Kawe - „Was, die Elefanten sind schon wieder da? Wie viele?“, fragt Thomas Mouronga Hamutenya. Er muss in sein Handy schreien: Es ist laut im einst so beschaulichen Dorf Kawe, wo der 37-Jährige in einem Maisfeld steht. Um ihn herum Lastwagen, Zäune, Generatoren. Nur wenige Meter entfernt flattern einträchtig eine namibische und eine kanadische Flagge nebeneinander an einem weiß-roten Metallturm. Seit die kanadische Firma ReconAfrica hier im Norden Namibias nach Öl sucht, ist nichts mehr wie sonst. Kawe liegt in der Region Kawango in dem geplanten Naturpark KaZa, der einmal Gebiete in Namibia, Angola, Botsuana, Sambia und Simbabwe umfassen soll – einem Naturparadies mit Elefanten, Nilpferden, Löwen, Antilopen und seltenen Fischadlern.

KaZa – die Kavango-Zambezi Transfrontier Conservation Area – gilt als Afrikas Eden. Für den WWF ist der sich über 520.000 Quadratkilometer erstreckende Park eines der „größten Land-Schutzgebietsnetzwerke der Erde“ und vor allem deswegen ein Modellprojekt, „weil es Naturschutz mit Armutsbekämpfung verbinden kann“. Die deutsche Förderbank KfW, die mehrere Millionen Euro an Steuergeld für den Aufbau des Parks und der damit verbundenen Tourismusbranche bereitgestellt hat, nennt es eine „Arche Noah“.

Mehrere Milliarden Barrel Rohöl vermutet

Und nun wird hier nach Öl gesucht. ReconAfrica vermutet dort ein Reservoir, in dem mehrere Milliarden Barrel Rohöl (ein Barrel sind 159 Liter) schlummern: mehr noch als in Saudi-Arabiens größtem Ölfeld. Die kanadische Firma hat in Namibia und Botsuana eine Lizenz für ein 35.000 Quadratkilometer großes Explorationsgebiet erworben und genießt volle Unterstützung der Regierungen beider Länder.

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Das Bohrloch in Kawe: Die kanadische Firma ReconAfrica in Namibia und Botsuana die Lizenz für ein 35.000 Quadratkilometer großes Explorationsgebiet erworben.

Die Entrüstung unter Naturschützern könnte jedoch kaum größer sein. „Wenn man sich überlegt, welche Auswirkungen kommerzielle Ölförderung auf die Menschen, die Umwelt und unser Wasser hier haben würde, dann sollte ein derartiges Projekt nie erlaubt werden“, meint Ina Maria Shikongo von Fridays for Future in Namibia. Das sieht man bei ReconAfrica dagegen ganz anders: „Wir glauben, es gibt eine gute Chance hier Gesteinsschichten zu finden, in denen Öl und Gas lagern“, sagt Geschäftsführer Scot Evans. Dafür hat seine Firma eine Bohrinsel aus Texas nach Kawe gebracht. Per Schiff – und dann auf engen, holprigen Pisten: ein echtes Abenteuer, auch für die Anwohner.

Denn entgegen geltender Vorschrift wurden sie vor den Testbohrungen nicht nach ihrer Meinung gefragt. „Ich bin der Vorsitzende des Schutzgebietes hier und als solches verantwortlich für die natürlichen Ressourcen“, sagt Hamutenya und meint empört: „Man hätte mich konsultieren müssen.“ Elefanten im Maisfeld? Ja, damit kann er umgehen. Aber Kanadier, die nach Öl suchen?

Verseuchung des Grundwassers befürchtet

Kawe ist die erste von zwei Bohrstellen, die Namibias Regierung genehmigt hat. Die zweite – Mbambi – steht bereit und liegt mitten in Kapinga KaMwalye, jenem Schutzgebiet, dem Hamutenya vorsteht. Er fand nur zufällig heraus, dass ReconAfricas Bohranlage als nächstes nach Mbambi kommen wird. Seitdem ist das zweite, fußballfeldgroße Gelände abgeholzt und begradigt worden. Bis zu 3,8 Kilometer tief wird laut Geschäftsführer Evans in die Tiefe gebohrt: ein Rekord hier im Kawangobecken.

