Verlockender Anblick: Alkoholsucht ist größtenteils erlernt. 
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LondonDas Narkosemittel Ketamin kann womöglich bei der Behandlung von Alkoholabhängigkeit helfen. Es behindert das Abspeichern von Erinnerungen, die bei Menschen mit problematischem Trinkverhalten die Lust auf Alkohol und den Griff zum Glas anregen. Nach einer entsprechenden Behandlung hätten ihre Versuchspersonen für mehrere Monate nur noch die Hälfte ihrer sonst üblichen Menge Alkohol getrunken, berichten Wissenschaftler aus Großbritannien und den Niederlanden im Fachmagazin Nature Communications.

Alkoholabhängigkeit und andere Formen der Sucht seien zu einem wesentlichen Teil erlernt, erläutert das Team um Ravi Das vom University College London. „Im Grunde kapert die Droge das Belohnungszentrum im Gehirn, so dass am Ende bestimmte Reize mit der Droge assoziiert werden“, so Ravi Das. Anblick oder Geruch eines Bieres reichten aus, um drängendes Verlangen danach hervorzurufen. Sobald diese Assoziationen etabliert seien, sei es sehr schwer, neue und gesündere zu lernen.

Ketamin blockiert einen Rezeptor im Gehirn

Das Team untersuchte, inwieweit sich das Suchtgedächtnis mit pharmakologischer Hilfe im Gehirn löschen lässt. Grundsätzlich möglich sei das, wenn Erinnerungen reaktiviert und neu abgespeichert werden,  Rekonsolidierung genannt. Während dieser Zeit sind die Erinnerungen vorübergehend instabil. Zur neuerlichen Verfestigung ist eine Kaskade von Signalprozessen in den Gehirnzellen nötig, bei denen der sogenannte NMDA-Rezeptor eine wichtige Rolle spielt. Ketamin blockiert diesen Rezeptor.

Die Idee: Reaktiviert man die Erinnerungen und verabreicht dann Ketamin, wird das erneute Abspeichern und damit die Verfestigung der Erinnerung gestört – die unguten Assoziationen werden geschwächt. Erinnerungen destabilisieren  An dem Experiment nahmen 90 Erwachsene teil, die alle ein problematisches Trinkverhalten hatten, aber keine formale Diagnose als Alkoholiker. Sie tranken bevorzugt Bier, pro Woche etwa 30 Pints (ein Pint entspricht 0,57 Liter) – fünfmal so viel, wie als unbedenklich gilt.

Die Probanden bekamen am ersten Tag ein kleines Bier und die Auskunft, dass sie es trinken dürften, sobald sie ein paar Fragen beantwortet hätten. Sie sahen dann Bilder von alkoholischen oder nicht alkoholischen Getränken und mussten angeben, wie stark ihr Wunsch zu trinken war. Auf diese Weise aktivierten die Forscher mit Alkohol verbundene Erinnerungen.

Anschließend durften die Probanden das Bier trinken – und sollten angeben, wie gut es ihnen geschmeckt hatte. Am nächsten Tag war das Vorgehen zunächst gleich. Allerdings wurde das Bier den Probanden dann überraschend weggenommen. Der Entzug der erwarteten Belohnung destabilisiert nach bisherigem Wissen die entsprechenden Erinnerungen.

Ein Drittel der Versuchsteilnehmer bekam dann eine Dosis Ketamin verabreicht. Eine zweite Gruppe bekam ein Placebo. Eine dritte bekam ebenfalls Ketamin, allerdings wurde ihnen zuvor nur Orangensaft gezeigt und weggenommen, kein Bier. Gut eine Woche später wiederholten die Forscher das Vorgehen von Tag 1.

Effekt noch nach neun Monaten messbar

Dabei zeigte sich, dass die Ketamin-Gruppe, deren Alkohol-Erinnerungen die Forscher zuvor per Bier-Entzug destabilisiert hatten, ein deutlich geringeres Verlangen nach Alkohol hatte als zuvor. Die Probanden gaben an, weniger und an weniger Tagen der Woche getrunken zu haben - ein Effekt, den die Forscher noch neun Monate später feststellen konnten.

Im Schnitt habe sich ihr Alkoholkonsum halbiert. Auch die Teilnehmer der Kontrollgruppe und der «O-Saft-Ketamin-Gruppe» tranken weniger. Der Effekt war allerdings nicht so ausgeprägt. Die Befunde eröffneten völlig neue Behandlungsmöglichkeiten für Sucht und stellten zudem wichtige neurobiologische Angriffspunkte für die Entwicklung neuer Medikamente zur Behandlung der Sucht dar, kommentiert Ben Becker von der University of Electronic Science and Technology in Chengdu, China.

Weitere Studien erforderlich

Allerdings ließen die vorhandenen Daten noch viele Fragen offen, betont Matt Field von der University of Sheffield. Weitere Untersuchungen mit größeren Teilnehmerzahlen seien nötig, bevor man den Erfolg der Methode beurteilen könne.

Deutsche Experten bewerten die Untersuchung als interessant und als vielversprechenden Ansatzpunkt für weitere Forschung. "Die Studienergebnisse sind beeindruckend, auch da es sich um Personen mit Risikokonsum, aber ohne Therapiewunsch handelt", sagt etwa Suchtmediziner Oliver Pogarell vom Klinikum der Universität München. Es bleibe aber derzeit offen, ob die Ergebnisse auch auf Menschen mit tatsächlicher Abhängigkeit übertragbar seien. (dpa/fwt)