Gudrun Born setzt sich für pflegende Angehörige ein, nachdem sie selbst 17 Jahre lang ihren Mann gepflegt hat. 
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BerlinSie ist 50 Jahre alt, als der Mann neben ihr morgens nicht mehr aufwacht. Ein Hirnschlag. Der 57-jährige Ehemann von Gudrun Born ist Bauingenieur, hatte gerade das gemeinsame Haus fertig geplant. Als er vier Monate später aus dem Krankenhaus kommt, ist er nicht mehr derselbe. Er kann weder laufen noch sprechen und erinnert sich an nichts. Nicht an die drei gemeinsamen Kinder. Nicht an das Haus.

„Das wollen wir doch mal sehen“, sagt Gudrun Born. Sie übernimmt seine Pflege und lässt das Haus fertig bauen. „Wie ich das damals geschafft habe, ist mir ein Rätsel“, sagt sie heute. „Ich glaube, ich bin ein Organisationstalent.“

Der Arzt sagte: Ihr Mann kann nicht der Patient aus den Akten sein

Mit ihrer Hilfe und der von Physiotherapeuten lernt ihr Mann ganz langsam wieder laufen. Auch sprechen kann er mit viel Geduld und Logopädie nach ein paar Jahren wieder halbwegs, zumindest kann er sich ausdrücken. Als ein neuer Hausarzt ihn übernehmen soll, sagt dieser: „Das ist nicht der Patient aus den Akten.“ Gudrun Born versichert ihm, dass es sich um denselben Mann handelt. Der Arzt sagt: „Dann haben Sie ein Wunder vollbracht.“

Das inzwischen 88-jährige Organisationstalent lebt am Rande von Frankfurt und hat in den vergangenen 50 Jahren eine Nachbarschaftshilfe organisiert mit zeitweise 120 ehrenamtlichen Mitarbeitern, einen Tauschring, der es ihr ermöglichte, bei der sage und schreibe 17-jährigen Pflege ihres Mannes auch mal Verschnaufpausen zu machen, und diverse Gesprächskreise für Frauen und Senioren ins Leben gerufen, einige davon leitet sie immer noch. Gudrun Born sagt: „Machen Sie bloß kein Heldenepos aus dem Artikel.“

Die rüstige Frankfurterin, die keine Heldin sein will, ist ohne Vater aufgewachsen. Er war Dozent für Wirtschaft an der Uni und ist im Krieg gefallen. Sie selbst hätte gerne studiert, konnte aber nicht. Es war kein Geld da. Der Mutter und ihren beiden Schwestern gilt sie bald als Praktikerin. Ist etwas Organisatorisches zu tun, nimmt sie es in die Hand. Als sie im zarten Alter von 18 als kaufmännische Angestellte in einem Architekturbüro anfängt, arbeitet dort schon ein gewisser Herr Born. Sieben Jahre älter als sie, Bauingenieur. „Wir haben länger gebraucht, um uns kennenzulernen“, erzählt Gudrun Born heute, 70 Jahre später. Und doch prägen dieser Mann und ihr gemeinsamer Weg ihr Leben bis heute.

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Zur Person

Gudrun Born, 88 Jahre alt, lebt in Frankfurt und begleitet seit Jahrzehnten Menschen in Not. Künftig gibt sie in der Berliner Zeitung in loser Reihenfolge pflegenden Angehörigen Tipps aus ihrem reichen Erfahrungsschatz.  

Vor 40 Jahren gab es noch keine Pflegeversicherung. Gudrun Born musste alles alleine machen. Als sie nach einer Weile merkt, wie stark die Pflege rund um die Uhr an ihr zerrt, Freizeit für sie nahezu unmöglich macht, da organisiert sie den Tauschring. Ein einfaches Punktesystem ermöglicht es dem Nachbarn, der seinen Garten nicht selbst mähen will, der Gemeinschaft dafür etwas anderes anzubieten, das er lieber macht. Zum Beispiel zwei Stunden lang bei Gudrun Borns Mann zu sitzen, während sie Besorgungen macht. „Für mich bedeutete das das Tor zur Freiheit“, erinnert sie sich an diese Zeit.

