Berlin - Heißes Wasser strömt auf das braune Pulver, der Duft verbreitet sich im Raum. Dann das Geräusch, wenn der Kaffee in die Tasse fließt. Schon allein der Gedanke stimuliert die Sinne und lässt die Müdigkeit verschwinden. Das stimmt tatsächlich, wie Wissenschaftler herausbekommen haben. Der Placebo-Effekt wurde in einer Studie der Monash University in Australien und der University von Toronto in Kanada nachgewiesen.

871 regelmäßige Kaffeetrinker mussten für die Untersuchung intensiv an Kaffee denken und sich Werbeslogans für das Getränk ausdenken. Allein dadurch steigerte sich ihre Herzfrequenz und sie fühlten sich wacher. „Wenn man den Geruch von Kaffeesatz riecht oder sogar kaffeebezogene Hinweise in Form von Werbung sieht, kann das die chemischen Rezeptoren in unserem Körper so weit triggern, dass wir die gleichen Erregungsempfindungen auch ohne Konsum erhalten“, so Studienautor Eugene Y. Chan.

Kaffee gehört weltweit zu den beliebtesten Getränken. Allein in Deutschland lag der Pro-Kopf-Konsum im vergangenen Jahr bei 168 Liter. Immer wieder wird in wissenschaftlichen Untersuchungen der Frage nachgegangen, wie gesund oder auch ungesund das beliebte Getränk ist.

Mehr als 1000 biochemische Verbindungen

In den gerösteten Bohnen stecken mehr als 1000 Substanzen. Einige können therapeutische antioxidative, entzündungshemmende oder gar krebshemmende Wirkungen haben. Doch Kaffee ist nicht gleich Kaffee, weshalb auch dessen Wirkung ganz unterschiedlich sein kann. Die Zusammensetzung hängt stark von der Art der Kaffeebohne, dem Grad ihrer Röstung und der Zubereitungsmethode ab.

Um einem möglichen gesundheitlichen Effekt auf den Grund zu gehen, haben englische Forscher etwa 200 Studien ausgewertet. Das Ergebnis: Das regelmäßige Trinken von drei bis vier Tassen am Tag kann sich durchaus positiv auf den Körper auswirken.

Von dieser Empfehlung ausgenommen sind allerdings Schwangere. Ihnen wird von koffeinhaltigen Getränken sogar eher abgeraten. Ergebnisse einer aktuellen Studie, die im März im Fachmagazin JAMA Network veröffentlicht wurde, deuten darauf hin, dass selbst kleine Mengen Koffein das Wachstum des Babys hemmen können. „Steigende Koffeinwerte waren signifikant mit einem geringeren Geburtsgewicht, einer kürzeren Körperlänge und einem kleineren Kopf-, Arm- und Oberschenkelumfang verbunden“, schreiben die Autoren. An der Studie teilgenommen hatten etwa 2000 Frauen. Alle waren Nichtraucher.

Kaffee stärkt das Herz

Lange Zeit hieß es, dass regelmäßiger Kaffeegenuss schlecht für das Herz-Kreislauf-System sei, da Kaffee den Blutdruck in die Höhe treibe. Falsch ist das nicht. Durch Koffein werden die Stresshormone Adrenalin und Cortisol vermehrt ausgeschüttet. Dadurch schlägt das Herz schneller und die Blutgefäße verengen sich. „Kaffee kann bei einzelnen Personen – genau wie Schwarztee und grüner Tee – nach dem Trinken zu einer kurzfristigen Blutdruckerhöhung um etwa 10 bis 20 mmHg führen“, schreibt die Deutsche Herzstiftung. Schädlich sei dies aber nicht.

Manche Studien belegen sogar eine durchaus schützende Wirkung für das Herz. „Kaffeekonsum war durchgängig mit einem geringeren Risiko für die Sterblichkeit an allen Ursachen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden“, schreiben Wissenschaftler im British Medical Journal. So soll das Trinken von etwa drei Tassen pro Tag das Risiko, an Herz-Kreislauf-Erkrankungen um 19 Prozent, an einem Schlaganfall zu sterben sogar um 30 Prozent senken. Warum das so ist und welche Inhaltsstoffe des Kaffees diesen Effekt auslösen, ist noch nicht erforscht.

