Wer Kaffee trinkt, lebt länger. Das behaupten Gesundheitsforscher der US-amerikanischen Harvard University. Sie veröffentlichten erst vor wenigen Tagen die Ergebnisse eine Studie mit 200.000 Teilnehmern. Diese lief über drei Jahrzehnte und zeigte, dass die Todesrate unter den Menschen, die regelmäßig Kaffee tranken, niedriger lag als unter jenen, die Kaffee verschmähten.

Hurra, rufen die einen. Der Kaffee ist endlich rehabilitiert! Andere fragen: Ist denn wirklich bewiesen, dass es am Kaffee liegt? Was ist aus dem bösen Teufelsgebräu geworden, das angeblich Wasser aus dem Körper presst und das Herz anpeitscht? Viele erinnern sich noch an den Kanon aus dem Musikunterricht. Der sächsische Komponist Carl Gottlieb Hering schrieb ihn vor zwei Jahrhunderten: „C-a-f-f-e-e, trink nicht so viel Kaffee!/ Nicht für Kinder ist der Türkentrank,/ schwächt die Nerven, macht dich blass und krank./ Sei doch kein Muselmann, der ihn nicht lassen kann!“

Von wegen Türkentrank und Muselmann! Seit Langem schon ist der Kaffee das Nationalgetränk der Deutschen. Denn sie trinken im Schnitt 162 Liter Kaffee pro Jahr. Wenn also die Forscher recht haben mit ihrer Behauptung, dass Kaffee die Sterblichkeit senke, dann müssten die Deutschen ein Volk der Langlebigen sein. Und die eifrigsten Kaffeetrinker der Geschichte wären uralt geworden.

Der französische Schriftsteller Honoré de Balzac zum Beispiel. Er soll pro Tag bis zu 50 Tassen Kaffee getrunken haben. Oder Beethoven, der für jeden seiner Aufgüsse exakt 60 Bohnen abzählte. Aber Balzac wurde nur 51, Beethoven 56 Jahre alt. Na gut, das lag vor allem auch an anderen Problemen, an Blei in den Rohren oder einem allgemeinen Raubbau an der Gesundheit. Aber der Kaffee hat die beiden zumindest nicht gerettet.

Dennoch singen Forscher seit einiger Zeit ein immer lauteres Loblied auf ihn. Allein für diesen Text wurden 30 Studien herangezogen, die von 1990 bis heute weltweit erschienen. Schaut man sich diese an, sieht man recht schnell, dass Balzac und Beethoven gar keine Chance hatten.

Kaffee scheint zwar – früheren Urteilen widersprechend – wirklich die Gesundheit zu fördern, aber nur, wenn man ihn „moderat genießt“. Und dafür ergibt sich aus dem Querschnitt der Studien ein Richtwert: zwischen zwei und fünf Tassen pro Tag. Wobei normale Kaffeetassen gemeint sind, keine Riesenpötte. Mit seinen 50 Tassen pro Tag hat Balzac also fast so etwas wie Kaffee-Suizid betrieben. Und auch Beethoven zählte wahrscheinlich viel zu viele Bohnen ab.

Nur im Zusammenhang mit dem allgemeinen Lebensstil

Der Kaffeekonsumkann nur im Zusammenhang mit dem allgemeinen Lebensstil betrachtet werden. Menschen, die sehr viel Kaffee trinken, rauchen oft auch, bewegen sich wenig, konsumieren viel Alkohol, essen wenig Obst und viel Fleisch. Eine US-Langzeitstudie mit 229.000 Männern ergab, dass unter jenen, die täglich mindestens sechs Tassen tranken, 35 Prozent Raucher waren.

Aber, und das ist das Überraschende: Sogar diese ungesund lebenden Menschen profitierten noch vom Kaffeetrinken. Die gesamte Gruppe der Vieltrinker – mit und ohne Raucher – besaß immer noch ein um zehn Prozent geringeres Risiko, während des zehnjährigen Studienzeitraums zu sterben, als die Gruppe der Kaffee-Abstinenzler. Eine finnische Studie bestätigte den Effekt.