Seitdem weiß sie, wie wichtig es für pflegende Angehörige ist, sich Freiräume zu schaffen, ihr eigenes Leben nicht aufzugeben. „Man wird sonst auch ungerecht dem Angehörigen gegenüber.“ Als ihr Mann nach 17 Jahren Pflege stirbt, nimmt sie sich erst mal eine Auszeit. In Kalifornien, wo ihre Schwester lebt. Doch sobald sie zurück in Frankfurt ist, weiß sie: Sie will ihre Erfahrungen wieder einbringen. Seitdem berät sie pflegende Angehörige und setzt sich gegen Ungerechtigkeiten ein, vor allem denen gegenüber pflegenden Angehörigen. 

Gudrun Borns Steckenpferd ist nicht nur, Menschen, die Hilfe brauchen, miteinander zu verbinden. Ihr vielleicht größter Coup: Sie beobachtet sehr genau die von der Regierung veröffentlichten Zahlen und Statistiken zur Pflege und zu pflegenden Angehörigen.

Dadurch hat sie herausgefunden: Im Jahr 2017 lagen die Leistungsausgaben der Pflegeversicherung bei 38,54 Milliarden Euro. Davon gingen – gerundet – 38,2 Prozent an die Heime, 21,1 Prozent an die Pflegedienste und 8,5 Prozent in Beratung, Verwaltung und an den Medizinischen Dienst der Krankenkassen. Auf der anderen Seite gingen 28,2 Prozent als Pflegegeld an die Patienten. Und nur vier Prozent an pflegende Angehörige, vor allem in Form von Zuschüssen zur Rentenversicherung.

Das bedeutet: Rund 68 Prozent gab die Pflegeversicherung für die professionelle Pflege aus, rund 32 Prozent für die Patienten und deren Angehörigen zuhause. Dabei ist die Pflegerealität genau andersrum: Dreiviertel der Patienten werden zuhause gepflegt, vor allem von ihren Angehörigen. Nur ein Viertel lebt in Heimen. Von den rund 3,5 Millionen Pflegebedürftigen, die 2017 zuhause versorgt wurden, nahmen 1,8 Millionen keine professionelle Pflege in Anspruch.

Sprich: Die allermeisten Deutschen werden nach wie vor von ihren Angehörigen gepflegt. Doch diese bekommen weder Lohn noch eine angemessene Rente dafür. Die aktuellen Zahlen sind noch nicht vollständig, doch der Trend verstärkt sich weiter. 2019 betrugen die Leistungen der Pflegekasse über 41 Milliarden Euro. Gudrun Born macht es mittlerweile richtig wütend, dass Angehörige für ihre Pflege, die oft rund um die Uhr geht, keinerlei Lohn erhalten. „Wegen der Beistandspflicht“, sagt Born. „Ein uraltes Gesetz ermöglicht es der Politik, die Pflege auf Kosten der Angehörigen zu organisieren. Sie dürfen gar kein Geld für die Pflege erhalten.“ Die sogenannte Beistandspflicht gilt für Angehörige ersten und zweiten Grades. 

Sie hat sie auch schon mit Gesundheitsminister Jens Spahn darüber gesprochen. Doch der habe abgewiegelt, den Angehörigen werde schon durch Erleichterungen in der Pflege geholfen. Born spornt das nur weiter an: Sie bemängelt, dass  Rentenansprüche für pflegende Angehörige völlig falsch berechnet würden – nämlich nach einer in der Arbeitswelt üblichen 35-Stunden-Woche, die für Angehörige schwerst Pflegebedürftiger aber oft eine 70- oder 80-Stunden-Woche ist.

Aufgeben kommt für die 88-Jährige auch deshalb nicht infrage. „Es wäre schön, wenn ich noch etwas erreichen könnte, bevor ich abtreten muss.“ Ihr Leitmotiv stammt von Cicero: „Wir sind nicht nur für die Fehler verantwortlich, die wir aktiv begehen, sondern auch für viele Missstände, die wir nicht verhindern.“