Das Masernvirus soll bereits in der Antike von Rindern auf den Menschen übertragen worden sein.
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BerlinDie Masern sind hoch ansteckend. Ein Erkrankter infiziert etwa zwölf bis 18 Menschen. Das liegt unter anderem daran, dass das Masernvirus (Measles morbillivirus) lange als Aerosol in der Luft schwebt. Es kann also in der Raumluft zwischen Menschen übertragen werden, die gar keinen direkten Kontakt haben. Erste Berichte über die Masern sollen aus dem 7. Jahrhundert stammen. Doch die Masernviren sind vermutlich viel älter und sollen einen ähnlichen Weg hinter sich haben wie das neuartige Coronavirus. Sie entstanden einst durch Übertragung eines Virus vom Tier auf den Menschen. Und dies soll bereits vor etwa 2600 Jahren passiert sein, mitten in der Antike. Herausgefunden hat das ein internationales Team, an dem Wissenschaftler des Berliner Robert Koch-Instituts (RKI), des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité sowie von Universitäten in Leuven, Oklahoma und Los Angeles beteiligt waren. Am 19. Juni 2020 erschien dazu eine Studie im Fachjournal Science.

„Es wird angenommen, dass die Masern durch die Übertragung eines Virus von Rindern auf Menschen entstanden sind“, heißt es in der Mitteilung des RKI zu der Studie. „Bei diesem Virus handelte es sich um einen gemeinsamen Vorfahren des Masernvirus und des nah verwandten Rinderpestvirus.“ Um herauszufinden, wann die Übertragung geschehen ist, analysierten die Forscher zunächst ein Präparat aus der Sammlung des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité, und zwar die in Formalin eingelegte Lunge eines 1912 an Masern verstorbenen zweijährigen Kindes. Diese gehört zu den Sammlungen, die einst Rudolf Virchow und seine Nachfolger an der Charité anlegten. Dabei konnte aus einer kleinen Lungen-Gewebeprobe ein „beinahe vollständiges Maserngenom“ rekonstruiert werden, also das Erbgut des Virus. Es handle sich um das bisher älteste Genom eines menschlichen RNA-Virus, das sequenziert werden konnte, so das RKI.

„Wir waren begeistert, dass unsere Experimente auf Anhieb funktionierten und dass wir so virale RNA aus einer derart alten Probe gewinnen konnten“, sagte Sébastien Calvignac-Spencer vom RKI, der mit seinem Team das Genom sequenzierte. „Hier zeigt sich der außerordentliche Wert von medizinischen Präparatesammlungen“, ergänzte Thomas Schnalke, Leiter des Berliner Medizinhistorischen Museums. „Sie dienen nicht nur als historische, sondern auch als molekulare Archive.“

Die Forscher wandten im nächsten Schritt die Methode der sogenannten molekularen Uhr an. Sie besteht darin, mittels Gen-Sequenzierung den Zeitpunkt abzuschätzen, an dem sich zwei Arten von einem gemeinsamen Vorfahren abspalteten. Auf diesem Weg hatte man zum Beispiel bereits herausgefunden, dass das Humane Immundefizienz-Virus (HIV) im frühen 20. Jahrhundert auf den Menschen übergesprungen war. Forscher zeigten, dass das Virus mindestens zweimal die Artengrenze überwunden hatte. Es sprang vom Affen auf den Menschenaffen über und schließlich auf den Menschen.

Beim Masernvirus wandten die Forscher die Methode der molekularen Uhr an, indem sie das Masern-Erbgut von 1912 mit bereits veröffentlichten Genomen verwandter Viren verglichen. Dazu gehörten Rinderpestviren und Viren, die die sogenannte Pest der kleinen Wiederkäuer auslösen, eine Viruserkrankung bei Schafen und Ziegen. Die Wissenschaftler wollten ermitteln, wann der letzte gemeinsame Vorfahre von Masern- und Rinderpestviren vorkam. Das errechnete Datum bezeichnet den frühestmöglichen Zeitpunkt für die Entstehung der Masern. 

„Frühere Studien, die ebenfalls auf molekularen Uhren basieren, vermuteten, dass Masern erst im Mittelalter auftraten“, sagt Philippe Lemey, Bioinformatiker an der Katholieke Universiteit (KU) Leuven. „In diese Berechnungen wurden jedoch keine langfristigen evolutionären Dynamiken einbezogen, sodass das Alter der Masernviren deutlich unterschätzt wurde“, sagt Lemey, der mit seiner Arbeitsgruppe neue Modelle entwickelt hat, die solche systematischen Fehler vermeiden sollen.

