Ich ernähre mich seit einem Jahr komplett vegan. Auf Kuhmilch und Joghurt konnte ich aufgrund der vielen Ersatzangebote wie Reis-, Hafer-, Soja- oder Mandelmilch und den verschiedenen Sojajoghurts schon vor längerer Zeit verzichten. Fleisch esse ich schon fast zehn Jahre nicht mehr. Aber Käse habe ich immer geliebt.

Als ich noch vegetarisch gelebt habe, hatte ich in den letzten Jahren immer öfter das Gefühl, dass mein Lebensstil nicht viel besser ist als der von Menschen, die Fleisch essen. Auch der Verzehr von Käse kann zur Tierquälerei beitragen - Kühe werden beispielsweise immer wieder geschwängert, um Milch geben zu können. Die Kälber werden dann häufig von ihren Müttern getrennt, ein Gedanke, der mir als Mutter selbst besonders weh tut.  Denn die Muttermilch der Kuh wird an Menschen verkauft.

Obwohl ich mich mit diesen Gedanken unwohl fühlte, nahm ich ich sie einige Zeit ganz bewusst hin, weil ich mir nicht vorstellen konnte, auf Käse zu verzichten. Dabei ist er gar nicht so lecker, wie ich damals dachte. Aber dazu später - im Folgenden möchte ich aufschreiben, welche zehn Gründe, mich schließlich dazu bewegt haben, Veganerin zu werden. Und es zu bleiben. 

Ich möchte nicht mehr für Tierleid verantwortlich sein

Ich möchte die Massentierhaltung nicht unterstützen und auch keine andere Tierhaltung, deren Rahmenbedingungen und Einhaltung für mich nur schwer nachvollziehbar sind. Selbst wenn ich Bio-Milch kaufe statt der herkömmlichen Milch, weiß ich nicht, wie es den Kühen in dem jeweiligen Betrieb wirklich geht.

Dass sie - wie auf den Verpackungen abgebildet - glücklich auf einer großen Weide bei Sonnenschein Gras fressen, möchte man gerne glauben. Aber nicht alles lässt sich für den Konsumenten wirklich sicher überprüfen. Seit ich mich vegan ernähre, habe ich das Gefühl, aus diesen Prozessen, die viel Leid verursachen, ausgestiegen zu sein.

Ich leiste einen wichtigen Beitrag zum Umweltschutz

Im vergangenen Jahr wurde eine große Studie der Oxford University veröffentlicht, die wohl nicht nur mich, sondern auch andere vegan lebenden Menschen sehr motiviert hat. Der Studienleiter Joseph Poore sagte, dass die vegane Ernährung wohl der größte Beitrag sei, den eine einzelne Person zum Umweltschutz leisten könne.

Laut Poore werden durch die vegane Ernährung „nicht nur Treibhausgase reduziert, sondern auch die Versäuerung der Böden, die Eutrophierung (Anm.: Führt zu toten Gewässern), die Nutzung von Landflächen und Wasser für Nahrungsmittel.“

Ich entdeckte gesunden Schokoladenkuchen und andere Köstlichkeiten

Um mich nicht nur vegan, sondern auch gesund zu ernähren, greife ich fast nie auf vegane Fertigprodukte zurück. Sie sind oft genauso ungesund wie alle industriell hergestellten Nahrungsmittel mit tierischen Bestandteilen. Darum hielt ich insbesondere am Anfang die Augen nach veganen Rezepten offen und probierte mich durch völlig neue Kochstile.

Seitdem püriere ich mein Hummus selbst, backe gesunde vegane Crêpes, mache Schokoladenpudding aus Seidentofu und koche die leckersten Suppen. Inspirationen finden sich auf zahlreichen Vegan-Blogs wie „Eat This“ oder „Vegan Guerilla“. Bei Instagram hilft die Suche unter Hashtags wie #vegan oder #plantbased. Und hier ist eines meiner Lieblingsrezepte:

Käse ist gar nicht so lecker wie ich dachte

Vor kurzem erschien das Buch „Raus aus der Käsefalle“ von Bestseller-Autor und Medizin-Professor Neal Barnard aus den USA. Er sagt, Käse mache nicht nur „dick und krank“, sondern auch süchtig. Letzteres liege an den enthaltenen opiatähnlichen Casomorphinen. Sie führen zu einer Dopaminfreisetzung im Gehirn – und von diesen Glücklichmachern wolle der Mensch immer mehr.

Die Behauptung von Neal Barnard ist nicht belegt, jedoch erinnere ich mich noch an den Geschmack von Käse und denke nach einem Jahr als Veganerin, dass er gar nicht so besonders war. Ich musste es nur schaffen, ihn mir abzugewöhnen. Heute vermisse ich Käse kein Stück.

Ich nutze meine Stimme zur Ernährungsgerechtigkeit

Wussten Sie, dass eine Ackerfläche so groß wie die USA, China, die EU und Australien frei würde, wenn alle Menschen sich vegan ernährten? So viel wird nämlich für die Tierzucht verwendet. Das erscheint mir empörend, wenn ich mir überlege, wie viele Menschen Hunger leiden, während in ihrem eigenen Land große Flächen und Unmengen an Wasser für den Anbau von Soja als Tierfutter und die Tierhaltung genutzt werden. Für mich ist es eine Ungerechtigkeit, dass reiche Bevölkerungsgruppen schlemmen können und in Folge dessen arme Bevölkerungsgruppen verhungern müssen - darunter viele Kinder.

