Berlin/London - Es ist schon eine Weile her, dass man erstmals das Bild eines Raben im Londoner Tower sah. Man schrieb das Jahr 1883, als in der Broschüre „The Pictorial World on the Tower of London“ eine Zeichnung der Kapelle im Tower abgebildet war – mit einem schwarzen Vogel als dekorativem Element. Die erste gesicherte schriftliche Erwähnung der Tower-Raben stammt aus dem Ende des 19. Jahrhunderts: In der Zeitschrift Royal Society for the Prevention of Cruelty to Animals wurden zwei Raben erwähnt, die eine Hauskatze belästigt hätten. Warum genau man die Kolkraben in die berühmte Ringburg am Nordufer der Themse holte, ist nicht bekannt. Denkbar wäre der Wunsch nach einem außergewöhnlichen Haustier, aber auch eine gewisse dramatische Symbolik, die der Tourismusindustrie zugute kommen sollte.

Fest steht: An einem Ort, der als Gefängnis und Ort der Hinrichtung bekannt ist, wurden die Raben schnell zum Symbol für den düsteren Charakter des Gebäudes. Über die Jahre spannen sich hübsche Legenden um die Tiere – wie etwa jene, dass das Vereinigte Königreich untergehe, wenn weniger als sechs Raben im Tower wohnen. Entsprechend groß war die Aufregung, als im Januar – kurz nach dem Brexit und auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie – plötzlich ein Rabe verschwand und mithin nur sieben Vögel im Tower verblieben. Nur noch ein Rabe auf der Ersatzbank: Holy Moly!

Und so dürfte es doch zumindest abergläubische Gemüter beruhigen, dass die berühmte Londoner Sehenswürdigkeit zwei gefiederte Neuzugänge zu verzeichnen hat. Der jüngste heißt Branwen, wie der Tower am Mittwoch auf Twitter mitteilte. Der Name geht zurück auf eine Figur aus der mittelalterlichen keltischen Mythologie von Wales und dürfte so viel wie „Weißer Rabe“ oder auch „Gesegneter Rabe“ bedeuten. 

Außerdem wohnt auch noch Branwens Bruder Edgar im Tower, benannt nach dem Dichter Edgar Allan Poe. Der Amerikaner hatte ja seinerzeit dem ikonischen Vogel ein ganzes Gedicht gewidmet, in dem er in 108 Versen den mysteriösen, mitternächtlichen Besuch eines Raben bei einem Verzweifelten schilderte, dessen Geliebte verstorben ist. Von daher passt die Namenswahl quasi wie die Faust aufs Auge.

Im dazugehörigen Videoclip des Towers zeigten die Kolkraben-Geschwister ansonsten, dass sie ganz normale Vertreter ihrer Art sind: Sie schnäbelten vergnügt, gaben eine Krächzprobe und verschlangen das ein oder andere Mäuschen. Neben den beiden Neuzugängen leben nun mit den angestammten Vögeln Jubilee, Harris, Gripp, Rocky, Erin, Poppy und Georgie insgesamt neun Raben im Tower. Der Untergang des Vereinigten Königreichs ist damit wieder ein Stückchen unwahrscheinlicher geworden.

AFP/Justin Tallis
Ganz normale Vertreter ihrer Art: Rabe Rocky verspeist während der Zeremonie eine Maus.

Und so zeigte sich auch Rabenmeister Christopher Skaife hoch erfreut: Der in einer öffentlichen Abstimmung ermittelte Name für den jüngsten Vogel wurde begleitet von einer Zeremonie und Trompetenstößen verkündet. Es dürfte bei diesem Pomp auch die Erleichterung über andere Umstände mit hineingespielt haben: Seit Montag können auch wieder Besucher die Vögel betrachten und den Tower besichtigen, nachdem die Corona-Vorschriften nach Monaten gelockert wurden.