„Die neuen Berechnungen ergeben, dass Masern ab dem 6. Jahrhundert v. Chr. entstanden sein könnten, also zu einer Zeit, die durch Bevölkerungswachstum und die Entstehung großer Städte in Europa und in Asien gekennzeichnet war“, heißt es in der Mitteilung des RKI. Um nicht auszusterben, sei das Masernvirus auf große, miteinander verbundene menschliche Populationen angewiesen. Eine hinreichende Bevölkerungsdichte habe es aber sehr wahrscheinlich nicht vor dem ermittelten Zeitpunkt gegeben. „Wir können zwar nicht mit absoluter Gewissheit sagen, ob die Masern direkt im 6. Jahrhundert v. Chr. entstanden sind und ob ihre Entstehung an demographische Veränderungen gekoppelt war“, sagt Kyle Harper, Historiker an der University of Oklahoma, „aber ein solches Szenario ist definitiv plausibel und kann nun nicht mehr ausgeschlossen werden.“

Die notwendige Bevölkerungsdichte bezeichnen Forscher als "Critical Community Size" (CCS). Epidemiologen schätzen, dass etwa 250.000 bis 500.000 Menschen an einem Ort leben müssen, damit das Masernvirus auf Dauer in einer Bevölkerung zirkulieren kann. Um 600 v. Chr. stand das antike Athen in seiner Blüte. Der Stadtstaat der Athener hatte etwa 300.000 Einwohner. Um 600 v. Chr. entwickelte sich auch Rom zur Stadt. Das persische Großreich entstand. Allerdings sind große Masernausbrüche aus jener Zeit nicht überliefert. Erst im Jahre 910 erfolgte die erste bekannte ausführlichere Beschreibung der Krankheit. Ein persischer Arzt, im Westen bekannt unter dem Namen Rhazes, schrieb, sie sei „mehr gefürchtet als die Pocken“. In Europa sprach man erst im Frühmittelalter von Masern, wie linguistische Untersuchungen ergaben.

Offenbar gab es lange keine eindeutige Abgrenzung von anderen ansteckenden, fieberhaften Krankheiten, die mit Hautausschlägen einhergehen, etwa Pocken, Scharlach oder den Röteln, die in England „German Measles“ genannt wurden. Erst im 17. Jahrhundert grenzte der englische Arzt Thomas Sydenham die Masern während einer großen Epidemie in London von anderen Leiden ab.

Hierzulande gehören die Masern heute zu den am meisten unterschätzten Krankheiten. Weltweit sind aber allein im Jahr 2018 immerhin etwa 140.000 Menschen an der Krankheit gestorben. Im Jahre 2000 waren es noch 535.000 Menschen. Die hoch ansteckende Krankheit ist ein herausragendes Beispiel  dafür, wie erfolgreiche Eindämmung den Blick auf eine Krankheit grundlegend verändern kann.

Vor der Einführung der Impfung erkrankte im Grunde jedes Kind an Masern. Auch Erwachsene können noch erkranken. In 20 bis 30 Prozent der Fälle treten Komplikationen auf, darunter Mittelohr- und Lungenentzündungen. Die körpereigene Abwehr ist generell für längere Zeit geschwächt - mitunter bis zu drei Jahre. Mit erhöhter Anfälligkeit für andere Infekte. Hierzulande sind die Masern sehr selten lebensgefährlich. In Entwicklungsländern aber sterben teilweise bis zu 25 Prozent der Erkrankten, in erster Linie Lungenentzündungen. 

In der Geschichte forderte das Masernvirus immer dann viele Opfer, wenn es auf eine nicht immunisierte Bevölkerung traf. Nach der „Entdeckung“ Amerikas zum Beispiel starb ein großer Teil der einheimischen Bevölkerung an Masern, Pocken oder Typhus – eingeschleppt durch die Europäer. Noch im 19. Jahrhundert starben 40.000 von 148.000 Einwohnern Hawaiis an einer Masernepidemie. Auch ein Viertel der Bevölkerung der Fidschi-Inseln erlag 1874 den Masern. Das Virus wurde 1954 erstmals isoliert, 1963 gab es den ersten zugelassenen Impfstoff gegen Masern. Seit März 2020 gibt es in Deutschland eine Masernimpfpflicht.