Oft wird argumentiert, dass ich doch auch Soja esse und dafür ebenso Regenwälder abgeholzt werden. Das ist falsch. Das Soja, das zum Beispiel zu Tofu verarbeitet wird, stammt fast ausschließlich aus Deutschland, Österreich und Frankreich - fair gehandelt.

Ich genieße erst jetzt so richtig mein Essen

Seit ich mich vegan ernähre, genieße ich mein Essen ohne ein schlechtes Gewissen. Dass ich eines hatte, habe ich aber erst gemerkt nachdem es weg war. Vegan zu essen fühlt sich rundherum gut an. Kein Tier musste leiden, die Lebensmittel sind meist vollkommen gesund für mich und es zieht mich nicht mehr so runder wie früher.

Kennen Sie das schwere Gefühl, nachdem Sie viel Käse oder Fleisch oder etwas mit viel Sahne gegessen haben? Ich kenne es auch noch aus meiner Erinnerung, aber seit ich mich vegan ernähre, war es schlagartig weg. Ich merke, dass mein Bauch voll ist, aber ich fühle mich ebenso lebendig wie vor dem Essen.

Ich habe reinere Haut

Seit ich mich vegan ernähre, habe ich keine Probleme mehr mit Hautunreinheiten. Ich hatte schon vor Jahren bemerkt, dass ich zu Pickeln neige, sobald ich sehr viel Käse oder mal sehr viel Zucker esse. Als ich noch Fleisch aß, war ich fast noch in der Pubertät – darüber möchte ich also nicht urteilen. Aber dass meine vegane Ernährungsweise mein Hautbild verbessert hat, kann ich guten Gewissens sagen.

Kein Wunder, denn ich esse fast nur Lebensmittel, die für den menschlichen Körper gesund sind: Nüsse, Hülsenfrüchte, Obst, Gemüse, Getreide, Kerne, Sojaprodukte, Wurzeln, Gewürze usw. Wer vegan isst, aber nur auf Fertigprodukte und zuckerhaltige Lebensmittel zurückgreift, wird sicherlich trotzdem noch Hautprobleme haben.

Vogelgrippe, verseuchtes Fleisch – betrifft mich nicht

Gammelfleisch, BSE, Salmonellen in Käseprodukten – in regelmäßigen Abständen lese ich von neuen Fleischskandalen und Rückrufen. Mittlerweile interessieren sie mich nicht mehr. Ich weiß, dass ich mir keine Sorgen zu machen brauche.

Die Tierschutzorganisation Peta führt übrigens eine erschreckend lange Liste über Lebensmittelskandale.

Der Schritt zur veganen Ernährung fühlte sich richtig an

Als ich damals noch Fleisch gegessen habe, hatte ich ein schlechtes Gewissen mit all meinem Wissen um die Tierzucht und -tötung. Als ich mich vegetarisch ernährt habe, bekam ich irgendwann ein Gefühl dafür, dass auch die vegetarische Ernährung nicht der richtige Weg ist. Denn wer Milchprodukte verzehrt, ist immer noch Teil einer ausbeuterischen Produktionskette.

Auch die vegane Ernährung kann ausbeuterisch sein, wenn die Lebensmittel nicht fair und umweltfreundlich produziert werden. Darum setze ich mittlerweile auf möglichst regionale, saisonale, verpackungsarme und fair produzierte Lebensmittel. Es fühlt sich gut an, konsequent zu handeln, nachdem ich gelernt hatte, was für die Umwelt und mich das Beste ist.

Vegan zu leben ist der Weg – und nicht das Ziel

Ich habe schon ein paar Mal „gesündigt“ seit ich vegan lebe. Ich habe zwei Mal die Käsestulle meines Kindes aufgegessen, weil der Mülleimer für mich die schlechtere Alternative war. Und ich habe zu Weihnachten Lachs gegessen, weil meine Familie nicht vegan lebt und ich mir kein eigenes Essen mitgebracht hatte. Vegan zu leben hat für mich viel mit Frieden und Empathie zu tun. Wenn ich in Frieden und Empathie mit Tieren leben möchte, dann sollte ich das auch mit mir selbst können.

Diese Situationen, in denen ich tierische Lebensmittel gegessen habe, haben keinen Vorsatz zerstört und mich nicht wieder auf ein niedrigeres „Level“ gebracht. Sie haben mir auch keinen Titel „Veganerin“ aberkannt. Vegan zu leben ist ein Weg, den man zu jedem Zeitpunkt freiwillig wählt. Es gibt Momente, in denen man keine vegane Alternative sieht und tierische Produkte konsumiert. In solchen Momenten bin ich nachsichtig zu mir und freue mich auf die nächste Möglichkeit, es besser zu machen.

Anne Dittmann ist Redakteurin bei der Berliner Zeitung. Seit 2015 versucht sie, ihren Alltag möglichst nachhaltig zu gestalten. Hier berichtet sie regelmäßig über ihre Erfahrungen und gibt Tipps zu Themen wie Plastikmüllvermeidung, vegane Ernährung und einen nachhaltigen Konsum.