Buch - Ein „deutsches Cold Spring Harbor“ sollte es werden. Diese Vision hatte der Mediziner Detlev Ganten, als vor 25 Jahren das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) in Buch gegründet wurde. Der damals 50-jährige Pharmakologie-Professor war als Gründungsdirektor aus Heidelberg gekommen.

Das Cold Spring Harbor Laboratory (CSHL), das er vor Augen hatte, liegt an einer idyllischen Bucht auf Long Island nahe New York City. Es befasst sich mit Krebsforschung, Neurobiologie, Genomik und Bioinformatik. Zu den Wissenschaftlern, die dort bisher tätig waren, gehören neun Nobelpreisträger – eine hohe Vorgabe für Buch.

Zum Jubiläum, das das MDC am heutigen Donnerstag und morgigen Freitag begeht, wird wieder an Gantens Vision erinnert. Sie sei inzwischen Realität geworden, sagt etwa der Biologe Rolf Zettl vom Berliner Institut für Gesundheitsforschung (BIH). „Die wissenschaftliche Exzellenz ist weltweit anerkannt und die Verbindung zur Biotech-Industrie auf dem Campus gelebte Praxis.“

Zwei neue Medikamente

Das MDC in Buch ist eine Einrichtung der Helmholtz-Gemeinschaft, zu 90 Prozent vom Bund, zu 10 Prozent vom Land Berlin finanziert. Es hat heute 1 660 Mitarbeiter und Gastwissenschaftler in mehr als 60 Arbeitsgruppen. „Sie analysieren, was im Körper vor sich geht, wenn er gesund und krank ist“, heißt es in einer Schrift des MDC zum Jubiläum.

Erforscht werden molekularbiologische Vorgänge – also die Abläufe auf kleinster Ebene in den Genen, Zellen und der Körperchemie. Die Erkenntnisse, so das MDC, sollten so schnell wie möglich Patienten zugutekommen, vor allem bei Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Funktionsstörungen des Nervensystems. Stolz verweisen die Wissenschaftler darauf, dass in den vergangenen zwei Jahren zwei Medikamente zugelassen wurden, die auf MDC-Arbeiten basieren: Blincyto, eine ganz neuartige Immuntherapie gegen Krebs, und Vonvendi, ein Mittel gegen eine erbliche Blutgerinnungsstörung.

Bei der Entwicklung neuartiger Medikamente brauche man einen langen Atem, heißt es aus dem MDC. Wenn alles gut laufe, dauere der Weg von der Grundlagenforschung im Labor bis zum marktfähigen Produkt etwa 15 Jahre. Außerdem forsche man intensiv an weiteren Behandlungsmöglichkeiten – etwa einer Immuntherapie gegen Krebs.

Gemeinsam mit der Charité betreibt das MDC seit 2013 das Berliner Institut für Gesundheitsforschung (BIH), das die Stärken beider Institutionen bündeln soll. Sprecher des Vorstands ist seit August 2017 Martin Lohse, der Vorstandsvorsitzende des MDC. Außerdem entsteht auf dem Campus Nord der Humboldt-Universität in Mitte ein neues Forschungsgebäude für die medizinischen Systembiologen des MDC.

Erst im Oktober 2017 kam die Zusage der Chan-Zuckerberg-Initiative, dass das MDC mit einem Pilotprojekt am Human Cell Atlas beteiligt ist. Dabei handelt es sich um ein internationales Mammutvorhaben, die Kartierung sämtlicher menschlicher Zellen. Gefördert wird es von der Stiftung des Facebook-Gründers Mark Zuckerberg und seiner Frau Priscilla Chan.

Die heute gefeierte Gründung des MDC vor 25 Jahren fand aber keinesfalls auf der grünen Wiese statt. Denn in Berlin-Buch wird schon seit fast einem Jahrhundert geforscht. Anfang des 20. Jahrhunderts entstand hier ein großes Klinikzentrum. 1930 errichtete die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft in Buch das damals größte Institut für Hirnforschung.

Die Leitung übernahm Oskar Vogt, der mit seiner Frau Cécile die moderne Hirnforschung mitbegründete. Vogt wurde auch dadurch bekannt, dass er von 1925 bis 1927 Lenins Hirn in 30 000 Schnitten sezierte und den russischen Revolutionär als „Assoziationsathleten“ bezeichnete.

Benannt nach Medizinnobelpreisträger

Für die spätere Bedeutung Buchs war aber eher anderes wegweisend. So rief Oskar Vogt 1925 den sowjetischen Genetiker Nikolai Timofejew-Ressowski nach Berlin. Dieser baute in Buch eine genetische Abteilung auf. 1935 veröffentlichte er mit den Forschern Max Delbrück und Karl Zimmer ein Werk über Genmutationen. Sie beschrieben darin Gene als komplexe Atomverbände – Moleküle. Damit gehören sie zu den Begründern der modernen Genetik.

Heute beruft sich das MDC auf ihre Vorläufer. Ja, das ganze Institut ist benannt nach dem Biophysiker und Medizinnobelpreisträger Max Delbrück, der 1937 in die USA emigrierte. Zehn seiner engsten Nachfahren haben das MDC erst im Juni 2017 besucht, und zwar im Rahmen eines Familientreffens.

Direkt hervorgegangen ist das MDC vor 25 Jahren aus drei Zentralinstituten, die bis 1990 zur Akademie der Wissenschaften der DDR gehörten. Sie beschäftigten sich mit Krebsforschung, Herz-Kreislauf-Forschung und Molekularbiologie. Bereits damals waren Grundlagenforschung und Klinik eng miteinander verknüpft.

Der Molekularbiologe und Bürgerrechtler Jens Reich, der von 1968 bis 2004 in Buch arbeitete, schilderte in einem Interview, dass den Neugründern durchaus der Wert dessen bewusst war, was sie vorfanden. „Detlev Ganten, der Gründungsdirektor, sagte: Das ist ja großartig, was hier früher alles gewesen ist! Diese Tradition, diesen Geist wollen wir aufgreifen!“

Der Umbruch sei zugleich dringend nötig gewesen, erzählte Reich. Denn es gab kaum Möglichkeiten für weltweiten wissenschaftlichen Austausch und die Gewinnung von Gastforschern. Die Akademie-Institute wurden in „Hahnenkämpfen“ zwischen Ministerien und Partei zerrieben. Es fehlte an Messtechnik und Testchemikalien.

Forscher aus 60 Ländern

Das Ende der DDR brachte für Jens Reich und seine Kollegen in Buch zunächst „eine Zeit der völligen Unsicherheit“. Doch Schritt für Schritt habe sich das 1992 neugegründete MDC etabliert. „Das Thema, das alle gemein hatten, war ,molekulare Medizin’“, sagte Jens Reich. „Heute sind wir ein an der Medizin orientiertes und sehr erfolgreiches Grundlagenforschungsinstitut.“

Die Forscher kommen aus 60 Ländern. Was er sich wünschen würde für die nächsten 25 Jahre? „Na, das ist doch klar! Den Nobelpreis müsste mal jemand kriegen!“ Als großes Ziel sieht Reich einen echten Durchbruch bei einer Volkskrankheit wie Alzheimer.