Woran könnte das liegen? Vielleicht daran, dass die Kaffeetrinker weniger stark zuckerhaltige Softdrinks konsumierten? Oder überhaupt mehr Flüssigkeit zu sich nahmen? Das Märchen, dass Kaffee „dem Körper Wasser entziehe“, ist nämlich längst widerlegt. Man kann Kaffee dem Flüssigkeitshaushalt des Körpers zurechnen, als habe man nur Wasser getrunken.

Vielleicht wirken auch irgendwelche geheimen Inhaltsstoffe des Kaffees? „Die chemische Zusammensetzung von Kaffee ist äußerst komplex“, sagt Krasimira Aleksandrova vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke. Und so geheim ist sie auch gar nicht. Neben dem Koffein, das jeder kennt, konnten Forscher bisher mehr als 1000 Inhaltsstoffe nachweisen. Dazu gehören Mineralien, Eiweißstoffe, Fette und Öle, sekundäre Pflanzenstoffe wie Polyphenole, Aminosäuren, Antioxidantien.

Forscher sagen, dass man in vielen Fällen keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen dem Kaffeekonsum und dem Gesundheitseffekt herstellen könne. Dazu seien weitere Studien nötig. Dennoch gibt es durchaus Indizien. Wer regelmäßig moderat Kaffee trinkt, senkt zum Beispiel deutlich sein Risiko, an Diabetes Typ 2 zu erkranken – pro Tasse um sieben bis acht Prozent. Dies sei durch mehrere Studien belegt, schrieb der Münchener Mediziner und Stoffwechsel-Experte Klaus Parhofer. Offenbar stimuliert das Koffein die Insulinproduktion in der Bauchspeicheldrüse.

Kaffee soll auch vor Krebs schützen. Das zeigen Studien aus den USA, Schweden und Japan. Moderate Kaffeetrinker haben ein um 20 Prozent niedrigeres Risiko, an Hautkrebs zu erkranken, als Kaffee-Abstinenzler. Ob das daran liegt, dass Kaffeefreunde lieber unterm Sonnenschirm des Cafés sitzen als in der prallen Sonne, wird nicht gesagt. Andererseits sinkt auch das Risiko für Nieren-, Leber-, Blasenkrebs und die Rückfallquote bei Darmkrebs, wenn man regelmäßig Kaffee trinkt. Als mögliche Faktoren werden entzündungshemmende sekundäre Pflanzenstoffe diskutiert sowie Antioxidantien, die vor krebsfördernden Freien Sauerstoffradikalen in den Zellen schützen.

Moderater Kaffeekonsum wirkt in gewissem Maße dem Risiko entgegen, später an Parkinson und Alzheimer zu erkranken. Das Koffein habe Einfluss auf die sogenannten Tau-Ablagerungen, die bei Alzheimer zur Zerstörung der Nervenzellen im Gehirn beitragen, schreiben Forscher. Kaffee fördert auch die Selbstreinigung der Zellen und hilft, das Erbgut vor umweltbedingten Schäden zu schützen. „Wir kommen zu dem Schluss, dass regelmäßiger Kaffeekonsum zur Instandhaltung der DNA beiträgt“, sagt die Chemikerin Elke Richling von der TU Kaiserslautern.

Vom Teufelsgebräuzum Verjüngungsmittel

Ist also aus dem Teufelsgebräuein Verjüngungsmittel geworden? Es scheint fast so. Dennoch bleibt Kaffee ein Stoff, der in Maßen genossen sein will. Das Koffein – ein Alkaloid – hat die Kaffeepflanze ursprünglich entwickelt, um schädliche Insekten abzuwehren. Die tödliche Dosis beim Menschen liegt bei zehn Gramm. Dazu müsste man allerdings 200 Tässchen mit doppeltem Espresso hintereinander trinken. Das macht wohl niemand.

