Selten reagiert die Fachwelt so euphorisch auf eine neue Therapie: von einem „Durchbruch“, einem „Meilenstein“ und einem „Grund für eine große Feier“ ist die Rede. Der Anlass: Ärzte um Peter Middleton von der University of Sydney stellen im New England Journal of Medicine eine Kombination dreier Wirkstoffe gegen Mukoviszidose vor, die viel bewirkt. Die Behandlung bessere die Situation bei bis zu 90 Prozent der an der Stoffwechselerkrankung leidenden Patienten deutlich, berichten die Forscher. In den USA wurde das Präparat Trikafta nach einem beschleunigten Verfahren am 21. Oktober für Patienten ab zwölf Jahren zugelassen.

Mukoviszidose – auch cystische Fibrose (CF) genannt – ist in Europa die häufigste angeborene Stoffwechselerkrankung. Weltweit haben mehr als 70.000 Menschen die Krankheit. Fehlerhafte Kanäle auf der Oberfläche von Zellen führen bei den Patienten dazu, dass Schleim in Bronchien, Bauchspeicheldrüse, Schweißdrüsen, Verdauungstrakt und anderen Organen so zähflüssig wird, dass er nicht mehr richtig abfließen kann. Folgen der lebensbedrohlichen und bislang unheilbaren Erkrankung sind Dauerhusten, chronischer Durchfall und Lungenentzündungen.

Neue Therapie gegen Mukoviszidose: „Bereits nach zwei Wochen sind die Patienten unter der Therapie fitter“

Ursache der Krankheit sind Veränderungen am Gen CFTR. Mehr als 1700 solcher Mutationen können Mukoviszidose auslösen. Die neue Therapie zielt auf die mit Abstand häufigste Mutation ab, sie trägt die Bezeichnung Phe508del. Zwar wurden in den vergangenen Jahren diverse Therapien zugelassen, sie kommen jedoch nur für Teilgruppen der Patienten infrage.
An der nun publizierten Studie nahmen mehr als 100 Zentren in 13 Ländern teil. Insgesamt waren es etwas mehr als 400 Patienten, die alle die Phe508del-Mutation in sich tragen. Eine Hälfte von ihnen bekam die drei Wirkstoffe Elexacaftor, Tezacaftor und Ivacaftor, die übrigen erhielten ein Scheinpräparat. Nach vier Wochen war die Lungenfunktion im Vergleich zum Placebo um rund 14 Prozent verbessert. Verschlechterungen der Lungenfunktion traten mit den neuen Wirkstoffen deutlich seltener auf.

„Bereits nach zwei Wochen sind die Patienten unter der Therapie fitter, respiratorisch verbessert und zeigen die enorme Lungenfunktionsverbesserung“, sagt Sabine Renner von der Medizinischen Universität Wien, deren Ambulanz für cystische Fibrose an der Studie teilgenommen hatte. „Zusätzlich zeigt sich eine völlig unkomplizierte Gewichtszunahme, auch bei Patienten, die bisher immer um jedes Gramm kämpfen mussten.“

Neue Mukoviszidose-Therapie: Zwei der insgesamt 200 mit dem Präparat behandelten Patienten brachen die Therapie ab

Zwei der insgesamt 200 mit dem Präparat behandelten Patienten brachen die Therapie ab – wegen Bluthochdruck und wegen Hautausschlag. Insgesamt hatten 28 mit der Kombination behandelte Patienten ernste Nebenwirkungen, verglichen mit 42 in der ebenso großen Placebogruppe. Generell sprechen die Autoren von einem akzeptablen Nebenwirkungsprofil.
Zugelassen wurde das Präparat Trikafta in den USA für Patienten ab zwölf Jahren mit der entsprechenden Mutation am CFTR-Gen. Die Zulassungsbehörde FDA schreibt, dass das Dreier-Präparat in der zweiten, noch unveröffentlichten Studie die Lungenfunktion im Vergleich zur derzeitigen Zweier-Kombination um 10 Prozent besserte.

Erstmals stehe für die Mehrheit der Patienten eine kausale Therapie zur Verfügung, sagt Mirjam Stahl vom Deutschen Zentrum für Lungenforschung in Heidelberg. Das sei tatsächlich ein großer Durchbruch. Das bestätigt auch die Wiener Expertin Renner. „Im Rahmen der Studie konnte (und kann) ich Patienten mit der Triple-Therapie begleiten“, erläutert sie. Es sei eine Freude zu sehen, wie wenig CF-Beschwerden sie beklagten.

Neue Mukoviszidose-Therapie für Deutschland noch nicht absehbar

Dennoch, betont Sabine Renner, dürfe man nicht jene Betroffenen vergessen, die nicht für die Therapie infrage kämen. Dazu zählten Patienten mit anderen Mutationen, mit Unverträglichkeit der Triple-Therapie und mit einer deutlichen Lebererkrankung – was bei Mukoviszidose recht häufig ist.

Wann und für welche Patienten die Therapie in Deutschland zugelassen wird, sei noch nicht ganz absehbar, sagt CF-Experte Simon Gräber von der Charité Berlin. Da die europäische Arzneimittelbehörde in der Vergangenheit deutlich strengere Kriterien zur Zulassung in einzelnen Patientengruppen angewendet habe, seien Prognosen schwierig. Es sei möglich, dass die Dreifachkombination erst in verschiedenen Stufen für europäische Patienten zur Verfügung stehe. Er betont: „Auch wenn die Behandlung ein großer Durchbruch für 90 Prozent der Patienten ist, bedeutet sie bisher keine komplette Heilung für diese Patienten.“ (dpa/fwt)