aber wenn nun ein Textilbetrieb daran interessiert ist? Trigema zum Beispiel bietet ein Zehnerpack Mund-Nasen-Schutz aus Stoff für 120 Euro an. Vielleicht kann das jemand günstiger produzieren?

Das Schnittmuster ist öffentlich zugänglich und ich verschicke die PDF-Files der Anleitungen sowieso über mein wissenschaftliches und privates Netzwerk. Wenn ein Betrieb die Maske herstellen will, kann ich das nur begrüßen. Aber unabhängig davon fangen überall vor allem Frauen an, Masken zu nähen, und ich glaube, wir brauchen diese Eigeninitiativen, damit möglichst schnell sehr viele Menschen Masken haben.

Der Sohn der Wissenschaftlerin mit dem Modell
Foto:  Regine Hengge

Sie sind Professorin mit internationalem Renommee. Ist es nicht ein Wagnis für Sie, sich mit einer Instagram-Initiative ins triviale virale Leben zu begeben?

So borniert ist die wissenschaftliche Welt nicht mehr. Es stimmt allerdings, dass viele Leute in meinem Umfeld noch zögerlich mit Instagram sind, weil sie es als riesige Selfie-Halde ansehen. Es ist aber gleichzeitig die größte Kunst- und Fotogalerie der Welt. Auf Instagram bin ich schon länger, ich habe da einen Wissenschaftsaccount für unsere Forschungen, aber ich teile auch meine Fotos, die sich an der Schnittstelle von Wissenschaft und Kunst bewegen. Ich halte das für einen tollen Kommunikationskanal. Durch meine Herkunft aus einer Designerfamilie interessiere ich mich ohnehin seit Jahren für interdisziplinäre Projekte.

Wissenschaft endlich im Zenrum der Gesellschaft 

Derzeit sind Virologen ständig Gast in Nachrichtensendungen und Talkshows, werden interviewt und porträtiert. Denken Sie, dass dieses Vertrauen in die Kompetenz auch fortwirken kann auf andere Diskussionsfelder wie Impfung oder Homöopathie?

Was wir generell wahrnehmen ist, dass Wissenschaft im Ansehen der Bevölkerung steigt. Nicht nur die Virologie. Schon in den vergangenen Jahren gab es zunehmend auch Künstler verschiedener Sparten, die den Austausch suchten, das entwickelt sich nun weiter. Wissenschaft ist wirklich im Zentrum der Gesellschaft angekommen. Aber es gibt natürlich immer welche, die skeptisch bleiben. Man bekommt nie alle unter einen Hut, das gehört zu Demokratie.

Sehe ich das richtig, dass viele Forscher selbst offener geworden sind?

Stimmt. Wissenschaftskommunikation in die Öffentlichkeit hinein hatte lange keinen guten Ruf innerhalb der Wissenschaft selbst. Die Kollegen, die das gemacht haben, sind ein bisschen belächelt worden. Aber inzwischen ist die Notwendigkeit allgemein akzeptiert, dass wir über unsere Themen auch mit Menschen sprechen, die keine Wissenschaftler sind.

Und wenn dann Juli Zeh in einem Interview in der Süddeutsche Zeitung am Wochenende von Herdenimmunität spricht, denken Sie nicht: Was hat denn diese Schriftstellerin dazu zu sagen?

Nein, warum auch? Jeder ist betroffen, jeder kann sich Gedanken dazu machen. Allerdings wünsche ich mir von denen, die eine Meinung äußern, auch die Bereitschaft zuzuhören, wenn es entsprechende Forschungsergebnisse gibt.

Staatschefs mit Masken

Wünschen Sie sich von Angela Merkel, dass sie demnächst mit Maske auftritt?

Es gibt tatsächlich Staatschefs, die öffentlich Mundschutz zeigen. Wahrscheinlich werden wir bald alle Masken tragen, auch über längere Zeit. Ich halte das für besonders wichtig, wenn wir uns langsam aus der Kontaktsperre herausschleichen. Denn dann besteht ja die Gefahr, dass das Virus, das zwar dezimiert, aber immer noch vorhanden ist in der Bevölkerung, sich wieder exponentiell verbreiten könnte. Ich glaube sogar, die Maske wird zum Mode-Accessoire des Sommers 2020.

Und dann sind wir vor der nächsten Pandemie geschützt?

Wir müssen immer alle Maßnahmen in Kombination sehen, die Wichtigkeit des Händewaschens und Abstandhaltens bleibt. Aber wenn wir diese Verhaltensweisen verinnerlichen, trifft uns vielleicht auch die nächste Grippewelle weniger stark.