Schlampige Arbeit könnte zur Verseuchung des Grundwassers führen. „Die Gefahr besteht – denn sie bohren, wo noch nie jemand gebohrt hat“, sagt Geologe Roger Swart, Ex-Direktor der Nationalen Petroleum Corporation von Namibia. Viele der 200.000 in der Region lebenden Menschen hängen ausschließlich von Grundwasser-Brunnen ab.

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Aktivisten von „Fridays for Future“ demonstrieren in Windhuk, der Hauptstadt Namibias, gegen die Ölsuche: Die Anwohner wurden nicht gefragt.

Die Frage, die im Raum steht: Ist es da sinnvoll, in einem sensiblen Naturgebiet Afrikas ein neues, riesiges Ölfeld zu öffnen, wenn weltweit über Klimarettung und den Ausstieg aus der Nutzung fossiler Rohstoffe nachgedacht wird? ReconAfrica-Chef Evans bejaht das: „Ich finde, das ergibt viel Sinn; es ist eine logische Konsequenz für ein Land wie Namibia.“ Das Ende der Nutzung fossiler Energien sei längst nicht erreicht, betont er.

Manche Geologen in Namibia glauben nicht, dass ReconAfrica Öl finden wird. „Mich würde es überraschen“, sagt Swart. „ReconAfrica missachtet viele Beweise, die zeigen: Das Kawango ist kein ehemaliges Meeresbecken.“ Ohne frühere Meere, Seen oder Sümpfe aber kein Öl. Und wenn doch? „Falls die Kanadier doch Öl finden, müssen wir vorbereitet sein“, erklärt Chris Brown von der namibischen Umweltkammer NCE, einem Zusammenschluss von Industrie und Umweltschutzvertretern.

Elefanten lassen sich nicht steuern

Die Firma hat derzeit nur eine Lizenz für Testbohrungen. Sollte sie fündig werden, müsste die Ölförderung erst von der namibischen Regierung genehmigt werden. Die Firma würde dann die Lizenzrechte wahrscheinlich an größere Unternehmen verkaufen. Und die würde Namibias Regierung wohl kaum abweisen. „Sie diskutieren nicht die Konsequenzen der derzeitigen Testbohrungen“, rügt Brown. Noch nie sei das komplette Projekt mit der Öffentlichkeit diskutiert worden. „Wenn Öl gefunden wird, wie wird es gefördert?“, fragt er. „Es ist so, als nähme man die Atombombe und sagt: Macht Euch keine Sorgen, wir bauen jetzt erst mal ein Gefäß, und dann tun wir da etwas hinein, dann wird es in ein Flugzeug gebracht – niemand spricht mit uns über das Endergebnis.“

Foto: Imago/Thomas Imo
Der damalige Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel besuchte 2013 den sambischen Teil des Nationalparks KaZa – hier mit Tourismusministerin des Landes, Sylvia Masebo.

ReconAfrica-Chef Evans dagegen verweist darauf, dass man sich mit diesem Projekt „viel Zeit“ nehmen werde. Und er beruhigt Tierschützer: „Meiner Meinung nach schließen sich Ölbohrungen und Tierschutz nicht gegenseitig aus.“ Im Westen Kanadas würden doch auch Tourismus, Wirtschaft und Ölförderung koexistieren. Die Firma habe zudem nun eine Studie in Auftrag gegeben, um zu schauen, wie viele Elefanten sich wirklich nahe der Bohrstellen befinden. Evans: „Meine Information ist: Die meisten sind eh schon gewildert.“

Die meisten Elefanten leben in der Tat weiter nördlich, entlang des Okawango-Flusses, und vermeiden Farmland. Beliebte Migrationsrouten befinden sich südlich der jetzigen Bohrstellen. Doch Elefanten lassen sich nicht steuern. Und das ist ja auch der eigentliche Zweck des großen KaZa-Naturparks: den Dickhäutern Bewegungsfreiheit zu erhalten. „Elefanten kommen immer wieder in unser Schutzgebiet“, sagt auch Thomas Mouronga Hamutenya. Er fährt nach dem Telefonat zu einem Feld, wo Dorfbewohner acht Elefanten entdeckt haben. Tiefe Spuren im Boden haben sie hinterlassen – 20 Kilometer vom Bohrturm in Kawe entfernt.