Vorsicht ist jedoch geboten, wenn Vorerkrankungen bekannt sind. Gerade bei jüngeren Patienten zwischen 18 und 45 Jahren mit diagnostiziertem Bluthochdruck erhöhe regelmäßiger Kaffeekonsum das Risiko, dass der Blutdruck weiter steigt und therapiebedürftig wird, warnt die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie. Sie bezieht sich dabei auf eine italienische Studie mit etwa 1200 Probanden. Demnach ist „Kaffeekonsum bereits bei milder Hypertonie mit einem erhöhten Herz-Kreislauf-Risiko assoziiert“, fasste Studienautor Lucio Mos die Ergebnisse zusammen.

dpa/Oliver Berg
Inhaltsstoffe

Kaffee besteht aus mehr als 1000 biochemischen Verbindungen, von denen noch nicht alle entschlüsselt sind. Die wichtigsten Inhaltsstoffe der Kaffeebohne sind: Kohlenhydrate, Fette, Wasser, Eiweiße, Säuren, Alkaloide, Minerale und Aromastoffe.

Koffein ist der wohl bekannteste Inhaltsstoff der Kaffeebohne. Es entsteht bei der Photosynthese der Pflanze und gehört zu den Alkaloiden, stickstoffhaltigen Verbindungen. Koffein kommt in vielen Pflanzen vor, auch in Tee und den Samen der Kakaopflanze.

Kaffee ist gut für die Leber

Recht gut wissenschaftlich belegt ist inzwischen die positive Wirkung von Kaffee auf die Leber. Zwei oder mehr Tassen am Tag reduzieren die Gefahr einer Leberzirrhose um zwei Drittel, sofern diese nicht durch ein Virus ausgelöst wird. Bei dieser Erkrankung vernarbt das Lebergewebe, das Organ kann seine Funktion, den Körper zu entgiften, dann nicht mehr richtig ausüben.

Auch Menschen mit einer nicht durch Alkohol ausgelösten Fettleber profitieren von Kaffee. Drei bis sechs Tassen am Tag würden den Stoffwechsel der Leber anregen und deren Werte verbessern. Verantwortlich dafür könnte die antientzündliche Wirkung des Koffeins seins. „Kaffeegenuss geht mit einem geringeren Risiko von chronischen Lebererkrankungen aber auch von Leberkrebs einher (Risikoreduktion um ca. 40 Prozent)“, schreibt die Deutsche Krebsgesellschaft. „Somit ist dem Leberkranken zum Kaffeetrinken zu raten.“

Kaffee kann das Krebsrisiko senken

Generell soll Kaffee das Risiko für Krebserkrankungen minimieren können. „Eine Meta-Analyse von 40 Kohortenstudien zeigte eine geringere Krebsinzidenz für hohen gegenüber geringem Kaffeekonsum“, schreiben britische Wissenschaftler. Das treffe auf Mundhöhlenkrebs, Prostatakrebs, Gebärmutterkrebs oder auch Leukämie zu.

Auch das Risiko für Hautkrebs senke sich durch regelmäßigen Kaffeekonsum. Zu dieser Erkenntnis gelangte ein Forscherteam der Yale School of Public Helath. Die Wissenschaftler werteten Daten einer amerikanischen Ernährungs- und Gesundheitsstudie aus, in der knapp 450.000 Menschen ihre Essgewohnheiten und ihre UV-Belastung über mehr als zehn Jahre dokumentiert hatten. Das Ergebnis: Vier oder mehr Tassen Kaffee täglich können das Hautkrebsrisiko um bis zu 20 Prozent senken.

Doch wie ist es möglich, dass Kaffee das Risiko für Krebs minimiert? Bisher gibt es dafür eher Vermutungen als belegte Erkenntnisse. Wissenschaftler der Harvard T. H. Chan School of Public Health liefern mögliche Erklärungen: Kaffee könne zum Beispiel die Produktion von Gallensäure anregen und so die Verdauung beschleunigen. Dadurch würde sich die Menge an Karzinogenen im Dickdarmgewebe reduzieren.

