Jeder Zehnte bekommt bei diesem Anblick Bluthochdruck. 
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Berlin Mein Vater ist so gut wie nie zum Arzt gegangen. Natürlich nicht, weil er immer so gesund gewesen wäre. Auch nicht, weil er das gehabt hätte, was Fachleute den „Weißkittelbluthochdruck“ nennen, an dem etwa zehn Prozent aller Menschen leiden sollen. Was er hatte, war mehr als Herzrasen in Gegenwart von Medizinern. Es war Panik. Und daher ging er so lange nicht hin, bis er gebracht werden musste. (Nein, das wird keine schwarzpädagogische Struwwelpetergeschichte, lesen Sie ruhig weiter.)   

Also, man brachte ihn, und als er nach dem ersten Schlaganfall wieder in der Lage war, etwas zum Ausdruck zu bringen, wollte er vor allem die Klinik verlassen. Nach dem zweiten Schlaganfall nicht anders. Noch immer geht mein Vater nicht zum Arzt, sondern empfängt ihn jetzt umständehalber zu Hause, und das ist ihm interessanterweise besser erträglich. Diagnosestellung und Behandlung sind wohl nicht das Problem. Sondern  vielleicht die Szenerie, in die man in Arztpraxen gerät. Das Türenklappstück mit dem immer gleichen Personal und den chromblitzenden Requisiten. Und die eigene Rolle dabei, die zwar auf den Leib geschrieben ist, sich dem formenden Zugriff aber entzieht.  

Aus Gründen konnte ich in den letzten Wochen diesbezüglich Studien betreiben. Und stellte fest: Wie selbstbewusst man es trotz Malaisen zur Praxis auch geschafft haben mag – spätestens am Empfangstresen (das beliebteste Modell reicht den meisten Leuten bis zum Kinn) – wird man auch sozial zur Patientin, zur Duldenden, sich Geduldenden. Man kommt zu früh oder zu spät, steht zu nah, ist eine zu viel im Warteraum, macht Mühe (wo ist denn jetzt nur die Akte!), reagiert nicht gleich, wenn man vernuschelt ins Behandlungszimmer gerufen wird und hat immerzu das Gefühl, womöglich nur zu simulieren und echten Kranken die Kapazitäten zu klauen. 

Keine öffentliche Ansprache, keine Prüfung kann so unangenehm sein wie etwa ein Hörtest. War das ein Ton, war das keiner? Drückt man schnell genug auf den Knopf? Berechnen sie die Reaktionszeit mit, oder werden sie einen womöglich zu Unrecht als schwerhörig einstufen, womit endgültig das Alter begänne? Warum stellt man sich diese Fragen als Erwachsener, den sonst nichts erschüttern kann? Ist ein Arztbesuch keine Dienstleistung, bei der der Arzt zu liefern hat, nicht der Patient?  

„Wo arbeiten Sie denn?“, fragte Tage später der Orthopäde und blickte gleichmütig auf die Symptomliste. „Am Schreibtisch“, gab ich schuldbewusst zu und schob gleich hinterher, welchen Sport ich jedoch regelmäßig mache. „Sie haben nichts falsch gemacht“, beruhigte er mich, und mir blieb nichts übrig, als einen weiteren Punkt auf seinem Konto zu verbuchen. Und so weiter. „Tut das weh? Und das?“ Der Aufschrei machte ihn zufrieden, dachte er sich's doch, und auch ich war erleichtert, hurrah, ein Befund, doch nicht nur eingebildet oder umgekehrt unerkennbar unheilbar versehrt. 

Steht der Körper als Apparat zur Disposition, muss das Bewusstsein, das ihn zu steuern gewohnt ist, beiseitetreten. Kindheitsmuster der Bedürftigkeit und des Versorgtwerdens werden getriggert, des Bewertetwerdens, des Angewiesenseins. Wohnt im Wartezimmer die Wahrheit über das eigene Weltvertrauen? „Erkenne dich selbst“ steht über dem Tempel des Apollo in Delphi. Äskulap, der Gott der Heilkunst, ist sein Sohn.