Sabine Kroh kann ihren Beruf nicht loslassen. Auch nicht beim Pizzaessen.
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BerlinWir Hebammen haben kaum Zeit für regelmäßiges Essen. Egal, ob wir in der Klinik beschäftigt oder als Freiberuflerin unterwegs zu Hausbesuchen sind.

In der Klinik wird der Kaffee gern mal im Kreißsaal getrunken, oder der Happen Brot im Dienstzimmer in den Mund geschoben. Natürlich gibt es Zeit, eine Pause zu machen, aber ich kenne kaum eine Kollegin, die sich zwischen zwei Besuchen in Ruhe eine Stunde Mittagspause gönnt. Den Geschmack von kaltem Kaffee kenne ich seit dem ersten Ausbildungsjahr nur allzu gut.

In meinem Hebammen-Auto häufen sich leere Kaffeebecher, angebrochene Wasserflaschen und zerknüllte Bäckertüten. Der große Hunger kommt dann am späten Nachmittag.

Ich bin mit meiner Tochter in unserer Lieblingspizzeria in Prenzlauer Berg verabredet. Von weitem sehe ich eine junge Mutter mit ihrem Kinderwagen hereinkommen. Um diese Zeit gibt es hier viele freie Plätze. Zielstrebig steuert sie unseren Tisch an und nimmt Platz.

Sie sieht erschöpft aus, ihr Baby schläft friedlich im Wagen. Mir ist sofort klar, dass sie Kontakt sucht. Schnell breitet sie ihre Mamautensilien auf der noch freien Tischplatte aus. Es dauert keine zehn Minuten, dann muss auch das Baby aus seinem Wagen raus. Da das Kind dadurch geweckt wird, äußert es sein Unwohl mit lautem Geschrei. Während meine Tochter aus ihrem Schulalltag plaudert, beobachte ich aus dem Augenwinkel die junge Mutter am Tisch.

Nun kommt der Kellner und möchte ihre Bestellung aufnehmen. Das gestaltet sich in dieser Lautstärke mit einem schreienden Baby schwierig. Der italienische Kellner nimmt es locker und lächelt das kleine Bambino verzaubert an.

Nein, ich sage jetzt nichts. Nein, ich habe Feierabend, und es geht mich wirklich nichts an.

Ich bin erleichtert, als unsere Pizza kommt. Endlich wird auch das Baby gehört. Die junge Mutter packt ihren Busen aus und legt ihr Kind auf den Tisch. Mutter und Kind finden zusammen, es folgt endlich eine gesegnete Ruhe. Beim Zerteilen meiner Pizza fällt mir jetzt auf, dass der Abstand zwischen ihrer Brust, dem Babyköpfchen und meiner Pizza maximal zehn Zentimeter beträgt. Sage ich jetzt doch was?

Ich entscheide mich für die Toleranz. Im Inneren führe ich aber nichtsdestotrotz einen Kampf zwischen   meinem Hebammenherzen und dem Herz der ganz normalen Restaurant-Besucherin, die verdammt noch mal keine fremde Brust auf der Pizza haben will. Auch nicht meine eigene. Und ich liebe die „Tischstillvariante“. Toll. Dem Baby ist das alles herzlich egal. Die Muttermilch läuft in dünnem Rinnsal in Richtung meiner Pizza.

Jetzt reicht es mir. Ich habe Feierabend und will weder Brust noch Milch auf meiner Pizza, Hebamme hin oder her. Ich bin vorsichtig und lächle sie erst einmal an. Dann schnurre ich weichen Tones in ihre Richtung und bitte sie, das Baby und ihre Brust doch etwas zur Seite zu nehmen. Dabei schaue ich ihr freundlich in die Augen. Sie holt tief Luft und keift mich an, ob ich etwas dagegen hätte, dass sie ihr Baby stillt. Wenn ich jetzt eine Diskussion über das Stillen auf anderer Leute Pizza anfange, kann daraus nichts Gutes werden.

Prompt schaltet sich meine Tochter ein. Ich sei Hebamme, sagt sie der Frau stolz, ich könne ihr gute Tipps geben. Nein!, bitte nicht auch das noch, denke ich. Ich will doch einfach nur in Ruhe essen. Die Frau hält erstaunt inne.

Ach interessant, Hebamme, toll, da könnte sie mir doch gleich ein paar Fragen stellen, wenn wir gerade hier so gemütlich zusammensitzen, oder?

Nein, kann sie nicht, denke ich. Und dass ihrem Baby das Stillen in mehr Ruhe und ohne Knoblauchpizza-Geruch auch bestimmt besser gefallen würde.

Dann stehle ich mich elegant aus unserer kleinen Pizza-Stillberatung, mit dem Hinweis, ich müsste ja noch zu einem Besuch. Ich zahle heute auch gern direkt am Tresen.