Des Weiteren hätten Tierstudien gezeigt, dass verschiedene Polyphenole, bestimmte chemische Verbindungen im Kaffee, das Wachstum von Krebszellen verhindern können. Diese Eigenschaft wird auch Koffein zugeschrieben. „Kaffee scheint zudem Entzündungen zu verringern, ein Risikofaktor für viele Krebsarten“, schreiben die Forscher.

Kaffee unterstützt das Gedächtnis

Positiv soll sich Kaffee auch auf das Gedächtnis auswirken. Vor allem das Langzeitgedächtnis würde durch Koffein verbessert. Das haben Wissenschaftler der Johns Hopkins University 2014 herausgefunden. Die Studie, die in der Zeitschrift Nature Neuroscience veröffentlicht wurde, ergab, dass Koffein bestimmte Erinnerungen bis zu 24 Stunden nach dem Konsum verbessert.

Für die Studie mussten sich 160 Probanden über einen Zeitraum von 24 Stunden mehrere Bilder merken. Fünf Minuten nach dem Betrachten der Bilderserie bekam die Hälfte der Teilnehmer eine 200-Milligramm-Koffeintablette. Am nächsten Tag wurde das Gedächtnis auf die Probe gestellt. Den Studienteilnehmern wurden die gleichen Bilder wie am Vortag, einige neue und einige ähnliche gezeigt. Die Probanden der Koffeingruppe waren deutlich besser in der Lage, die Bilder korrekt zu unterscheiden.

Schon seit langem gehen Wissenschaftler der Frage nach, welche Bedeutung Koffein für die Entstehung neurodegenerativer Erkrankungen wie Parkinson haben könnte. In einer finnischen Studie wurden 6710 Männern und Frauen über einen Zeitraum von 22 Jahren immer wieder untersucht. In dieser Zeit hatten diejenigen, die mindestens zehn Tassen Kaffee pro Tag tranken, ein signifikant geringeres Risiko, an Parkinson zu erkranken, als diejenigen, die keinen Kaffee zu sich nahmen.

Parkinson geht mit einem niedrigen Dopaminspiegel im Gehirn einher. In mehreren Studien wurde festgestellt, dass Koffein die Zellen im Gehirn, die Dopamin produzieren, schützt. Das Risiko, an Parkinson zu erkranken, kann durch den regelmäßigen Konsum von koffeinhaltigen Getränken um bis 25 Prozent sinken, sagen Wissenschaftler.

Ähnlich ist der Effekt bei Demenz. Je nach Studie konnte das regelmäßige Trinken von drei bis fünf Tassen Kaffee am Tag, das Risiko für diese Erkrankung zwischen 16 bis 60 Prozent verringern. Die große Spanne zeigt jedoch, wie wenig noch über die Wirkung bekannt ist. Weltweit sind hierzu weitere Studien angekündigt.

Kaffeetrinker leben länger

Und noch eine gute Nachricht zum Schluss: Kaffee senkt die Mortalitätsrate. Zu diesem Ergebnis kamen mehrere Langzeitstudien, darunter eine großangelegten Auswertung umfassender Daten von etwa 500.000 Briten. Dabei haben Forscher vom National Cancer Institut einen Zusammenhang zwischen höherem Kaffeekonsum und niedrigeren Sterberaten herstellen können – in Bezug auf alle möglichen krankheitsbedingten Todesursachen.

Im Vergleich zu Nicht-Kaffeetrinkern hatten diejenigen, die täglich sechs bis sieben Tassen tranken, ein um 16 Prozent geringeres Risiko für einen frühen Tod. Bei Instantkaffee und entkoffeiniertem Kaffee zeigte sich ein ähnlicher gesundheitlicher Effekt. Die Autoren der Studie vermuten, dass bestimmte biochemische Verbindungen im Kaffee Entzündungen reduzieren und Krankheiten dadurch weniger stark ausbrechen.

Doch wer jetzt denkt, Kaffee sei ein wahres Lebenselixier, der wird enttäuscht. Jeder Körper reagiert anders auf die Inhaltsstoffe. Daher kann nicht von einem allgemeingültigen Effekt ausgegangen werden. Und es gibt noch jede Menge andere Faktoren, die die Gesundheit beeinflussen: Lebensumstände, Ernährung, Nikotinkonsum und auch die eigene Genetik. Nichtsdestotrotz: Kaffee kann einiges mehr als nur die Lebensgeister am Morgen erwecken.