Dennoch sollte man sich selbst beobachten: Wie reagiere ich auf Kaffee? Werde ich unruhig, bekomme ich Herzklopfen, Schlafstörungen? Das betrifft vor allem Leute, die bisher noch keinen Kaffee getrunken haben. Bekomme ich Sodbrennen, Magendrücken? Das könnte vor allem bei Filterkaffee der Fall sein. Der Grund: Bei der Röstung freigesetzte Stoffe fördern die Magensäureproduktion. Auf Espresso-Basis hergestellter Kaffee wird von vielen Menschen besser vertragen.

Kaffee könne den Ergebnissen mancher Studien zufolge die Aufnahme von Mineralstoffen wie Kalzium hemmen und Krankheiten wie Osteoporose fördern. Die Folgen seien aber wohl insgesamt nicht so relevant, erklärt der Mediziner Klaus Parhofer. Die Knochendichte nehme zwar bei regelmäßigem Kaffeekonsum etwas ab. Es komme aber nicht häufiger zu Brüchen.

Schweizer Forscher wiederum stellten fest, dass Kaffee die Durchblutung des Herzmuskels bei körperlicher Anstrengung reduzieren könne, vor allem in großer Höhe oder bei Menschen mit Herz-Kreislauf-Problemen. Allerdings nahmen an ihrer Studie nur 18 gesunde Freiwillige im Alter von 21 bis 33 Jahren teil, bei denen die Herzkrankheit durch Sauerstoffreduktion simuliert wurde. Möglicherweise störe das Koffein die Anpassung der Gefäße an die geforderte Leistung, so die Forscher.

Dem steht eine Publikation von Harvard-Forschern gegenüber, die 36 Studien mit 1,3 Millionen Teilnehmern auswerteten. Das Ergebnis: Menschen, die täglich zwischen drei und vier Tassen Kaffee tranken, hatten das geringste Risiko, eine Herz-Kreislauf-Erkrankung zu erleiden. Das höchste Risiko besaßen Menschen, die gar keinen Kaffee tranken. Koreanische Forscher wiederum stellten fest, dass Kaffeetrinker weniger Kalk in den Herzkranzgefäßen hatten. Das änderte sich auch nicht, als die Ärzte nur Raucher oder Übergewichtige miteinander verglichen.

Viele Ärzte warnen Menschen mit Herzrhythmusstörungen vor Kaffee. Hier kommt es sicher auch auf die Art der Störung an, und man muss in jedem Fall sorgsam entscheiden. Allerdings ergab im Jahre 2010 eine US-Studie mit 130?000 Teilnehmern: Menschen, die regelmäßig Kaffee trinken, leiden im Durchschnitt weniger an Herzrhythmusstörungen als solche, die das nicht tun.

Ein Mittel gegen chronischen Stress

Bei mindestens vier Tassen pro Tag, sank das Risiko um 18 Prozent, bei drei Tassen um sieben Prozent. Die Forscher vermuten hier ein Zusammenspiel mit der körpereigenen Substanz Adenosin, die die Weiterleitung elektrischer Impulse des Herzens beeinflusst. Portugiesische Forscher stellten fest, dass moderat genossener Kaffee sogar chronischen Stress lindern kann. Ebenso geben Studien Entwarnung beim Blutdruck. Der soll sich zwar durch Kaffee kurzfristig erhöhen. Jedoch nicht mehr bei regelmäßigem Trinken.

Allerdings kommt es auch hier immer auf die allgemeine Lebensweise an, ebenso auf Krankheiten, die man bereits hat. Es schadet nichts, den Arzt zu fragen, ob man beruhigt seine zwei bis fünf Tassen am Tag trinken kann. Doch eins ist klar: Wer einmal angefangen hat, braucht den Kaffee dann auch. Das merkt wohl jeder, der mal einen Tag keinen Zugang zu seinem „Stoff“ hat.

Viele bekommen Kopfschmerzen, werden reizbar und schläfrig. Das sind Entzugssymptome, die zwei bis neun Tage anhalten können. Ein englischer Forscher sagt: „Es ist besser, entweder jeden Tag Kaffee zu trinken oder es ganz bleiben zu lassen.“ Also, wenn es schmeckt und belebt, sollte man auch zu seiner kleinen Abhängigkeit stehen. Man muss es ja nicht gleich übertreiben wie Balzac.