Berlin/Washington - Es mag zunächst wie eine biblische Plage klingen, aber in Wirklichkeit sind diese Insekten harmlos: Im Osten der USA kriechen derzeit Milliarden Zikaden aus dem Boden – ein beeindruckendes Naturspektakel, das so nur alle 17 Jahre vorkommt. Die Zikaden der sogenannten Brut X gehen mit ordentlich Lärm, der irgendwo zwischen ohrenbetäubendem Zirpen und Rasenmähen verortet werden kann, auf Partnersuche. Viele Menschen beobachten die Ankunft der Zikaden fasziniert, andere können ihren Ekel kaum unterdrücken. 

Dabei muss man den zu den Schnabelkerfen gehörenden Insekten höchsten Respekt zollen für ihre lebenssichernde Strategie, die sie seit Millionen von Jahren erfolgreich anwenden. Mit ihrem massenhaften Auftreten stellen sie sicher, dass es nicht genug natürliche Feinde gibt, um sie alle zu fressen, erklärte Floyd Shockley vom Naturkundemuseum Washington gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. „So überlebt vielleicht nicht jedes Individuum, aber jede Population und jede Art – und das scheint für die Zikaden gut zu funktionieren.“

Dieser Tage beginnt für die an Pflanzen saugenden Insekten, die auf der ganzen Welt zu Hause und von denen weit mehr als 45.000 Arten beschrieben sind, die große Paarungsorgie. Die Singzikaden der Gattung Magicicada, um die es sich an der US-amerikanischen Ostküste handelt, schlüpfen gleichzeitig und leben dann nur einige Wochen allein mit dem Ziel sich fortzupflanzen. Die Männchen produzieren die artspezifischen Gesänge, die durch die schiere Masse zu Chören werden und paarungsbereite Weibchen anlocken sollen. Nach der Paarung sterben die Männchen, die Weibchen leben noch lange genug, um Eier in die Rinde lebender Zweige zu legen. Im Spätsommer schlüpft das erste Larvenstadium, fällt zu Boden und gräbt sich ein. 17 Jahre lang verbringen die Larven nun in der Erde und saugen an Wurzeln, bis es wieder so weit ist und das große Spektakel von vorn beginnt.

Zikaden als Symbol der Wiederauferstehung mit der Kraft der Unsterblichkeit

Schon die Ureinwohner beobachteten das periodische Wiederkehren der Zikaden mit einiger Faszination. Die Hpoi-Indianer in Arizona sahen den Lebenszyklus der Singzikaden als Wiederauferstehung und sprachen ihnen die Kraft der Unsterblichkeit zu. Die ersten europäischen Siedler hingegen fühlten sich eher an Heuschreckenplagen erinnert und verbanden das Schauspiel mit angsteinflößenden Szenarien. Dabei sind periodische Zikaden für Tier und Mensch völlig harmlos. Sie können weder stechen noch übertragen sie Krankheiten.

Auch heute noch bietet das regelmäßige Schauspiel eine große Anziehungskraft für Touristen und Journalisten, wenn um einen Baum herum aus bis zu 40.000 Löchern die Larven aus dem Boden kriechen. 

AP/Julio Cortez
Endlich raus: Eine Zikade versucht, sich von ihrer Nymphenhülle zu befreien.

Auf Twitter und Facebook posten derzeit zahlreiche Ostküstenbewohner der Vereinigten Staaten die lautstarken Zikadenkonzerte aus Parks und Gärten. In Georgia kam es zu vermehrten Notrufen bei den Behörden – etliche Bürger hatten wohl die Geräusche der Insekten mit dem Auto- oder Hausalarm verwechselt. 

Unter dem Posting der Behörde schrieb ein Facebook-Nutzer über die Zikaden: „Das Geräusch erinnert mich an die Soundeffekte in sehr alten Science-Fiction-Filmen.“ Ein anderer Nutzer stimmte zu und verwies auf die Science-Fiction-Serie „The Invaders“ aus den 60er-Jahren. „Die Zikaden klingen wie die fliegenden Untertassen, die in der Sendung zur Landung ansetzen“, schrieb er in die Kommentarspalte.

Die Zikaden der sogenannten Brut X können mit ihrem Lärmpegel leicht 90 Dezibel und mehr erreichen. Obwohl alle Zikadenarten Schall- oder Erschütterungswellen zur Kommunikation von sich geben, sind nur die Männchen der Singzikaden in der Lage, von Menschen hörbare Laute zu produzieren, so auch die Arten der Gattung Magicicada. Dazu besitzen sie ein eigenes Trommelorgan (Tymbal) am Beginn des Hinterleibes.

Experten erwarten zum Höhepunkt Milliarden der Insekten in 15 US-Bundesstaaten. Das Brut-X-Zentrum liegt in diesem Jahr rund um die US-Hauptstadt Washington. Dort hat vermutlich ungewöhnlich kaltes Wetter das ursprünglich bereits für Mitte Mai erwartete massenhafte Auftreten der Insekten verzögert. Die Zikaden kriechen erst aus der Erde, wenn sich der Boden auf etwa 18 Grad erwärmt.