Neue Studie: Privatleben stresst uns mehr als der Job

Alle haben wir Stress - und daran ist vor allem der Job schuld, dachten wir zumindest. Denn eine neue US-Studie besagt genau das Gegenteil. Der wirklich nervenaufreibende Teil des Lebens lauert demnach nicht hinterm Schreibtisch, wie es unzählige wissenschaftliche Untersuchungen zuvor nahelegten, sondern zu Hause, in den eigenen vier Wänden. Unser Privatleben macht uns mehr zu schaffen als die Arbeit, wie die US-Wissenschaftlerin Sarah Damaske herausgefunden hat.

„Zu Hause ist, so glauben die meisten von uns, der Ort, wo wir uns von der Arbeit erholen“, so Damaske. Doch ihre Studie stellt den Ruf des Heims als sicheren Hort, als ruhigen Rückzugsorts vor allen Unwägbarkeiten der (Arbeits-)Welt auf den Kopf.

Entspannung im Job, Stress zu Hause

Das Forscherteam um die Professorin der Pennsylvania State University ließ 122 Probanden sechs Mal am Tag Speichelproben nehmen, um ihren Cortisolwert zu überprüfen - ein Hormon, das vor allen Dingen bei Stress ausgeschüttet wird. Das verblüffende Ergebnis: Den entspannten Teil des Tages erlebten die berufstätigen Frauen und Männer nicht zu Hause, sondern bei der Arbeit. Und zwar unabhängig von Geschlecht, Bildungsniveau oder dem Beschäftigungsgrad, erklärte Damaske dem National Public Radio.

Frauen sind bei der Arbeit glücklicher

„Wir waren überrascht, dass sogar Eltern - sowohl Väter als auch Mütter - bei der Arbeit ein niedrigeres Stresslevel hatten als zu Hause“, wie Damaske auf der Internetseite des „Council on Contemporary Families“ in einer Zusammenfassung ihrer Studie schreibt. Außerdem befragten die Forscher die Probanden, wie sie sich während der dreitägigen Studie fühlten. Männer gaben öfter an, zu Hause zufriedener zu sein - Frauen waren dagegen eher bei der Arbeit glücklicher.

Frauen übernehmen zu Hause mehr Aufgaben

Einen Grund hierfür sehen die Forscher darin, dass Frauen zu Hause immer noch deutlich mehr Aufgaben übernehmen als Männer. Demnach investieren sie immer noch mehr Zeit in Hausarbeit und Kindererziehung. Hinzu kommt: Zu Hause werden ihre Bemühungen oft nicht wahrgenommen. Nicht nur, dass es im Job dagegen in Form des Gehalts regelmäßig einen offensichtlichen Gegenwert gibt. „Bezahlte Arbeit wird von der Gesellschaft mehr geschätzt“, sagte Damaske dem Wall Street Journal. „Arbeit im Haushalt ist monoton und nicht sehr befriedigend." Und ein Ende der 'Arbeit zu Hause' ist eben oft nicht in Sicht: „Du kannst Deine Familie schließlich nicht feuern“, wie Belinda Luscombe im Time-Magazine über die Studie resümiert. Und: „Man kann letztlich nie von zu Hause nach Hause gehen“.

Berufstätige sind mental gesünder

Professorin Damaske schreibt, dass ihre Studie auch zu anderen älteren Forschungsergebnissen passe: So seien Berufstätige mental und physisch gesünder als Menschen, die nicht arbeiten. Und Mütter, die in ihren Zwanzigern und Dreißigern ständig Vollzeit arbeiteten, hätten mit 45 Jahren eine bessere psychische und körperliche Gesundheit als Mütter, die zu Hause blieben oder nur Teilzeit beschäftigt waren.

Mehr Flexibilität für Arbeitnehmer gefordert

Ihre Studie, die kürzlich im Magazin „Social Sciences & Medicine“ erschienen ist, lasse auch Rückschlüsse auf die Arbeitswelt zu: „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass es langfristig keine gute Idee sein könnte, Berufstätigen den Ratschlag zu geben, im Job kürzer zu treten, um die Konflikte zwischen ihrem Familien- und Arbeitsleben zu lösen.“ Stattdessen müssten Unternehmen Arbeitnehmern mehr Flexibilität zugestehen, was etwa die Arbeitszeiten und den Arbeitsort angehe. Also vielleicht mal ein bisschen Chaos von zu Hause mit an den Arbeitsplatz nehmen. Nur: Dann ist es wohl vorbei - mit der Entspannung im Büro.