Berlin/Müncheberg - Auch wenn aktuell das kalte Märzwetter Stechmücken in die Winterquartiere zurückgetrieben hat, sind sie in diesem Jahr bereits ausgeschwärmt. Das bestätigt Doreen Werner, Biologin am Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (Zalf) in Müncheberg (Märkisch-Oderland), die im Februar schon etliche Exemplare in speziellen Fallen gefangen hat. „Mit steigenden Temperaturen werden sie aktiver. Wenn dazu noch viel Regen kommt, finden sie auch gleich die notwendigen feuchten Brutplätze für die Eiablage“, erklärt die Mückenexpertin.

Zunahme an Fällen des West-Nil-Fiebers

Der Biologin bereitet Sorge, dass einheimische Stechmücken zunehmend gefährliche Krankheitserreger übertragen. „Hätten wir keine Corona-Pandemie, würden wir mehr über die Zunahme an Fällen des West-Nil-Fiebers reden“, konstatiert sie. Erstmals 2019 hatte das Robert-Koch-Institut (RKI) fünf in Deutschland erfolgte Infektionen mit dem ursprünglich aus Afrika stammenden Virus diagnostiziert, bestätigt RKI-Epidemiologin Christina Frank. „Im vergangenen Jahr wurden bereits 20 Fälle des West-Nil-Fiebers gemeldet, darunter ein Todesfall. Wie schon 2019 waren Sachsen, Berlin und Sachsen-Anhalt betroffen.“

Der Klimawandel begünstige die Ausbreitung: Je höher die Temperaturen, umso schneller können sich Viren in der Mücke vermehren, die Gefahr einer Übertragung wächst. „Wird es also dieses Jahr wieder extrem warm, geht es möglicherweise richtig ab“, meint die Müncheberger Biologin. 

Das Virus, das laut RKI durch Zugvögel eingeschleppt wurde, zeige bei Menschen teilweise keine oder nicht eindeutige Symptome. Diese könnten von leichter Übelkeit und Kopfschmerzen über Fieber bis hin zu neurologischen Schäden reichen, erläutert Werner. Nur etwa einer von 100 Infizierten würde ein schweres Krankheitsbild entwickeln. Davon seien vor allem ältere Menschen betroffen.

Foto: dpa/Patrick Pleul
Doreen Werner, Biologin vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) am Institut für Landnutzungssysteme, AG Medizinische Entomologie, fängt Stechmücken in einem alten Eiskeller.

Mehr exotische, invasive Mückenarten

Weitere Gefahr ernsthafter Erkrankungen droht laut Werner durch exotische, invasive Mückenarten. „Die Asiatische Tigermücke, die Asiatische Buschmücke und die Aedes koreicus, auch Koreanische Buschmücke genannt, werden wir in Deutschland wohl nicht mehr ausrotten können“, konstatiert Werner. Diese drei Arten, die tropische Erreger wie Zika-, Chikungunya- oder Dengue-Viren übertragen könnten, würden sich unaufhaltsam in Deutschland ausbreiten.

Das RKI verweist jedoch darauf, dass mehrere Faktoren für eine Ausbreitung etwa des Dengue-Erregers nötig sind. In Deutschland kämen zwar regional zumindest theoretisch für dessen Verbreitung geeignete Mücken vor, schreibt es, „die hiesigen klimatischen Bedingungen sind jedoch für Übertragungen wenig geeignet“.

Einen vorbeugenden medikamentösen Schutz gegen Mücken und die durch sie übertragenen Krankheitserreger gibt es nach Ansicht der beiden Wissenschaftlerinnen nicht. Schutznetze vor den Fenstern und das Auftragen von Insektenschutzmitteln empfiehlt Frank vor allem älteren Menschen. Biologin Werner sieht einen Lösungsansatz auch in der Vermeidung von potenziellen Mücken-Brutplätzen. „Mit Wasser gefüllte Regentonnen sollten abgedeckt, Vogeltränken oder Blumenvasen mindestens einmal die Woche geleert werden“, empfiehlt sie. Ein oder zwei Grundstücke mit optimalen Bedingungen für Mücken reichten allerdings aus, um eine ganze Region zu verseuchen, macht die Mückenexpertin deutlich.